Rekordversuch gescheitert (2)

Nach 11 Stunden 42 Minuten reiner Fahrzeit, 23.27 Uhr, die nächste Zeitkontrolle, bei Kilometer 213. Ich habe mir lange Unterwäsche angezogen, es ist wirklich kalt geworden, 14 Gradus zeigt einmal das Straßenthermometer.

Hunger habe ich nun doch wieder, aber nur ein Stück Weißbrot bei mir. Manchmal bin ich etwas leichtsinnig, sorge doch nicht genug vor für die lange, dorflosen Strecken. Ich habe mir die Stirnlampe aufgesetzt, um die Karte sehen zu können. Pavlograd, die einzige Stadt auf dieser Strecke, liegt hinter mir. Dort sprach mich ein Fußgänger an, der, nachdem er Einzelheiten über meine Fahrt hörte, sich meine Internetadresse aufschrieb, weil er wissen will, ob ich den neuen Rekord schaffe.

Noch 6 Stunden fahren, vielleicht 7, dann sollte ich die 335km-Marke überbieten können, diesen, wie ich glaubte, Rekord für die Ewigkeit.

Gegen halb zwei wieder Rast in einer Bar, wieder etwas essen, heiße Suppe, Kartoffelbrei, 200g Schaschlik, wieder Weißkohlsalat, ein Standardessen. Heißer Tee, ich lasse mir noch für unterwegs die Trinkflasche füllen, nehme 1 Liter Saft mit. Draußen kontrolliert die Miliz einige LKW, die Fahrer müssen ihre Papiere vorweisen. Zwei offenbar betrunkene Jugendliche beschimpfen die Kellnerinnen, ihr Ton ist gerade noch so im Rahmen des Erträglichen. Als die Miliz weg ist, fühlen sie sich noch stärker, begutachten nun mein Fahrrad, die brennenden Zigaretten recht nah an meiner Tasche. Das mag ich nun gar nicht, aber bevor es zu einer echten Konfrontation kommt, weist die resolute Bardame die Jungs an, sich einige Meter zu entfernen, und sie tun es, wenn auch widerwillig.

Essen Sie, essen Sie, es wird keine Probleme geben, ruft sie mir zu.

Ich lasse das Fahrrad nicht aus den Augen, denn die etwa 20jährigen sind in Randalierlaune, das ist klar. Ich wechsle die Strümpfe, das tut gut. Die Bardame fragt mich noch aus, bevor ich weiterfahre.

Dann, wohl nachts drei Uhr, am Stadtrand von Dnipropetrovsk. Jetzt wird es schwierig, durch die Stadt zu kommen und die richtige Ausfahrt zu finden. Es gibt zwei Straßen nach Poltava, eine würde ich leicht finden, aber ich kenne sie schon, kenne also auch die Bushaltestellen dort. (Dank des jugendlichen Sponsors Uwe Dieckhoff habe ich diesmal ja einen wirklich guten Fotoapparat bei mir, eine Ricoh GX 200, Made in China, so dass ich auch nachts recht gute Aufnahmen machen könnte. Was bei der Konzernzeitung nicht üblich ist – Honorare zu zahlen – gleicht dieser gute Mensch wieder aus.)

Dnipropetrovsk bei Nacht – grell beleuchtet sind vor allem die Spielcasinos, ein besonders auffälliges heißt Las Vegas. Auch McDonalds hat noch geöffnet, und durch die Parks torkeln Betrunkene nach Hause. Dann endet die Stadtautobahn vor einem Hotel, ich fahre zurück, weiß, wie komisch ich aussehe, mit der Stirnlampe unter der Kapuze, und zumal ich wieder blaue Plastiktüten über die Schuhe gezogen habe. Drei Jungs prügeln sich am Straßenrand, der kleinste hat offenbar den größten gegen eine Eisenstange geschubst, auf der Brücke über den Dnjepr oder einen Seitenarm des Flußes. Ich will einen Taxifahrer nach dem Weg fragen, aber der liegt in seinem Auto und schläft.

Themen: Tour de Wolga

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