Wie geht’s weiter?

Gespräch mit X. Sie arbeitet für eine Bundestagsabgeordnete. Wir reden gut zwei Stunden, und sind uns grundsätzlich in nahezu allen wichtigen Fragen einig. Sie ergänzt meine Perspektive von unten durch den Seitenblick aus den Korridoren der Macht.
Fazit: Das Staatswesen begreift seine eigene Wirkung, sein eigenes Funktionieren, nicht. Es fehlt der Mut zur Vereinfachung, der Wille zur Ungerechtigkeit, allenthalben heißt es: Die Materie ist zu kompliziert.
Dass es Menschen gibt, die vom Gesetzgeber nicht vorgesehen sind, die vom Gesetzgeber abgeschafft wurden, hat die Bundestagsabgeordnete inzwischen auch bemerkt. Sie kämpft jetzt ganz heroisch dafür, dass auch „die toten Seelen“ wieder von den sozialrechtlichen Bestimmungen erfasst werden. Man meint, Verwaltungsvorgänge zu objektivieren, möglichst im Interesse und zum Nutzen aller Beteiligten, doch dient die Technik nur als Argument für die Entmündigung.
Der Staat spielt jedoch nur Feuerwehr für die zynischen Handlungen nicht nur der Konzerne, sondern auch für die der Kleinunternehmer; er ist noch „der Gute“, während jene, die an den Staat moralische Forde- rungen stellen, sich selber zynisch verhalten. Ein Zynismus, der vom Gewohnheitsrecht gedeckt wird, deshalb als solcher gar nicht erkannt wird; die historische Verblendung wirkt nach.
Es handelt sich um einen Epochenbruch wie beim Übergang vom mündlichen zum schriftlichen Recht, also um die gleichen Klagen, welche auch die Bauern am Rhein 1850 ausstießen: Gestern durften sie noch im Wald Holz sammeln, plötzlich hat ein abstraktes Gericht in der Kreisstadt entschieden, dass dieser Wald jetzt einen Besitzer hat, welcher das Holzsammeln verbieten kann.
Der Kapitalismus funktioniert heute nach dem gleichen Prinzip – die gesetzgeberische Industrie erfindet juristisch und ökonomisch relevante Handlungen und unterwirft sie ihrer Herrschaft.
Die KAPITALISIERUNG VON ALLEM (Vso budet Coca Cola! Alles wird – alles!) zeigt, dass die Vernunft als Totalität gerade einen Kollaps erleidet. Sie scheitert an ihren Allmachtsfantasien und an ihren Nützlich-keitsansprüchen.
Ohne Glasnost und Perestroika, das meint auch X., wird die Demokratie sich immer lauter selbst ver- höhnen und ohrfeigen.

Themen: KRISE

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