Allerlei Rauhes
Mit den Hunden (auch mit den süßen Pitbulls) habe ich hier immer die gleichen Erlebnisse: Sie bellen wütend, mit gebleckten Zähnen, wie Abgesandte aus der Unterwelt, bis ich sie streichle. Fies hingegen ist das Kleingetier, die gar nicht so dummen Mücken …
Wieder einmal ein alkoholischer Abend. Notizen: Als Verteidiger der Demokratie habe ich hier nur schlechte Argumente – die Leute lachen sich krank und kündigen mir beinahe die Freundschaft, wenn ich das Wort auch nur erwähne. Sie verweisen einfach auf die Brot- und Wodkapreise, hier in den ukrainischen Slums, wo selbst die Strände am Meer (dem Asovschen) von musealen Fabriken bzw. ihren Zulieferern genutzt werden, statt von sich erholenden Menschen. -
Die Ukraine kann nur durch ein Matriarchat gerettet werden … das denke ich, während ich die weibliche Streitkultur studiere. Man blickt zur Seite, wenn man nicht länger den Argumenten DER ANDEREN zuhören will, würde aber nicht aus den Worten die Buchstaben klauben, wie ein Börsianer, der hinter der dritten Stelle nach dem Komma eine Schwäche entdeckt, die sich ausnutzen lässt, um die Wirtschaft eines Dritte-Welt-Landes zu ruinieren. -
Die 20jährige Tochter einer der Streitenden fragt: WER WAR LENIN? Ich wohne doch in der Lenin-Straße, wer war das?
Sie ist natürlich, im Sinne Aitmatovs, ein wertvoller (d.h. moralischer) Mensch, anders als ihr Altersgenosse, der im Internet-Salon das Töten übt bzw. seine Reflexe wie ein Affe trainiert. -
Geradelt bin ich natürlich auch, inzwischen 3900 Kilometer … schon nahe an die russische Grenze. Aber ich werde doch zurück zu Vasja fahren, auf den das Nietzsche-Wort so genau zutrifft: „Ich liebe die, welche nicht zu leben wissen, das heißt die Untergehenden, denn es sind die Hinübergehenden.“ -
Außerdem traf ich heute noch einen Marktsänger, seit 12 Jahren singt er sich hier in Mariopul die Stimme heiser; ich musste stark die Augenlider pressen, um nicht vor allen Leuten zu flennen, als ich ihn hörte. Ich raste im Taxi ins Quartier, um das Diktaphon zu holen, kaufte ihm Saft, lud ihn (vom geborgten Geld) zum Essen ein … -
Außerdem atmete ich (mindestens) dreimal tief durch, weil RB mal wieder mir die weitere Existenz ermöglicht; Gott, was habe ich diesem Menschen zu verdanken, und immer nur stummen Dank entrichte ich. -
Ärger hingegen gab es mit einem Schnösel, einem echten Widerling, dem gerade vor kurzen die Windeln abgenommen wurden, ih, ein glatter, eingeseifter … er ist es nicht wert, ihn mit weiteren Worten zu bezeichnen. -
Nein, ich soll mich an die Guten halten, an den tapferen Bruder D., der mir so wichtig geworden ist, an die verstummten S. und T., an Elvira in E., an A. in W., an die vielen Freunde, an den wandernden M.
Häufige Gedanken auch an eine K., häufige und zweifelnde …
Briefschulden: B.H. und seine Rose.
Dann wieder Blick in deutsche Zeitungen, aus 3000 Kilometer Entfernung. Die meist diskutierte Frage des Sommers scheint zu lauten: Mehr Markt oder mehr Staat? — als wäre das eine Frage der Quantität. Der Wahrheit näher kommt der Papst mit seiner Enzyklika („Liebe in Wahrheit“ – „Die Stadt des Menschen wird nicht durch Beziehungen auf der Grundlage von Rechten und Pflichten gefördert, sondern noch mehr und zuerst durch Verbindungen, die durch UNENTGELTLICHKEIT, BARMHERZIGKEIT UND GEMEINSAMKEIT GEKENNZEICHNET SIND.“ – Ich glaube, ich werde noch Katholik.) -
Ganz dumm hingegen ein Artikel, in dem die Frage, ob eine Gesellschaft ohne Wachstum denkbar sei, verneint wird. Mit wissenschaftlicher Standfestigkeit natürlich!
Du säkularer Dummkopf! – rufe ich den Autor stumm zu, setze mich vor das nächste ukrainische Dorfgeschäft, notiere: Hast du noch nie etwas vom Verschenken gehört, noch nie von der Gabe, vom Potlatsch, von der Demut? -
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