Ost und West (5)

Kurz darauf ertönt Gesang von einer Veranda. Zwei Frauen singen eine Romanze, jemand spielt Mundharmonika. Ich bleibe stehen und höre zu, schalte das Diktaphon ein. Ein Mann beugt sich über den Zaun.
Was wird gefeiert? frage ich.
Geburtstag, sagt er gleichgültig träge.
Er ist Computerprogrammierer und hat einige Zeit in Moskau gearbeitet. Er lacht, als ich Apfelsaft trinke. Ukrainische Säfte, sagt er, seien oft gepanscht.
Seine Einladung, auf die Veranda zu kommen, ein bisschen mitzufeiern, schlage ich aus, stattdessen finde ich einen Schlafplatz im Maisfeld.

Diktat vor dem Einschlafen:
„Viele meiner russischen Freunde sagen über sich selber, dass sie schlecht rechnen können. Mathematik sei keine Stärke der Russen, Zahlenakrobatik misstraue man. In der Ukraine sagt man so etwas nicht. Ukrainer betonen gern ihre Stärken, vor allem die, rasch und radikal vergessen zu können. Die Gegenwart zählt, weder der gestrige noch der morgige Tag sind wichtig. Viele Russen hingegen sorgen sich über Ereignisse, die frühestens in zehn Jahren eintreffen können. Gegen Hoffnung und Vorfreude wehrt man sich geradezu körperlich, um sich vor Enttäuschungen zu schützen.
Ukrainer fluchen lauter, sie verlachen die Hoffnung oder spucken auf sie, und für sie ist Verzweiflung ein Grund zum Feiern und zum Tanzen. Das Unglück wird am Schwanz gepackt, man tritt ihm in den Hin- tern. Wodka, Brot und Freunde, mehr braucht man nicht, um auch in Gesellschaft des Teufels vergnügt zu sein. Es gibt mehr Feste, als das Jahr Tage hat. Am Tag der Buchhalter feiert das ganze Land die Errungenschaften moderner Bürokratie, am Tag der Mediziner sollte man keinen Arzt benötigen, denn man wird keinen nüchternen finden. Jeder Beruf hat seinen Feiertag, und prächtige Feuerwerke sieht man auch am Tag der Jugend, am Tag des Bieres, am Tag der Teigtasche, am Tag des Honigs, am Tag des Telefons, am Tag der Stadt, auch am Tag der Fallschirmjäger, der Matrosen, der Landtruppen, der Flieger, und am Tag des Sieges. In Russland werden fast alle diese Feste auch gefeiert, aber viel seltener mit Feuer- werken.
Russen beäugen das Unglück mit Dostojewskischem Ernst. Es ist Anlass philosophischer Überlegungen. Es wird von schönen Gesängen begleitet. Ukrainer sind heidnischer. Sie schlagen lieber die Trommel, als dass sie singen. Ukrainer sind ein rundes Volk, Russen ein eckiges. In Russland ist der Weltgeist auf Freigang, in der Ukraine auf Landgang.
Russen wollen sich bewähren, sie wollen Schmerzen ertragen, sibirische Kälte und die Schläge in der Banja.“

Gute Nacht, ihr Füchse!

Themen: Tour de Wolga

Kommentare

  • Honigdachs-Galerie

  • Themen