Was schreiben?
Lineal für Kritiker
Natürlich gibt es objektive Maßstäbe für Qualität in der Kunst. Einer lautet: „Der Rang eines Kunstwerks bemisst sich daran, wie weit es ermöglicht, uns von ihm zu entfernen, ohne es zu verlassen.“ (Heiner Müller) Mit anderen Worten: Wie stark regt das Kunstwerk zu Erkenntnissen an, wie stark und nachhaltig verändert es das Bewusstsein, wie glaubwürdig verzaubert oder verführt es. Ein Roman sollte Steine erweichen können, seine Lektüre sollte dem Leser die Tränen in die Augen treiben, egal, ob es Lachtränen oder Tränen des Schmerzes sind.
Maßnahmen gegen die Finanzkrise
Die Erfahrung aus der Planwirtschaft lehrt, dass, wenn die politische Macht Wertbildungsprozesse zu stark reglementiert, innerhalb des Bewertungssystems gar nicht mehr entschieden werden kann, ob es sich bei der Produktion von einzelnen Waren oder Gütern überhaupt um Wertbildungs-, und nicht vielmehr um Wertvernichtungsprozesse handelt. Angela Merkel sollte Leo Trotzki lesen, „Die verratene Revolution“, erschienen 1936, dann verstünde sie, was die Konjunkturmaßnahmen der Regierung bewirken können – über einen ausreichend langen Zeitraum betrachtet.
Der Wanderer
Gegen solch einen Schachgegner hatte ich noch nie gespielt: Er pfiff die meiste Zeit vor sich hin, und zwar immer das gleiche Lied: Das Wandern ist des Müllers Lust.
Ich wollte eigentlich mit der Internationale antworten.
Das Anderssein
Wo die Deutschen Entweder-Oder denken, fragen die Russen oder die Ukrainer: Was kann ich – was muss ich tun? Die Deutschen haben eine Kausalitätskultur, deshalb können sie viel besser organisieren, ober- flächlich betrachtet auch logischer handeln. Das Entweder-oder fordert zum Bekenntnis auf, die Persön- lichkeit wird nach maschinellen Kriterien betrachtet. Ukrainer und Russen haben eine Bildkultur, man merkt es am schwärmerischen Verhältnis zu Farben, überhaupt an der Bereitschaft, zu loben und zu bewundern.
Nachts sind die Irren wach
Dem Alltags- und dem allgemeinen Bewusstsein ist nicht bekannt, dass innerhalb jeder Kultur Zeitlöcher existieren. Steinzeitmenschen, die in geschützten Reservaten leben (etwa auf den Andamanen), füllen ein Zeitloch mit Erzählungen; ihr Tonarchiv ist 10 000 Jahre älter als das einer modernen Rundfunk-Anstalt.
Die Lösung:
Nichts von dem schreiben.
Oder: Was ist eine Depression?
Oder: Fotos bearbeiten?
Oder: Weinen und trauern um das Verlorene?
Foto: Bushaltesstelle aus einer ukrainischen Landschaft, in der giftige Kaninchen und Kühe mit Reißzähnen leben, und wo die Menschen fliegen können.


