Operettenhafter Charme einer spontanen Feier

Ich sitze im Zentrum von Poltava in einem Strassencafe, lese Auszuege aus Kafkas Tagebuechern und einen Artikel des Schriftstellers Juri Andruchowytsch, der vom Tyrannenmord traeumt, u.a. weil in der Ukraine neuerdings Steuerfahnder auch Privatwohnungen durchsuchen duerfen, was in Deutschland schon lange geltendes Recht ist.*
Am Tisch noch zwei Fussballfans, die ueber Dynamo Kiev fachsimpeln – morgen spielt Poltava gegen Kiev.
Interessant sind die Leute am Nachbartisch. Dort wird fleissig gebechert. Ein Mann kniet vor einer Frau und macht ihr einen Heiratsantrag. Sie kuessen sich, der Mann ruft immer wieder in die Runde: „Wir haben uns zehn Jahare nicht gesehen! Sie ist meine Jugendliebe!“
Ein Mann mit Pferdeschwanz klatscht Beifall und spricht einen Toast. Eine Frau, die Mireille Mathieu sehr aehnlich sieht, versucht zu singen, doch ihr Nachbar haelt ihr die Hand vor den Mund. Auf den Einspruch des Mannes mit dem Pferdeschwanz, das er das nicht tun duerfe, antwortet er: „Ich darf! Wir sind schon verheiratet!“
Dann sagt er ein Gedicht auf, und seine Frau reibt sich waehrenddessen den Schritt und stoesst orgastische Laute aus.
Nun kommt noch ein neuer Gast, auf Mitte vierzig schaetze ich ihn, von Beruf vielleicht Pfoertner oder Buchhalter, seine Gesichtsfarbe reicht ins Gelblich-Gruene. Die allgemeine Freude, die in der Gesellschaft herrscht, kann er noch nicht teilen, er nippt still am Glas, antwortet auf Fragen nur nickend.
Das frisch verliebte Paar erhebt sich wankend und schlendert umschlungen ins naechste Geschaeft, um noch eine Flasche Kognak zu kaufen, wie sie den anderen zurufen.
Ein Blick auf Kafkas Notizen: „Jeder Mensch ist eigentümlich und kraft seiner Eigentümlichkeit berufen zu wirken, er muß aber an seiner Eigentümlichkeit Geschmack finden. Soweit ich es erfahren habe, arbeitete man sowohl in der Schule als auch zu Hause daraufhin, die Eigentümlichkeit zu verwischen. Man erleichterte dadurch die Arbeit der Erziehung, erleichterte aber auch dem Kinde das Leben, allerdings mußte es vorher den Schmerz durchkosten, den der Zwang hervorrief.“
Das glueckliche Paar ist zurueckgekehrt, und die Julia, auf die ich warte, tritt an meinen Tisch. Gleichzeitig begruesst sie Mireille Mathieu und deren Gatten, ausserdem den stillen Mann und den Mann mit Pferdeschwanz.
Nun werden die Stuehle gerueckt, und wir werden in die Runde aufgenommen. Julia stellt mich vor – Velozipidist, Pisatel is Berlina, on govorit choroscho po-russki. Wir Maenner reichen uns die Haende, und Mireille Mathieu ruft, ich sei ein Held. Der Verliebte heisst Vladmir, die anderen drei heissen Oleg.
Der Verliebte sagt auf Deutsch „mein Genosse“ zu mir, und er erzaehlt nun noch einmal, dass er seine Jugendliebe – ebenfalls eine Julia – zehn Jahre nicht gesehen habe. Leider sei sie schon verheiratet, und nur heute abend sei sie seine Braut.
Sie kuessen sich wieder, und die Braut Julia erzaehlt, dass sie ein Tanzfestival gegruendet habe, sogar Gaeste aus Amerika reisten zu diesem Festival an.
Meine Julia spricht indessen mit einem Strassenpassanten, den sie und der auch von den anderen als „Festival“ begruesst wird. Auf meine Frage, weshalb er Festival heisse, antwortet er: „Weshalb heisst der Stein Stein? Ich heisse Festival, weil ich niemals Geld habe und nur feiernd leben kann.“
Der Oleg mit dem Pferdeschwanz berichtet, er leite einen Nachtclub, in dem man Billard spielen koenne, und seine Frau lebe seit drei Jahren in New York, sein einjaehriger Sohn aber, von dem er ein Foto zeigt, hier in Poltava.
Mireille Mathieu faellt inzwischen auf den Tisch, die Glaeser sind gerade geleert worden, so dass nichts weiter passiert.
Festival holt einen Freund, der dem stillen Oleg eine Gitarre ueberreicht. Die Barbestitzerin und Kellnerin kommt aus dem Cafe und ruft laut: „Er wird singen! Mein Liebling wird singen! Was moechte mein Liebling trinken?“
Mireille Mathieu faltet die Haende zum Gebet und ruft ebenfalls: „Er wird singen! Gib Gott, er wird singen!“
Meine Julia erklaert, dieser stille Oleg sei ein Schauspieler, er habe zuletzt in einem Garcia-Lorca-Stueck gespielt, und er kenne unendlich viele Lieder.
Und Oleg singt. Er singt er mit der Kraft eines Wyssotzki, er rollt genuesslich das r, er reisst die Augen auf, seine Stimme schallt ueber den Boulevard, Passanten bleiben stehen, mir rieselt es den Ruecken runter, eine Frau haelt ihr Baby hoch und tanzt mit ihm. Oleg trinkt Portwein und Kognak und raucht, Oleg sing Balladen, Kinder- und Spottlieder und Romanzen, drei Stunden lang, und zum Schluss singt ein Chor von zwanzig Leute mit.
Mireille Mathieu hat Weinkraempfe ueberstanden, meine Julai hat den geplanten Besuch eines Jazzkonzerts abgesagt, die Kellnerin hat ihrer fleissigen Tochter vor allen Leuten den Hintern versohlt, weil diese angeblich nicht schnell genug die Tische abraeumte. Nur das Liebespaar hat sich in trunkene Einsamkeit zurueckgezogen.
Ich notiere zwischendurch: In Deutschland werden immer mehr Anti-Depressionsmittel verschrieben, hier singen die Leute.
Und Juri Andruchowytsch kann fuer sein voelkisches Denken noch Dutzende deutscher Literaturpreise erhalten, das Volk in der Uktraine wird er nie verstehen.

* Juri Andruchowytsch, „Bitte beobachten Sie mein Land!“, FAZ, 11.08.2010
Juri Andruchowytsch, der in Deutschland als der bekannteste Schriftsteller der Ukraine gilt, vertritt seit einiger Zeit die bizarre These, dass die Ukraine den Ukrainern gehoeren soll. Der Donbass und die Krim sollten sich abspalten, die dort lebenden Ukrainer in uebriggebliebene Landesteile uebersiedeln.
Dass die Mehrheit der Ukrainer sowohl russische als auch ukrainische Verwandte und Vorfahren haben und dass in der Ukraine noch Dutzende weiterer Nationalitaeten leben, im Donbass z.B. Griechen, Armenier, Georgier, Juden, Tschechen und Aserbaidschaner, ist dem Autor offenbar nicht bekannt.
Herr Andruchowytsch ist ausserdem der Meinung, dass die Ukrainer in der Stalinzeit ein auserwaehltes Opfervolk waren; er bezeichnet die Zwangskollektivierung, den Golodomor, als Voelkermord.
Der Publizist Wjatscheslaw Pichowschek hat ihm darauf geantwortet: „Auf dem Territorium der Ukraine sind am stalinistischen Verbrechen des Golodomor nicht nur Ukrainer, sondern auch meine Verwandten, Tschechen, deren einziges Vergehen ihre ökonomische Selbstgenügsamkeit war, umgekommen. Sie wurden getötet, ohne dass man gefragt hätte, welcher Nationalität sie wären.“ (Quelle: Lewyj Bereg; deutsche Uebersetzung in den „Ukraine-Nachrichten„).

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