Glück des Suchenden

Wenn ich nicht wüsste, das jedes intensiv geführte Leben an eine Psychose erinnert, also an Willkür, wo keine herrscht, müsste ich verrückt werden. Ich werde es nicht, weil die Abarbeitung des Wahnsinns zu meinen täglichen Hausaufgaben gehört, und weil ich “das Normale”, die traurige Wiederholung von etwas, kaum aushalte.

Nach dieser kryptischen Einleitung nun die Erklärung: Ich radelte bisher 3200 km gen Osten, auf der Suche nach “dem wirklichen Blau”, das heißt nach den schönsten Bushaltestellen der Ukraine. Sie sind schwer zu finden, denn das Land ist groß, weit größer als meine verschnarchte Heimat, und viele falsche Meinungen werden über die unbeachteten Kunstwerke erzählt.

Sie stammen aus sowjetischer Zeit, meinen manche, heute hingegen, in dieser schrecklich geistlosen Zeit, hat niemand mehr den Ehrgeiz, etwas Bleibendes zu schaffen.

So der Zuruf eines Mannes in einem irgendeinem Dorf, irgendwo südlich von Vinitza, in der Mittagshitze.

Ich fotografierte tatsächlich zwei Wochen lang nur Ruinen, nur feuchte, schmutzige, vergessene Kunstwerke. Dann fuhr ich gen Donbass, also in die, statistisch gesehen, gefährlichste Gegend der Ukraine (so auch der neueste Zeitungsbericht), nach Velika Novasilka, und ich kam auf eine Straße, wo endlich viele besondere Mosaike standen, fast ausschließlich Pferdebilder – meinethalben Klischees vom Kosakenleben, zwischen Zaporoshije und Donetsk. Leute, Reisende, gab es dort nicht, nur Käfer und Kühe sahen die schönen Bilder.

Ich war versöhnt mit mir, die Anstrengung hatte sich doch gelohnt, als Kristof Kolomb wurde ich von den Bergarbeitern empfangen.

Aber unsereiner kann ja nicht genug bekommen, von der Kunst und von der Lust nicht, deshalb radelte ich weiter, Tag und Nacht, meine Augäpfel hatten sich schon verformt. Ich wusste schon gar nicht mehr, ob ich schlafend radelte oder radelnd schlief, aber je näher ich Poltava kam, der Heimatregion des vielleicht einzigen Genies, den die Ukraine hervorbrachte, desto schöner wurden die Mosaike - vor manchen kniete ich nieder und betete, dankbar, sie sehen zu dürfen.

Dann langweilte ich mich eine Woche in der Stadt, unter den modernen Menschen - dreihändige und vierohrige Männer sah ich, die rauchten, telefonierten, Musik und Fahrgastfragen hörten und Auto fuhren …

Am, wie ich glaubte, letzten Tag betrat ich eine Kascheme, wo die gewöhnlichen Leute verkehren, die sich zu Tode saufenden und arbeitenden. Neben mir, beim warmen Bier, ein etwa sechzigjähriger Mann, ein Bauarbeiter, wie er auf Nachfrage erzählte. Wir saßen lange stumm beieinander, vielleicht eine Stunde, vielleicht auch zwei.

Ich zeigte ihm schließlich die Fotos von den schönsten Bushaltestellen der Ukraine, von den Mosaiken, die fast jeder sehen kann, die aber kaum jemand erkennt. Schließlich wurde ich mehrfach ausgelacht, als ich sie forografierte.

Nun ja, sagte der Mann, diese hat meine Schwester gemacht … und diese mein Schwager. Poltava, so sagte er, sei das duchovni zentre der Ukraine, das geistige Zentrum, der Geist Nikolai Gogols hantiere hier noch herum.

Honigdachs am 28. Juni 2009 in Tour de Wolga

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