Anatomie des Scheins 2009: 1 Träne = 10 Cent

Ein Bericht aus der Arbeitswelt, der zeigt, wohin eine Gesellschaft gerät, die jedwedes menschliches Verhalten rationalisieren und mit mathematischen Parametern erfassen will. Sie erzeugt einen Schein, den totalisierten Fetisch der Ware.
„Der Schein ist die Bewertungsinstanz des Systems und dessen Krankheitsgrund. Er ist ein gnadenloser Richter, der lakonisch Haltungen anerkennt, die er vorgibt abzulehnen, und der Ideen tyrannisiert, die er behauptet zu erstreben: er fördert Anpassung, schafft Verweigerung und eliminiert Selbständigkeit, und in keinem dieser Akte kann von Willen oder Bewusstheit gesprochen werden.

Die Differenz zwischen Schein und Realität, zwischen propagiertem und verdrängtem Zustand, zwischen den Werten des Systems und dem Zwang, diese Werte zu unterdrücken, ist unüberwindbar. Die Differenz wird von dem System ständig neu produziert; Konfliktbegrenzung, das ist der zynische Geheimcode der Macht.

Die Produktion des Scheins erfolgt von zwei Seiten: zum einen durch die Restriktionsmaßnahmen des Staates, zum anderen durch die Selbstkontrolle und Anpassungsfähigkeit der einzelnen.
Erst die wechselseitige Abhängigkeit und Akzeptanz des Staates und der einzelnen, führt zur Unumgäng-lichkeit des Scheins, oder, zu seiner Objektivität.“

„Die Anatomie des Scheins“, 1989
http://www.honigdachs.com/2008/04/14/die-anatomie-des-scheins-1989/#more-121

Der Schein ist nicht nur ein falsches Bewusstsein der Gesellschaft von sich selber. Notwendigerweise ist jedes Selbstbild einer Gesellschaft falsch. Ein Volk errötet nicht, wusste Heinrich von Kleist. Das Gegenteil eines falschen Bewusstseins ist auch nicht ein wahres oder richtiges Bewusstsein, sondern ein relatives, um seine Relativität wissendes. Vernunft ist im Sinne Immanuel Kants eine transzendentale Idee, also eine nie zu verwirklichende.
Dass moderne Gesellschaft sich zu Scheingesellschaften entwickeln werden, wusste ebenfalls schon olle Kant. Auf Wikipedia wird der Kantsche Scheinbegriff schön erklärt:
„… die nach Erklärung des Unbedingten strebende Vernunft in einen dialektischen Schein gerät, indem sie reine Gedankendinge verdinglicht. Auch wenn die Vernunft nach immer weiterer Erkenntnis strebt, sind die Fragen nach der Unsterblichkeit, nach Gott und nach der Freiheit mit den Mitteln der Vernunft nicht zu beantworten. Diese Begriffe sind transzendentale Ideen ohne jede empirische Anschauung. Jeder Ver- such, Erkenntnisse über sie zu gewinnen, endet notwendig im transzendentalen Schein.“
Sogar die Frage nach der Freiheit ist mit der Vernunft nicht zu beantworten … Der Schein ist verding-lichtes Bewusstsein; dies ist die Bedingung für seine Industrialisierung.

http://de.wikipedia.org/wiki/Kritik_der_reinen_Vernunft

PS: Wie die Industrialisierung des Bewusstseins sich auf den einzelnen auswirkt, hat zuletzt Frank Schirr-macher beschrieben: http://www.readers-edition.de/2009/11/26/frank-schirrmacher-ist-ueberfordert/

Themen: KRISE

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