Ost und West (4)

Ich fahre weiter Richtung Süden, über Bljuchivka und Karlivka. In Karlivka wird gefeiert.
Die Musik ist schon von weitem zu hören. Vor der zentralen Schule stehen etwa tausend Menschen, eine Tanzgruppe wird beklatscht, Jungs balgen sich im Gras. Ich sehe mir das Fest ein Weilchen an. Gegenüber ist ein Hotel, ich könnte bleiben und würde sicher spannende Bekanntschaften machen.
Mentalitätsunterschiede zu einem russischen oder deutschen Fest?
Wenn ich etwas sagen kann über diesen Ort, so, dass hier nichts fertig ist und nichts wird hier jemals fertig sein, nie wird ein Zustand der Zufriedenheit erreicht sein. Den Alltag besteht man mit indianischem Lächeln. Das Leben ist kurz; wer als Mann die vierzig überschritten hat, kann die Hälfte seiner früheren Mitschüler nur noch auf dem Friedhof besuchen.
Solidarität ist keine Frage des Wollens, sondern des Müssens. Die Hälfte aller Medikamente in den Apothe- ken ist gefälscht und wirkungslos. Man kommt nur gemeinsam durch oder gar nicht. Die Alten, vor allem die alten Frauen, schuften oft bis zum Tode auf ihren Äckern oder sie erziehen die Kinder, weil die Mütter in anderen Ländern oder Regionen arbeiten.
Kurzes Gespräch mit ein paar Jungs; ich kann mir das Prahlen nicht verkneifen und erzähle von meinem Tagesrekord, 335 km.
Es wird gleich dunkel, ich biege zunächst in die falsche Straße ein, die Musik wird leiser, ich überquere das Bahnhofsgelände, bemerke dann den Irrtum.
Der Karte nach müsste bald freies Gelände kommen. Im nächsten Dorf steht ein Kulturhaus, ich fotogra- fiere es im Dunkeln.

Nachtgedanken: Im Alter von 14, 15 Jahren beschäftigte mich der auf das politische System zielende Satz: Man kann nur im Kleinen etwas ändern.
Das sagten viele Erwachsene, auch die Lehrer. So variierte der Volksmund Marx’ Feuerbach-Thesen. Für das Kleine aber hatten die Leute keine Sprache. Das Kleine wären sie selber gewesen, ihre eigenen Lebens- lügen. „Planwirtschaft ist Mist“, „Wir wollen keinen Atomkrieg“, das sprach sich leicht aus.
Jedoch, „Ich rede den Schülern ins Gewissen, dass sie kein West-Fernsehen gucken sollen, ich gucke aber selber“, das sagten die Lehrer, die nach Feierabend Bayern-Fans waren, nicht.

Themen: Tour de Wolga

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