Der Fall Julia Timoschenko

Während im Westen große Empörung über die Behandlung von Julia Timoschenko und deren Aufenthalt im Gefängnis herrscht, ist der übergroßen Mehrheit der Ukrainer das Schicksal der ehemaligen Ministerpräsidentin vollkommen gleichgültig. Die Ukrainer wissen eben, dass es sich bei den Auseinandersetzungen um einen Streit unter Oligarchen handelt und dass  Julia Timoschenko zwar zu Unrecht verurteilt wurde, aber zu Recht im Gefängnis sitzt.

Julia Timoschenko dürfte noch immer die reichste Frau der Ukraine sein. Sie hat vor der letzten Präsidentenwahl zwar angegeben, weder ein eigenes Haus noch eine eigene Wohnung zu besitzen, doch man kann ihr Grundstück und ihr bescheidenes Schloss im Internet betrachten (s.u). Einer ihrer ärgsten Rivalen, Rinat Achmetow, dem der halbe Donbass gehört, wohnt gleich schräg gegenüber;  die angeblichen Todfeinde konnten sich über den Gartenzaun – bzw. die Schlossmauern – zuwinken.

In Hintergrundgesprächen geben deutsche Journalisten offen zu, dass Fakten, die den gängigen Julia-Klischees widersprechen, nicht erwähnt werden sollen – dies sei in den Redaktionen nicht erwünscht.
Man will etwa den Hinweis nicht lesen, dass Frau Timoschenko als Ministerpräsidentin die Möglichkeit gehabt hätte, die Bedingungen in ukrainischen Gefängnissen zu verbessern, dies jedoch nicht getan hat. Die meisten Gefangenen in der Ukraine wären jedenfalls froh, wenn sie in ihrer Zelle einen Kühlschrank hätten und regelmäßig von einem Anwalt besucht werden könnten.
Auch sind in deutschen Medien Querverweise zu den Zuständen in den Gefängnissen in Deutschland nicht erwünscht – siehe den gerade erschienen Anti-Folter-Bericht der „Nationalen Stelle zur Verhütung von Folter“ (s.u).

Wenn es nach Recht und Gesetz gehen würden, müssten in der Ukraine wohl 9 von 10 Parlamentsabgeordneten das Schicksal von Frau Timoschenko teilen. Keinesfalls ist der Präsident Janukowitsch der einzige Schurke in diesem Staatsschauspiel, noch ist er in der Lage oder lässt er den Willen erkennen, in der Ukraine eine Diktatur, vergleichbar der weißrussischen, durchzusetzen.  Manche der Handlungen des Präsidenten, die bei ukrainischen Freunden des Westens Empörung hervorrufen – etwa die Erhöhung des Rentenalters oder das Recht der Steuerpolizei, unangemeldet Privaträume zu durchsuchen -, sind mit den Forderungen des IWF zu erklären, die Gesetze der Ukraine internationalen, westlichen Standards anzugleichen. Schließlich ist die Ukraine in einer ähnlichen Situation wie Griechenland, d.h. de facto pleite, und jeder andere ukrainische Präsident müsste genauso handeln (s.u).

Im Falle Julia Timoschenko handelt Janukowitsch allerdings irrational. Da hassen sich zwei, wie es schöner nicht sein könnte. Julia, die kleine, redegewandte Hysterikerin, die zwischen sich und der Ukraine oft keinen Unterschied erkennen kann, und Janukowitsch, der Zwei-Meter-Mann, dem die Fremdworte öfter mal durcheinander geraten, der Genozid mit Genfond verwechselt, und dem die Rivalin jahrelang genüsslich vorgehalten hat, dass er in seiner Jugend schon gesiebte Luft eingeatmet hat.

Den Preis für das Spiel um die Macht zahlen die Millionen Ukrainer, die keine Stimme haben.

Lesetipps:

Censor.net: „Das Leben der Oligarchen“

„Nationale Stelle zur Verhütung von Folter“, Jahresbericht 2011/12:

Ukraine-Nachrichten -„Anzugträger in den ukrainischen Gefängnissen“

Ukraine-Nachrichten – „Ukrainische Gefängnisse und ihre medizinische Versorgung“

Ukraine-Nachrichten: „Lug, Betrug und Angst“

FAZ: Juri Andruchowytsch, „Bitte beobachten Sie mein Land!“

Ukraine –Nachrichten: „IWF verschiebt erneut nächste Kredittranche für die Ukraine“

Ukraine-Nachrichten: „Ukraine versprach dem IWF Rentenreform für den März“

Ukraine-Nachrichten: „Janukowitsch verwechselte angeblich ‚Genozid‘ und ‚Genofond‘“

Böll-Stiftung: Dr. Kyryl Savin, Andreas Stein: Tymoschenko-Prozess: „Die ukrainische Führung in der Sackgasse“

Focus Online: „Türkei schwarzes Schaf beim Schutz der Grundrechte“

Themen: Russland - Ukraine

14 Kommentare to “Der Fall Julia Timoschenko”

  1. Jens schreibt:
    27th.April 2012 um 07:54

    Genau so ist es! Vielen Dank für diesen Artikel, er spricht mir aus der Seele.

    LG,
    Jens

  2. Linktipp zum Thema Timoschenko | UKRAWEB.COM schreibt:
    27th.April 2012 um 09:51

    […] Ukraine. Sehr lesenswert in diesem Zusammenhang ist der Beitrag von Christoph Ⅾ. Brumme auf Honigdachs.com unter dem Subtitel „Die Simulantin und der Boxer“. Dieser Eintrag wurde […]

  3. Jens schreibt:
    27th.April 2012 um 15:24

    Das lässt mir jetzt echt keine Ruhe. Wie meinst Du das im 3. Absatz? Bekommen deutsche Journalisten einen Leitfaden, wie sie zu aktuellen Themen ihre Texte verfassen sollen? Das kann ich mir innerhalb eines Verlages zwar vorstellen – und in Grenzen auch akzeptieren – aber hier scheint es ja die ganze Bandbreite der Berichterstatter in Deutschland zu betreffen.

  4. Rudolf schreibt:
    28th.April 2012 um 09:28

    Sehr guter Beitrag!

  5. Markus schreibt:
    29th.April 2012 um 19:41

    Endlich einmal etwas Vernünftiges zum Thema Timoschenko. Sie ist ein positives Propagandainstrument des Westens wie Kasparow. (Negative sind z.B. Putin und Chavez).

    Danke!

  6. Optupus schreibt:
    29th.April 2012 um 20:07

    Um an Informationen zu kommen, benütze ich das Internet.Es wird da in bestimmten Beiträgen mit der Wahrheit nicht immer objektiv gehandelt, aber man kann schliesslich selektieren.

  7. Weg mit Julia schreibt:
    29th.April 2012 um 20:17

    Diese Timoschenko geht mir sowas von auf den Senkel. Und die Propaganda, die unsere vertrottelten Systemmdien damit betreiben erst!

  8. Boykottgesellschaft Deutschland schreibt:
    29th.April 2012 um 21:43

    […] diesem Artikel möchte ich noch auf ein Beitrag “Der Fall Julia Timoschenko” auf honigdachs.com verweisen, wo es auf die schwierige Zusammenhänge in der ukrainische Politik verwiesen wird. […]

  9. Alexander schreibt:
    30th.April 2012 um 12:55

    Günter Grass hat schon nicht ganz unrecht mit der „gleichgeschalteten“, deutschen Medienlandschaft. Es ist echt unfassbar, wie Politik und Medien im Einklang konsequent einseitig Bericht erstatten. Was ist da los???
    Danke für diesen Artikel.

  10. Klemperer schreibt:
    30th.April 2012 um 15:04

    Vielen Dank, im Medieneinerlei eine gradezu wunderbare Stimme. Das unfaßbare Einheitsgerede ist doch dermaßen leicht zu durchschauen. Es gibt, das macht es nur nicht leichter, keine „gleichgeschaltete“ Medienlandschaft. Es herrscht über der deutschen Presse keine Diktatur. Aber es fehlt komplett, daß die Leute, die jetzt Frau Timoschenko in Berlin untersucht (und dann hierbehalten) sehen wollen, etwa nachfragen – was passiert denn dann mit allen anderen ähnlich schlecht von Gefängniswärtern behandelten Gefangenen dort?
    Dürfen die alle in der Charité behandelt werden^^? Wie kann man Frau Merkel oder Herrn Gauck zuhören, die all das komplett ausblenden, und Gut gegen Böse daherkonstruieren…

    All das ist fast schon bizarr. Genau wie der von Merkel kolportierte Satz, Julia T. könnte „nur von deutschen Ärzten“ behandelt werden… Aber niemand fragt nach… Was würden andere Staaten tun, wenn man etwa (nehmen Sie irgendein Land als Beispiel) z.B. die USA zwingen wollte, Bradley Manning in der Charité zu behandeln, wo er dann auch gleich bleiben dürfte? „Er ist hier rechtskräftig verurteilt!“ „Er wird in USA behandelt!“ würde man – zurecht – sagen. Damit vergleiche ich die Ukraine nicht mit den USA – aber man übersieht medial komplett, wie die Lage ist…

    Oder, im Artikel ja schön besprochen – wie hat denn Frau Timoschenko an der Macht sich um bessere Gefängnisse gekümmert?

    Wie bei der „orangen Revolution“ geruht man, ganz ohne „Befehl von oben“, von Süddeutsche bis BILD ein Einheitsbild von der allein Guten gegen das Böse zu schreiben. Und widerspricht jemand, hört er oder sie sofort „so, du möchtest also diese schöne westlich gesinnte Freiheitskämpferin trotz ihrer blauen Flecken…“ usw usw. (Nein, möchte „man“ nicht…Freiheit gälte dann nur tatsächlich für alle…). Herzlichen Dank für die Berichte hier! Ein wahrer Lichtblick.

  11. News & Magazin : naanoo.com schreibt:
    30th.April 2012 um 18:10

    Timoschenko: Ukraine wirft Deutschland Rückfall in Kalten Krieg vor…

    Foto: Julia Timoschenko, European Peoples Party, Lizenz: dts-news.de/cc-by Die Ukraine holt zum verbalen Gegenschlag aus und kritisiert einen möglichen EM-Boykott als Methodik des kalten Krieges. Kiew – Im Fall der in der Ukraine inhaftierten Opp…

  12. Gerhard Jeske schreibt:
    2nd.Mai 2012 um 15:33

    Hamburg, den 02.05.2012 Gerhard Jeske 22547 Hamburg
    Timoschenko. Herzogin der Ukraine?
    Nachdem Im 9. Jahrhundert, unter dem Einfluss skandinavischer Waräger mit Verbindungen zu Ostslawischen Stämmen, von Skandinavien aus über Nowgorod nach Süden, mit Zentrum in Kiew, das Reich„Kiewer Rus“ errichteten wurde „ sind blonde Haare und Blaue Augen, zum Unterscheidungsmerkmal zu den dunkel behaarten Slawen geworden. Heute ist das Aufkaufen von blonden Haaren zu einem lukrativen Geschäft in der Ukraine geworden. Als besonders Exklusiv hat sich der blonde Haarkranz gemausert, den sich Frau Timoschenko seit ungefähr 2001 verordnet hatte. Besteht hier eventuell ein Zusammenhang mit der Okkupation der Ukraine durch das Deutsche Reich Hitlers, zwischen 1941 und 1944? Blond war damals in. Und blonde Kinder hatten die Chance von der SS ausgewählt zu werden um in Heimen als deutsche Herrenmenschen erzogen zu werden und eine blonde Politikerin, mit dem Outfit einer germanischen Herzogin, ist womöglich das beste Modell für eine Mitregentin deutscher Interessen in einer slawischen Umwelt. Von den wirtschaftlichen und militärischen Folgen ganz zu schweigen.
    Übrigens: Das Haar der germanophil in Timoschenko ist nicht echt, sondern braun. Also musste die Farbe schnell ihrer Überzeugung vom Wert der“ Blonden Haare“ und „Blauen Augen“ angepasst werden. Pech hatte sie aber mit den Augen, diese Farbe kann bislang nicht geändert werden. Aber vielleicht werden deutsche und amerikanische Ärzte auch bald dafür ein Patent auf den Markt werfen.
    Gerhard Jeske

  13. Ukraine: Die Wahrheit hinter Tymoschenko und der EM 2012 + Machtinterresen, Lobbyismus und Korruption « Indiz1ert schreibt:
    3rd.Mai 2012 um 09:47

    […] Geld, dass sie noch immer als reichste Frau der Ukraine gelten dürfte. In einem unabhängigen Bericht heißt es: »Sie hat vor der letzten Präsidentenwahl zwar angegeben, weder ein eigenes Haus noch […]

  14. Elena schreibt:
    26th.Januar 2013 um 00:08

    Allen, die gegen Julia Timoschenko ist, wünsche ich unter Janurowitsch zu leben!!!!!

Kommentare

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