Christliche Bewirtung*

Zwischen Sofivka und Kamianka-Dniprovska. Bewölkter Himmel, ukrainischer Sturm, Windrosen auf den Äckern, kurzum: Pflaumenkuchenwetter. Es ist Zeit, an Nahrung zu denken. Eine Notration habe ich bei mir, aber man will ja leben wie ein Fürst, also möglichst etwas Heißes in den Magen bekommen, und möglichst noch gut dabei unterhalten werden.
Dann, in irgendwelcher Einöde, eine Autowerkstatt, und über einer verrosteten Blechtür gleich daneben ein Schild: BAR. Die Häuser des nächsten Dorfes liegen hinter drei Hügeln.
Ich betrete die Bar und sehe im Regal Wodkaflaschen und suesse Wein, ein paar Kekspackungen und Nusstüten; es ist fast dunkel hier mitten am Tage. Ein junger Mann, nicht zum Kellner geboren, kommt aus dem hinteren Raum, wohl eine Art Küche, er nickt stumm.
Haben Sie Kaffee? frage ich. Ist es möglich, etwas Heißes zu essen?
Ich frage schneller als ich denken kann, denn ob ich bleiben will weiß ich noch nicht.
Borschtsch, sagt er.
Wie viel kostet er? frage ich, was eine ziemliche unwichtige Frage ist angesichts der üblichen Preise.
Ein zweiter Mann steht auf der Türschwelle, klein, gedrungen, die Oberarme recht prächtig mit Muskeln ausgestattet. Er grinst, fragt den Kellner: Was will er?
Essen.
Der Mann guckt, als wolle er auf den Boden spucken.
Wie viel? frage ich.
Zwölf Griwna.
Ein Euro zwanzig für Suppe und Kaffee.
Auf der Straße (werde ich essen), sage ich.
Straße ist übertrieben, es gibt einen Parkplatz, vier Hackklötze, die als Sitze dienen, einen Baumstumpf als Tisch. Aber es gibt Licht dort draußen.
Wo kommen Sie her? fragt der mit den Oberarmen eines Boxers.
Aus Deutschland.
Der nächste Mann steht auf der Türschwelle, er legt dem ersten, kleineren, eine Hand auf die Schulter.
Was will er?
Essen. Borschtsch.
Der Kaffee steht immerhin schon auf der Theke.
Beide Männer machen mir Platz, und beide folgen mir.
Aus Deutschland? Mit dem Fahrrad?
Natürlich, das ist normal, sage ich.
Ich setze mich, sie setzen sich ebenfalls mir gegenüber. Vor dem älteren, zahnlückigen Mann muss sich niemand fürchten, der jüngere aber ist kaum einzuschätzen.
Wir sind Armenier, sagt er. Kennen Sie …?
Er nennt einen Namen, den ich nie gehört habe.
Armenischer Boxer aus Deutschland, sagt er.
Ich ziehe das Messer aus der Tasche, klappe die Klinge auf, lege es neben mich, naturlich nur, um Brot zu schneiden.
Leider nicht, sage ich.
Sie wissen, dass die Türken eineinhalb Millionen Armenier getötet haben? fragt er.
Ja, sage ich.
Meines Wissens waren es eine Million, aber wer soll das schon genau wissen.
Der Kellner bringt den Borschtsch, er ist nur lauwarm, also lieblos aufgewärmt.
Sie sind Reisender? fragt der Ältere.
Reisender und Journalist, sage ich.
Ich ziehe den besten Ausweis aus der Tasche, den ich nur haben kann, einen Bericht aus einer russischen Zeitung über meine Fahrradreisen.
Der Jüngere liest eine Weile, dann fragt er: Sie spielen Schach? Sie wissen, wer im vorigen Jahr in Dresden Weltmeister wurde?
Ich weiß es nicht.
Armenien, sagt er.
Ich erinnere mich, sage ich.
Wieso führt ihr Europäer Krieg gegen Christen? fragt er. Milosewicz war ein Kommunist, ist das wichtig? Er war ein Christ, das ist wichtig. Ihr habt der albanischen Mafia einen Staat geschenkt. Warum?
Das ist amerikanische Politik gewesen, sage ich. Die CIA liebt die Mafia.
Er nickt.
Und hier? fragt er. Wie sind die Leute in der Ukraine?
Ich treffe nur ehrliche Menschen, sage ich.
Diese Antwort bringt die Leute wie so oft zum Lachen.
Ich erzähle, dass ich schon zwei Mal versuchte, meine Sonnenbrille loszuwerden. Sie sieht, so finde ich, ziemlich schick aus, aber ich benutze sie nicht, und ich fahre sie nun schon das zweite Jahr spazieren. Ich ließ sie bei Gastgebern liegen, sie wurde mir hinterhergebracht, ich ließ sie im Restaurant auf dem Tisch, der Kellner lief winkend und rufend durchs halbe Dorf, damit ich mein Eigentum zurück erhalte.
Mittlerweile stehen drei Männer am Holzklotz, sehen mir beim Essen zu. Sie wundern sich, dass ich Speck zur Suppe esse. Ich lobe armenischen Kognak und sage, dass ich gern mit dem Fahrrad nach Armenien fahren würde. Sie laden mich in ihr Haus ein, dort, gleich hinter der Straße steht es. Doch es ist erst Mittag, und ich will noch weiter. Sie wünschen mir Glück, ich ihnen auch. Einer hält den Hund fest, einen schwarzen, der neugierig meine Wade betrachtet.

* Dieser Beitrag wird im September in der “BücherLese”, SR 2 Kulturradio, Samstags, 15.04-16h, zu hören sein.

Honigdachs am 26. Juni 2009 in Tour de Wolga

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