Ein Satz über die Sowjetunion

Ob ich beim Schreiben manchmal lachen würde, wurde ich gestern gefragt. Ja, zum Beispiel als ich diesen Satz über die Sowjetunion schrieb:
„Kirgisische Clans entsandten der Form halber einen Vertreter in die Parteizentrale, der dort nur zu nicken hatte; die Tschuktschen schwenkten am 1. Mai für die Kamera in ihren Iglus rote Fähnchen und bedankten sich so für die neuen Jagdgewehre; die Mari glaubten weiter an Waldgeister, und die Beatniks trampten mit der Haschischpfeife im Rucksack die Wolga entlang bis in den Altai.“
(siehe Wiener Zeitung, „Grauzonen im roten Imperium“)
Jetzt, beim Wiederlesen, dachte ich für einen Moment, dies ist vielleicht der schönste Satz, der je über die Sowjetunion geschrieben wurde.* Der wohlwollendste und zärtlichste. Ein Satz wie eine Verbeugung vor den vielen hundert Milionen Menschen, die in diesem Land gelebt haben.
Das ironische Verhältnis zum Staat, das hier beschrieben wird, kennt man in Deutschland nicht.

* A propo Selbstlob: Vorgestern wurde ich im Deutschlandradio interviewt, in der Sendung „Nur ein Katzensprung – Die Renaissance von Tieren in der Literatur“ (Uta Rüenauver).
Ich hatte vergessen auf die Sendung hinzuweisen, habe sie auch nicht gehört. Man erzählte mir, sie sei interessant gewesen.

Text zur Sendung:
Tiere sind der Menschen beste Freunde und ärgste Feinde. Mit vielen Tieren teilt der Mensch 80 oder gar 90 Prozent der Gene, und doch sind diese Geschöpfe unübersehbar anders als er: Tiere sind dem Menschen nah und fern zugleich. Diese Ambivalenz macht sie zu perfekten Protagonisten für die Literatur. Früher, in den Fabeln der Antike und der Aufklärung, war das Schaf dumm, war der Fuchs schlau, die Ameise fleißig.
Viele Tierarten mögen derzeit vom Aussterben bedroht sein, doch in der Literatur muss man um sie nicht fürchten. Dort feiern sie eine erstaunliche Renaissance.

Themen: Russland - Ukraine

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