Rekordversuch gescheitert (1)

Ich werde alt und schwach. Meine Muskelkraft lässt nach. Meine Willenskraft ebenso. Ich bin ein Schwächling und hätte in den letzten neun Monaten nicht rauchen dürfen. Von einer Niederlage ist zu berichten. Ich will es ehrlich tun und nichts beschönigen.

21. Etappe, Start 9 Uhr morgens in Velika Novosilka, Donezki Oblast. Das Strecken- komitee hatte mich falsch informiert, sprich, ich hatte die Karte nur oberflächlich studiert. Ich wollte in zwei Tagen bis Poltava fahren, dachte, das seien etwa 350 Kilometer, also zwei Etappen mittlerer Kategorie. Knapp 60 km bis Krasnoarmijsk, dann etwa 120 bis Dnipropetrovsk, dann etwa 170 km bis Poltava. Nach zwei Feier- und Ruhetagen bei Vasja und Freunden, nach einer Tanz- und Saufnacht in der Heide und im Mondschein, fühlte ich mich eigentlich stark genug.

Vor Krasnoarmijsk sah ich, dass es von dort bis Dnipropetrovsk nicht 120, sondern eher 200 km sind, zumal ich ja noch rechts und links in die Dörfer abbiege, um Bushaltestellen zu suchen und zu fotografieren, außerdem möglicherweise die Wege zu den Restaurants oder zum Schlafplatz hinzukommen.

Kurze Rücksprache mit mir selber, kurzes Reinhören in den Körper, und gleich der trotzige Entschluss: Diese Etappe wird aufgewertet, ich wage eine Rekordfahrt in der Kategorie 24-Stunden-Etappe. Der alte Rekord, gefahren auf der Tour de Wolga 2008, liegt bei 335 km.

Das Wetter ist günstig für solch einen Versuch, es ist nicht zu heiß, manchmal ist der Himmel bewölkt, zwei kurze Regengüsse gibt es zwischendurch, der Wind weht mäßig stark. Auch das Streckenprofil passt, die Landschaft ist nicht besonders hüglig, meist flach, nur wenige Steigungen. Der Asphalt ist sehr gut, es ist ja die Trasse zwischen Donezk und Dnipropetrovsk, also zwei der wichtigsten Großstädte der Ukraine.

Nach 5 Stunden 46 Minuten sind die 100 km geschafft. Ich habe ausreichend Wasser bei mir, habe in einer Raststätte gegessen – eine Suppe mit Frikadellen, etwas gebratenen Fisch, Grechko (Buchweizen), einen Salat Kapusti (Weißkohl), ein paar Kekse.

Nur wenige Dörfer, also kann ich mich aufs Fahren konzentrieren. Der LKW-Verkehr ist recht stark, doch auf dem Seitenstreifen ist Platz für mich.

Warum dieser Rekordversuch? Blöde Frage an eine Spielernatur, natürlich weil es sich um etwas Zweckfreies handelt, das nicht versteuert und keinem Nutzen unterworfen werden kann. Ich kann noch angreifen, darauf kommt es an. Zwanzig Tage bin ich im Feld nur mitgefahren, habe nur mittlere Entfernungen zurückgelegt, 130 – 160 km, also nicht wirklich Sport getrieben. Kulturfahrten, Kaffeefahrten, Schwätzchen hier, Päuschen da. Oft auf schmalen, abseitigen Wegen, durch verlorene Dörfer, durch Wälder, über schlammige, morastige Straßen, über scharfes Kopfsteinpflaster, immer auf der Suche nach den schönsten, verrücktesten Buswartehäuschen der Ukraine.

Sorge macht mir eigentlich nur das sich offenbar wieder entzündende Nagelbett am rechten Ringfinger, das in Deutschland schon dreimal aufgeschnitten wurde und nicht recht verheilen will. Nun gut, es wird sich hier wohl ein Chirurg finden, der die Fingerkuppe abschneidet, notfalls würde ich auch mit einer Hand weiterfahren.

Themen: Tour de Wolga

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