Überholen ohne einzuholen

Waren und Güter haben mehr Rechte, reisen leichter, werden besser geschützt, als Personen, das weiß doch jedes Kind. Das oberste Menschenrecht ist natürlich das auf Profit. “Kapitalverkehrsfreihheit war schon immer das oberste konstituive Prinzip der EU”, siehe hier bei “Spiegel-Online“.

Komisch, dass solch eine Banalität nicht allgemein bekannt ist. Es ist eben keine Gesellschaft der Gleichen (in der, nebenbei gesagt, nicht alle gleich sein sollen oder wollen). Eine Gesellschaft der Träumer, eine jenseits der Zahlen, ist mehrheitlich nicht erwünscht.
Der Maßstab aller Dinge ist das Materielle, und das muss in abendländischer Tradition aus allen möglichen und unmöglichen Perspektiven durch- und beleuchtet werden, unter dem Aspekt seiner Verwertbarkeit. Dass nur Humor die Welt retten kann, tut man als Witz ab.

“Ohne Wachstum ist alles nichts”, wie Angela Merkel bzw. die CDU / FDP sagen. Begründung: Der Wohlstand muss bezahlbar bleiben. Oder: Andere wachsen schneller / “wir” würden (werden) ohne Wachstum überholt werden (siehe Walter Ulbricht, Überholen ohne einzuholen). Oder: Die angehäuften Schulden müssten abgetragen / eingedämmt werden, die Pensionen der Beamten bezahlt werden, Bündnispflichten kosten Geld, der Friede also, usw.

Man bekommt also schnell den Eindruck, die Sache sein unübersichtlich. Alles soll Geld kosten, und von dem kann es nie genug geben. Wobei das flapsige “alles” alles Fass- und Denkbare meint, ob einen See, die Luft, Worte, das Regenwasser oder eintausend Jahre alte Tonscherben. Denn wo keine Märkte sind, müssen sie erfunden werden.

Das Gewohnheitsrecht und die Vernunft betrachten die Welt aus unterschiedlichen Perspektiven. Man meint, dies sei ein natürlicher, notwendiger Zustand, es sei eine Katastrophe, wenn es nicht so wäre. Und glaubt sogar, es sei die Krönung des Fortschritts. Aber der Feind (die Bedrohung) ist unsichtbar, er hat keinen glaubwürdigen Namen – Herr Finanzmarkt klingt, als hätte der Betreffende bei Rot die leere Straße überquert.

Das Eingeständnis, dass sich die Gesellschaft – wie jede andere vor ihr auch – selbst ein Feind ist, dass sie notwendig den Gesetzen des Vergehens ausgesetzt ist, wird nicht als Chance, nicht produktiv genutzt. Freudianisch formuliert: Lebens- und Todestrieb toben sich in jedem vorgestelltem Subjekt aus, die Frage ist nur, ob die Einsicht in die Notwendigkeit der Sublimation vorhanden ist.

Seit 1789 ist wahrlich nichts Neues passiert. Jeder hat formell die gleichen Rechte, muss sie aber bezahlen können. Vertrag ist Vertrag, wo es keinen gibt, muss auch nicht bezahlt werden.

Sublimation – “Russland will mit Europa auf Mond und Mars” – in die Sterne gucken …

Themen: Politik und Gesellschaft

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