Kino: Ein Faust wie von Beckett
Derzeit im Kino: “Faust” von Alexander Sokurow.
Sokurow hat den Faust offenbar von seiner Biederkeit befreit, vom Terror des Reims. Sein Faust sei “dieser freie deutsche Mann”, von dem Goethe und Schiller geträumt haben, schreibt die “ZEIT”: “Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche vergebens; / Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.”
Das Resultat der Selbstbefreiung: Nun “glaubt nur noch der Teufel an die menschliche Seele, nicht mehr der verfolgte Mensch”. Faust läuft in die Kälte und wird zum Ötzi.
Zur Biederkeit von Faust: Was sich dieser Typ auf seine Zerrissenheit einbildet, muss zum Beispiel auf Schachspieler lächerlich wirken. Wenn man stets nur zwischen zwei Varianten entscheiden müsste, wäre das Spiel des Lebens einfach. Faust behauptet, zwei Seelen in seiner Brust zu haben, doch wäre er überzeugt davon, eine zu haben, wüsste er, dass diese eine viele sind, unmöglich aber zwei. Ein Weltbild, das auf der Zwei aufbaut – dem Entweder / Oder -, ist statisch und kleinbürgerlich. Es fehlt ihm mindestens der Humor, der bekanntlich ein Zeichen von Intelligenz ist. Erst die Drei ermöglicht Harmonie, Entwicklung und Zerrissenheit und auch eine genaue Kenntnis des Feindes – schließlich wird der Feind dann nicht nur im Außen gesucht, im Er oder Es oder Sie, sondern auch im Innern, da ein Subjekt auch sein eigener Feind sein kann. Nur Narren bleiben was sie sind, nur wer zwischen zwei Polen zerrissen ist, wird nach dem einzig richtigen Weg suchen.
Wer eine Seele hat, hat viele, dieser Gedanke mag dem westlich-rationalem Menschen fremd erscheinen, aber er schafft es ja auch, mit rationalem Verhalten irrationale, ihn selbst gefährdende Ergebnisse zu erzielen. Hingegen unter Anleitung eines Schamanen eine Kultur des Zufalls gelebt wird, das Scheitern sich durch die Rufe eines Käuzchens ankündigt.
Was dem Westler zum Glück fehlt, ist die Lust an der Zerstörung, am Auffressen des Mehrwerts (wie es die Mönche in Tibet tun), am Verschenken. Wo der Besitz geheiligt wird, kann man dergleichen auch nicht erwarten.
Themen: Literatur
3rd.Februar 2012 um 14:56
Danke für den Hinweis, ich will mir den Film ansehen (oline, auf eine Weise, die im Piraten-Land Russland üblich ist!)