Ankunft im fröhlichsten Land der Welt

Als der Schwächling, der ich bin, weiche ich noch vor der Stadt Anna auf die südliche Route aus, nach Elan-Kolenovski, denn, ja, ich fürchte die harten Winde auf den endlosen freien Flächen zwischen Voronesh und Kursk. Dort ist wirklich schwer zu fahren, der gemeine Wind, der keine Gestalt hat und für dessen Wirkung ich niemanden beschimpfen kann, zermürbt mich schon seit Balaschov.
Bald ist die Straße aber nicht mehr asphaltiert, es geht wieder über Feldwege, über trockenen, lehmigen Boden, und ich komme in den Traktorspuren doch ganz gut voran.
Etwas zieht mich noch weiter in den Süden, auch am nächsten Tag wieder. Ich frage in Aleksejevka zwei Milizionäre nach dem Weg, sie geben eigentlich klare Auskünfte, aber doch biege ich offenbar in die falsche Straße ein und merke es erst nach sechzig Kilometern, als das Wasser mal wieder knapp wird.
Ärger zwischendurch: An einer Bushaltestelle prangt die schöne Aufschrift „Sisifus sieht dich – Sisifus kennt dich“, aber ich halte nicht an, um zu fotografieren. Dabei passt der Spruch doch so gut zu mir, ist mir Trost.
Am Abend schlage ich das Zelt wenige Kilometer vor der russisch-ukrainischen Grenze auf, in einer feuchten Ebene, zwischen Disteln und dornigen Sträuchern. Seltsame, nie gehörte Flügelschläge von Vögeln, die sich plötzlich erheben, nur kurze Strecken fliegen, doch die Luft so stark bewegen, dass alle anderen Tiere schweigen.
Am Morgen, acht Uhr etwa, bin ich der einzige Reisende, der hier über die Grenze will. Je kleiner der Grenzübergang, desto länger dauert die bürokratische Bearbeitung des Vorgangs, das kenne ich schon. Der russische Grenzer versteht nicht, wo mein Pass ausgestellt wurde, ich zeige es ihm mehrmals, er bleibt unzufrieden und telefoniert etwa zwanzig Minuten und erläutert einer höheren Charge, dass tatsächlich ein Radfahrer das Land verlassen will.
Ein Radfahrer ist vom Gesetz nicht vorgesehen, auch im ukrainischen Gesetz nicht. „Zu Fuß“, soll ich diesmal ins Einreiseformular eintragen, darauf besteht der Ukrainer. Nun gut, ich schiebe das Rad ja über die Grenze, also bin ich wohl ein Fußgänger.
Seine Kollegen vom Zoll fragen indessen, ob sie mich fotografieren dürfen, sie seien Fahrrad-Enthusiasten und so begeistert von meiner Reise. Deshalb mahnen sie ihre Kollegen auch zur Eile – Lasst den Kerl reisen, der ist ein Held!
Da es offenbar kein Fahndungsfoto werden soll, lasse ich mich ablichten, bestehe aber darauf, sie auch fotografieren zu dürfen. Das ist natürlich eigentlich verboten, sie zögern kurz, sind aber einverstanden.
Ob sie mich zum Tee, vielleicht gar zum Frühstück einladen dürfen, fragen sie. Ja, gern, denn ich habe noch nicht gefrühstückt.
Ob ich auch ein Gläschen Wodka mit ihnen trinken würde?
Oh, noch lieber natürlich!
Ich kann mir das Lachen kaum verkneifen. Ich bin noch keine zwanzig Meter in der Ukraine und schon geht die Sauferei los. Ja übt denn hier niemand eine Autorität aus?
Sie geleiten mich in ihren Speiseraum. Eine Mama kocht, bringt Salo, Speck, außerdem Gurken, Tomaten, Brot und den heiße Tee.
Da die Herren im Dienst sind, gießen sie sich die Gläser nicht voll, es könnten ja noch Reisende kommen heute, vielleicht sogar echte Schmuggler.
Ich aber will und muss diesen Moment mitnehmen, so ist meine Natur. Ich trinke vier Gläser, denn wann werde ich das noch einmal erleben, so in einem Land empfangen zu werden?
Wir trinken auf Ihren Mut und auf Ihren Enthusiasmus! meint der Chef.
Wir stoßen die üblichen Trinksprüche aus, und etwas verspreche ich meinen Freunden: Ich werde keine Reklame für diesen Grenzübergang machen, sonst kommen im nächsten Jahr einige deutsche Radfahrer, die alle ein Wodkafrühstück erwarten werden!
Sie lachen, Humor hat dieser Kerl also auch.
Um nicht vollkommen besoffen weiter zu fahren, bin ich nach dem vierten Glas aber wirklich vernünftig und sage, dass ich nun kein Gläschen mehr trinken werde. Sie verstehen, sind wohl auch froh, denn etwas Furcht ob meiner Trinkfestigkeit sah ich schon in ihren Augen. Die Flasche Chortitza, in der noch ein Rest Wodka ist, schenken sie mir.
Ich radle ins Land, setze mich nach einigen hundert Metern an den Straßenrand, lachend, vielleicht weinend, dankbar, dass ich lebe. Wie landfremd ist doch die Frage, weshalb ich mit dem Fahrrad fahre! Weil ich dann Einladungen wie diese erhalte …

Themen: Tour de Wolga

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