Was heisst denn siegen?
Und ploetzlich war die Strasse weg … Da, wo vor Stunden noch bruechiger Asphalt gelegen hatte, tat sich jetzt ein Abgrund auf. Unten sprudelte jetzt ein Fluss, das Wasser floss durch Betonroehren und darueber hinweg.
Bereits auf den Kilometern zuvor war die Strasse an mehreren Stellen nach den heftigen Regenfaellen der letzten Tage und Stunden weggebrochen – das ukrainische Fernsehen sprach von den staeksten Unwettern der letzten hundert Jahre. Doch jedes Mal hatte es noch schmale Streifen fuer mich und mein Fahrrad gegeben, waehrend Autos schon nicht mehr durchkamen.
Ich ueberlegte nicht lange, stieg vom Fahrrad, kletterte den Berghang hoch, um zu sehen, ob sich der Fluss oben verengte, ob ich ihn dort ueberqueren koennte. Bald wurde der Wald zu dicht, ich stieg wieder ab.
Von der russischen Steppe durch die Kohlegruben im Donbass in die Karpaten – die Organisatoren der Tour de Wolga 2008 hatten sich in diesem Jahr ein besonders anspruchsvolles Streckenprofil ausgedacht. Der Fahrer sollte offenbar zum Aufgeben gezwungen werden. Temperaturunterschiede von dreissig Grad innerhalb einer Woche, fuenf Bergetappen, zwei Sauftage, das waren wirkliche Herausforderungen.
Ein Bergbauer stand neben meinem Fahrrad, ich fragte ihn, ob er einen Weg ueber den Fluss kenne. “Ja, hinter der Garage!” Ich dachte, weit unten im Tal, wo einzelne Haeuser an der Abhaengen klebten. Er aber meinte tatsaechlich die naechste Garage, ein paar Meter weiter. Dort stand ein junge Frau im Pullover, die sich nass regnen liess und aus irgendeinem Grund freute. Als sie dann hoerte, dass ich bereits 6000 Kilometer gefahren war, freute sie sich noch mehr.
Ich liess mir den Weg zeigen, den der Bergbauer gemeint hatte, sie kannte ihn auch. Sie rutschte mir zuliebe sogar den Abhang mit runter, hin zu der Stelle, wo man den Fluss angeblich uebwerwinden konnte. O bosche moi, ich betete und bat meine Begleiterin um ein letztes Foto. Ein Pfahl und eine Bohle lagen auf den nassen Steinen, das war die Bruecke. Mein Fahrrad samt Gepaeck wuerde ich auf den Schultern tragen muessen. Es gelang irgendwie, ohne dass ich ins Wasser rutschte. Drueben kam mir ein Vater mit seinem Kind entgegen, das er auf den Armen trug. Berghoch fiel ich zwei Mal in den Matsch, aber mein Fahrrad hielt ich fest. Dann war es geschafft, ich stand wieder auf der Strasse und konnte weiter fahren.
Bis ins naechste Bergdorf waren nur ein paar Steigungen zu ueberwinden, es nieselte bloss noch. Im Dorfgeschaeft gabs keinen Strom, also auch keinen heissen Tee, wie ich gehofft hatte. Ich trank einen Liter Apfelsaft. Einige Bauern guckten mir zu, fragten aber nichts. Es regnete wieder heftiger. Etwa zwei Stunden blieben noch bis zur Dunkelheit, ich wollte im Tal ein Hotel finden, die naechste kleinere Stadt lag nur 15 Kilometer entfernt.
Doch nach einer abschuessigen Fahrt fehlte wieder ein Stueck Strasse, der Asphalt lag im Fluss, Baeume und Schlamm hatten ihn weggespuelt. Ich pruefte ohne Fahrrad, wie weit ich ueber die Baeume klettern konnte, es sah aus, als wuerde es reichen, auf die andere Seite zu gelangen. Also kehrte ich um, holte das Fahrrad, fotografierte die gefaehrliche Lage, fluchte auf die organisatorische Leitung und dann – versank ich bis zu den Hueften im Schlamm. Ich kam wieder hoch, ermahnte mich, nicht in Panik zu verfallen, versank wieder im gelblichen, klebrigen Untergrund, und das Fahrrad auch. Ich schaffte es wieder, mich am naechsten Ast hoch zu ziehen. Es ging jetzt besser vorwaerts, einige Zaunlatten lagen nebeneinander, offenbar hatte bereits jemand eine Art Weg angelegt.
Es sind nur Schmutz und Wasser, troestete ich mich, als ich irgendwie doch auf den Asphalt gelangte.
Zwei Waldarbeiter sassen unter Baeumen, sie hatten ihren Jacken ueber die Koepfe gezogen, um sich vor dem Regen zu schuetzen, es blitzte und donnerte jetzt auch. Ich bat sie rasch, mich zu fotografieren, schliesslich braucht man Beweise …
Nach 143 Kilometern endete diese Etappe auf einem Berghang hinter Verchovyna, im zwar nassen Zelt und im feuchten Schlafsack, aber ein Blick auf meine Wadenmuskeln versoehnte mich mit meinem Schicksal.
(Khust, Westukraine, 31.7.2008)


