Noch eine Party

Man raucht und trinkt und spielt Musik. Ein Filmregisseur spricht unaufhoerlich. „Das ist ein Gespraech unter Kuenstlern“, mit diesen Worten wehrt er alle Versuche ab, seinen Redefluss zu unterbrechen. Er hetzt von Thema zu Thema und verhandelt die grossen Fragen. Die Deutschen frueher, die Deutschen heute. Moderne Legenden, moderne Dummheit. Die Gesundheit als kranke Idee. Der besondere Gast und sein Schicksal.
Slava, ein Lehrer, ergaenzt hin und wieder seine wilde Reden. Die Deutschen frueher – „Frage den Handwerker, den Kaminbauer! Jeder zweite Fachbegriff aus dem Baugewerbe ist dem Deutschen entlehnt! In der Ukraine lebte vor dem Krieg wirklich ein deutsches Volk, und was haben wir von ihm gelernt! Sieh dir unsere alten Strassen an. Wie liegen dort die Steine! Ohne Idee, ohne System! Bei euch in Deutschland hat man schon im Mittelalter die Ordnung geliebt. Wie kommt es nur, dass wir so anders sind? Ist es unsere Mentalitaet, unsere Religion?“
Auch Volodja, der Gastgeber moechte mir etwas sagen. Er schleppt eine Hantel an, die 25 Kilo wiegt. „Das ist Janukovitsch“, sagt er. „So stark ist der Praesident. Eine Naturgewalt!“ Er legt mir die Hantel auf die Knie. „Und das“ – er nimmt einen Zug aus der Marihuana-Flasche und blaest den verbrauchten Rauch in die Luft – „ist Juliana Timoschenko! Verstehst du? Dampf, heisse Luft!“
Ich will fragen, „Und wo ist das Volk?“, beherrsche mich aber, um kein Gelaechter zu ernten.
Julia, die mich in diese Gesellschaft eingefuehrt hat, zeigt mir indessen ein Buch aus der sovjetischen Zeit, von 1971. Jeweils eine Doppelseite ist einem Maler gewidmet. Die diagnostische Kraft dieser Bilder ist verblueffend.
Eine Proppagandaveranstaltung; steif zeigen zwei Bloediane eine froehliche Losung; winzig klein die Zuschauer am unteren Rand – die Malerin hat offenbar die Verzwergung der kuenftigen Geschlechter schon vorausgesehen.* – Das naechste Gemaelde: Ein blutendes Bild, das eigentlich nur Schiffe und Haeuser zeigt, noch eigentlicher aber den innersten Kreis der Hoelle. – Dann: Der Kreml brennt oder wird von Schnee- oder Staubwolken eingehuellt.
Wie konnte dieses Buch in der Breshnev-Aera erscheinen? Wie flach wirken dagegen weite Bereiche der westlichen Postmoderne. In der der zwoelfmillionsten Darstellung geometrischer Formen wird nach Ironie geschnappt, weil das Ich als Schraeubchen angesehen wird, an dem man drehen kann. Man hat kapituliert, ohne eine Kapitulationsurkunde zu unterschreiben. –
Der Bruder des Gastgebers spielt wie ein junger Gott auf dem Roland-Klavier: er sieht aus wie ein klischeehaft aussehender muslimischer Terrorist.
Die Bude ist voll, die Kueche, aus der die Zwischenwand herausgeschlagen wurde, kann kaum all die Gaeste fassen. Eine leptosome Riesin streckt ihre Beine unter dem Tisch aus, ich kann den Schweiss ihrer Fuesse riechen. Mir scheint, dass sie noch Jungfrau ist und bereit, sich ein Steinmesser ins Herz zu stossen, um uns, den Verlorenen, ein Erlebnis zu bereiten. Ohne Entsagung gibt es kein Glueck, ohne Askese keinen Trost.
Ich antworte Slava, dem Lehrer, jetzt: „Traeume nicht von der Ordnung, sie wuerde dich staerker quaelen als du ahnst. Sei dankbar fuer den Schmutz, in dem du lebst.“
Der Filmregisseur drueckt mir indessen seine fleischigen Arme um den Hals. „Wir sollen den Film des Jahrhunderts drehen!“, bellt er mir ins Ohr.
Julia wiederholt einen wichtigen Tipp: „Wenn du nicht gestoert werden willst, sag einfach: nje grusi! Jeder wird dich verstehen, das ist Slang. Beisse mich nicht, kratze mich nicht, mache mir keine Probleme.“

* In Russland und wohl auch in der Ukraine werden die Menschen seit einiger Zeit von Generation zu Generation kleiner.

Themen: Tour de Wolga

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