Rekordversuch gescheitert (3)

Ich fahre zurück auf die Stadtautobahn, ein Auto kommt mir entgegen, aber die Straße ist ja breit genug, es ist Platz für uns beide. Die gleichen Jungs, die sich eben noch auf der Brücke prügelten, prügeln sich jetzt hier an der Straßenecke.

Vor einem Straßenbahndepot stehen zwei Taxis, in einem sitzen die beiden Fahrer, beide rauchen. Ah ja, ihnen ist die Ausfallstraße bekannt. Nach Kiroskje wollen Sie? Nicht nach dem Stadtbezirk Kirov?

Sie wollen mir den kürzeren Weg nach Poltava erklären, und ich bin so blöd oder übermüdet, ihnen zu antworten, dass ich neue Bushaltestellen suche – neue, also mir noch nicht bekannte. Nachts um vier in Dnipropetrovsk! Geht’s noch verrückter? Der Fahrer am Lenkrad blickt auf meine Schuhe, die, wie gesagt, mit Plastiktüten überzogenen. Beide Männer studieren meine Karte, die grob ungenaue, nun schon vielfach beschriftete und verzeichnete. Ihre Erklärungen klingen ganz logisch, ganz einfach zu befolgen. Ich muss nicht zurück über den Dnjepr, kann geradeaus weiterfahren, soll mich an Straßenbahnen orientieren, dann werde ich, so meinen sie, schon die Ausfallstraße finden. Rechts der Avtovoksal, erbleicht in der Nacht, das erste Morgenlicht mischt sich dem Scheinwerfer- licht, fällt auf das weiße zaristische Gebäude. Ein Mann öffnet oder schließt ein Uhrengeschäft, auch er ein Verlorener zweifellos. Ich biege links und rechts ab, fahre, wie ich mir einbilde, mit letzten Kräften zwei Hügelchen hoch, bin aber offenbar falsch gefahren, denn die Straße wird schmaler, erinnert mitten in der Großstadt an einen Feldweg, hier kann es unmöglich nach Poltava gehen. Ich halte ein Auto an, indem ich mich einfach auf die Straße stelle und winke. Man hält, der Beifahrer blickt aus dem Fenster, versteht meine Frage und fragt doch: Sie sind wohl ein Spion? Die blödeste aller blöden Fragen, die, in welcher sich alle Krankheiten des Ostens in konzentriertester Form ausdrücken, kann ich natürlich nur bejahen. Allerdings, und das entschuldigt den Blödmann, blickt er, während er fragt, auf meine blauen Füße. Die Brücke über den Dnjepr finde ich nun doch, nachdem ich an geschlossenen Marktbuden entlang rase, denn es geht bergab, vorbei auch an den ersten Marktarbeitern, die niemand lobt oder ehrt, weil sie so früh aufstehen bzw. sich durchs Leben strampeln.

Ich glaube an optische Täuschungen, als ich über den morgendlichen Fluss radle, denn zu sehr gleicht der Anblick dem von Zaporoshje; vielleicht bin ich doch in der falschen Stadt. In der Mitte des Flusses blinkt ein Boje, oder ist es doch ein früher Fischer. 286 Kilometer gefahren, fünf Uhr ist es inzwischen, noch 4 Stunden bis zur Zeitkontrolle. Ich ahne schon, es wird knapp. Hoffentlich stehen jetzt keine schönen Bushaltestellen mehr am Straßenrand! – bete ich, denn die Kraft, sie zu fotografieren, werde ich kaum noch aufbringen. In stillere Straßen und Vororte gerate ich; es wundert mich, dass hier die Trasse nach Poltava sein soll, doch die Schilder am Rande bestätigen es. Gedanken, nicht nur flüchtige, an die Schachfreunde in Berlin, die schließlich auch mit Vergnügen aufs Bruttosozialprodukt scheißen, Brot und Butter in Spielgeld tauschen … Plastikgeld in den Nächten verzocken …
Morgennebel steigen auf, Nebel wie Watte über den Wiesen, DAS MUSS ICH FOTOGRAFIEREN, und sollte es mich den letzten Atemzug kosten.

Ein langer kräftiger Furz auf den Rezensenten, der mit spitzen Fingern und giftigen Zähnen mein Buch anfasste, gelb vor Neid. (Er kann keine Landschaften beschreiben, lest mein Buch! – Ih gitt, gibt es denn niemanden, der dem Russland-auf-eigene-Faust-Entdecker sagt: Das macht man nicht! – Offenbar ein Windelfetischist.)
300 Kilometer!!! Noch nicht 6 Uhr. Doch Sekundenschlaf. Wieder und wieder. Ich gerate auf die Mitte der Fahrbahn. Autos sind dort nicht, an und für sich, nur ab und zu kommt mal eins. Kein Platz zum Schlafen. Schmutzige Mischwälder. Ich sollte absteigen, sollte pausieren. So kurz unter dem Gipfel des Mt. Everest. Eine Sandkuhle findet sich, die Morgensonne leckt mich in den Schlaf. Eine Stunde nur schlafen.

Im Traum fallen mir alle Zähne aus, während ich S. nach 25 Jahren wieder treffe, die immer noch Witzige, zu mir Passende. Im Hintergrund ein geheimes Folter-Kinderheim, die Abwasserrohre dort sind verstopft.
8 Uhr 59 wache ich wieder auf, 1 Minute also vor der offiziellen Zeitkontrolle, und keine Chance ist mir mehr gegeben, den Rekord zu erhöhen. 304 Kilometer. 17 Stunden 4 Minuten reine Fahrzeit.
Die restlichen 170 Kilometer bis Poltava sind der Rede nicht wert.

Oder doch? Ameisen laufen über den Sand, rotköpfige. Von der Straße kommen zwei Männer. Ich weiß, wie ich aussehe. Ich trinke Wasser. Die Männer gucken herüber. Die haben es auch nicht geschafft. Ich verpacke die Schlafmatratze. Ziehe die lange Hose, die Unterwäsche aus. Zurück auf die Straße. Schade. Kein Rekord. So dicht unter dem Gipfel. Schade, schade, schade. Warum nur? Ich werde alt. Dnipro- petrovsk hat Zeit gekostet. Zu viel Zeit. Von Leszno nach Berlin gibt’s schließlich auch Steigungen. Am Asphalt hat es nicht gelegen.

Weiter, im bürgerlichen Tempo, durch Dörfer. Ich wähle die neue Mitte. Denke an Putins Satz: Die Deutschen sind unfähig, ihre Interessen zu erkennen.
Der Redakteur, kurz vor meiner Abreise: Schreib doch mal wieder was für uns, es kann auch etwas Scharfes sein. – Was denn, alles von vorn buchstabieren? Jede Gesellschaft produziert einen Schein, in welchem sich allerlei Müll und allerlei Irrtümer ansammeln …
Natürlich ist es nicht Sinn und Ziel meiner Reise, durch die Ukraine zu rasen, Kilometer zu schrubben …

Themen: Tour de Wolga

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