Ost und West (8)

04.08.2009, Vortrag in Saratov, im Deutschen Zentrum der Bibliothek.
Ich berichte von meinen Erlebnissen auf der 3. Tour de Wolga, zeige Fotos.
Die Diskussion beginnt. Gleich stellt Larissa M., Dozentin an der Tscherny-schewskij-Universität, eine verblüffende Frage, und zwar, gemäß russischem Brauch, nachdem sie einige schöne Komplimente geäußert hat.
Ihr sei nämlich aufgefallen, dass ich immer wieder das Exotische fotografiere, immer wieder die Unterschiede zwischen Deutschland und Russland / Ukraine betrachte.
Aber, fragt sie, wie ist es mit den Gemeinsamkeiten zwischen unseren Ländern und Kulturen?
Ich gehe fast in die Knie, so hart erwischt mich diese Frage.
In Deutschland hatte ich mehrere Veranstaltungen mit dem „Blauen Elefanten“, aber niemand, kein Journalist und kein Leser, hat dergleichen wissen wollen. Und es stimmt ja, ich bin hier in diesen Regionen bereit, mich weit für alles Fremde und Neue zu öffnen. (Wie der siebenjährige Schachspieler sagt: „Ich kann die Züge einatmen“.) Ich muss mich auch fragen, ob mir die Sensationen wichtiger sind als die Würde dessen, was ich darstellen möchte. Dies betrifft auch die Mosaike – ich habe die verdammte Aufgabe, die Intentionen ihrer Schöpfer zu ergründen, mich in Demut vor diesen missachteten Kunstwerken zu verbeugen. Die Freude des Entdeckens gehört zur Ornamentik.
Ich reise als Staunender – denn Staunen heißt ja, die Dinge wie zum ersten oder zum letzten Mal zu betrachten. Über Gemeinsamkeiten ist schwerer zu staunen; es braucht ja mehr Konzentration, sie neu zu sehen.
Meine spontane Antwort auf Larissas Frage war sicher angemessen. Auf die Schnelle fiel mir ein, dass alle drei Kulturen christlich* geprägt und europäisch seien**, dass in allen drei Ländern die Mehrheit der Menschen sich Frieden, Stabilität und privates Glück wünschen, und dass, obwohl unbeachtet von den großen Medien, zwischen allen drei Ländern ohnehin ein reger „Kulturtransfer“ stattfindet.
Kurz gesagt, die Vorstellungen darüber, was Recht, Vernunft und Glück sind, zählen sicher zu den Gemeinsamkeiten.
Ich hatte über die Frage, wie stark Kultur das Verhalten prägt, vor Jahren bereits mit einem russischen Offizier diskutiert (in der Sauna); an dieses Gespräch erinnerte ich mich.
Aber – wie stark müssen innere Blockaden sein, wenn mich diese einfache Frage so überrascht? Selbst ich, der ich immer wieder predige, die Perspektiven und Gewänder zu wechseln, als Minenhund, Clown oder Gottesnarr aufzutreten, habe also vielleicht nur meine Vorurteile kultuviert.

* bzw. sowjetisch / jakobinisch
** bezogen auf die Wolgaregion

Wandzeitung: Alexander Sergejewitsch Nagornov, Arbeiter und Archivar

Themen: Tour de Wolga

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