In Blisnjuki*

Es war die Tour der Pannen bisher – drei oder vier Reifenpannen, gebrochener Gepäckträger, zermalenes Kugellager, gebrochener Kettenschutz, defektes Licht. Außerdem habe ich schon zwei Luftpumpen verbraucht – eine verloren, die zweite taugte nichts, bald brach ein Dichtungsring, für die dritte fehlt eine Zwischen- mutter.

Aber mein Glücksstern blieb mir treu, in allen Situationen kam Hilfe, manchmal schneller als ich denken konnte. In Blisnjuki zum Beispiel.

Ich sehe und spüre die Reifenpanne, rolle einige hundert Meter zur nächsten Tankstelle, lade das Gepäck ab, betrachte den Schaden, schon stehen zwei Männer neben mir, geben Ratschläge. Ich weiß noch gar nicht, ob ich in einem Dorf oder einer kleinen Stadt bin, und einen Fahrradladen wird es hier bestimmt nicht geben.

„Das Kleben wird nicht helfen, Sie brauchen einen neuen Mantel und einen neuen Schlauch.“

„Befindet sich hier denn ein Fahrradgeschäft?“

„Wenn nicht hier, dann in der nächsten Stadt, ich fahre Sie hin!“

Ich solle das Gepäck einfach stehen lassen, hier lebten nur ehrliche Leute.

Jura, dieser schnelle Mensch, rast ins Zentrum, ich frage nach seinem Beruf. Er arbeite bei der Miliz, sei Sergeant. Er telefoniert und bestellt gleich eine Journalistin an die Tankstelle, dort sei eine Sensation zu besichtigen. Mantel und Schlauch hat der Verkäufer nach wenigen Augenblicken aus dem Lager geholt, vier Euro fünfzig kosten beide. Der Schlauch erweist sich dann als undicht, chinesische Produktion, taugt nichts, schimpft Jura.

Die lokale Presse, eine freundliche, schwitzende Journalistin, fotografiert und stellt die üblichen Fragen, Jura und ein Arbeiter von der Tankstelle reparieren inzwischen mein Fahrrad.

Anschließend trinken wir ein Bier zusammen. Jura überredet mich, noch zu bleiben, er will mir zwei uralte tatarische Hügel in der Steppe zeigen. Neben seiner Garage steht eine Autowäscherei, dort arbeiten zwei Sergejs, beide am gleichen Tag geboren, beide gingen in die gleiche Klasse, nun arbeiten sie hier für drei Euro am Tag.

Sie machen mir gleich ein Geschenk und waschen mein Fahrrad, es wird eingeseift und mit hohem Druck abgespritzt, ich soll mich derweil ausruhen.

Wir fahren zusammen in die Steppe, durch diese herrliche Graslandschaft, baden in einem See, dessen sauberes, klares Wasser Jura nicht oft genug loben kann. Der Abend wird feucht, Juras Frau Lena singt leise russische Romanzen, wir braten Schaschlik am Feuer, trinken Chortitza, klassischen ukrainischen Wodka.

Mein Wunsch, einen Kohleschacht besuchen zu können, wird mir auch erfüllt, ich fotografiere die Bergleute, als sie aus dem Schacht steigen, betrachte mit Schaudern die Duschen, fahre auf einer Lok übers Werkgelände, besuche das Bergarbeitermuseum.

Zwei Tage später bin ich Ehrengast beim Stadtfest, man feiert achtzig Jahre Stadtrecht, der Mer, der Bürgermeister Genadi Stepanovitsch, hat mich offiziell eingeladen.

Das wird eine Bombe!, meint er.

Ich frage ihn, wie er Bürgermeister wurde. Er sei nach Kiev gereist, habe sich über Kandidaten und Parteien informiert. Julia Timoschenko habe ihm am besten gefallen. Sein Vorgänger sei für viele Skandale verantwortlich gewesen, er selber sei mit einer Stimme Mehrheit gewählt worden. Bei der Wahl habe ihm sicher geholfen, dass er vorher Lehrer für Biologie und Chemie und Schuldirektor gewesen sei. „Wer die Herzen der Kinder gewonnen hat, gewinnt auch die Stimmen der Eltern!“

Tatsächlich erzählen alle mit höchstem Respekt von ihrem Bürgermeister. Jura meint, er spreche ausgezeichnetes Ukrainisch und Russisch, mache keine grammatischen Fehler, seine Gedanken seien klar und verständlich. Sergej, sein ehemaliger Schüler, lobt seinen Gerechtigkeitssinn.

Ich fahre eine Ehrenrunde auf dem Festplatz, werde von einer ukrainischen Schönheit mit Brot und Salz begrüßt, halte eine Ansprache auf russisch. Ukrainisch verstehe ich immer noch nicht, die Kosaken, die mich ankündigen, entschuldigen dies vor dem Publikum.

Ich erzählte natürlich, mit welcher Furcht manche Deutsche gen Osten blicken und dass ich auf all meinen Reisen nur gute, ehrliche und hilfsbereite Leute getroffen habe.

Die Ukraine ist wie ein Märchen! – für diesen Satz wurde mir später noch mehrmals gedankt.

Danach ernennt mich die Miliz zu ihrem Ehrenmitglied, ich kann zwischen Offiziersmütze und Käppi wählen; letzteres würde mich als Angehörigen einer Spezialtruppe ausweisen, deshalb wählte ich das Käppi.

*Dieser Beitrag wird im September in der „BücherLese“, SR 2 Kulturradio, Samstags, 15.04-16h, zu hören sein.

Themen: Tour de Wolga

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