Über den Dnjepr

Es ist immer das Gleiche: Wenn man mir sagt, dass etwas nicht möglich sei, will ich es gerade deshalb versuchen. So auch an diesem Tag, da ich den Dnjepr bei Tscherkassy überqueren möchte.
Zwei Leute hatten mich gewarnt, dass man als Fahrradfahrer nicht über die Brücke gelassen werde. Aber ich weiß doch, was Verbote in der Ukraine bedeuten: nichts.
Hier leben, so meine feste Überzeugung, die freiesten und listigsten Menschen Europas. Allerdings war ich noch nicht in Transnistrien, im geografischen Herzen dieses zerrissenen Kontinents.
Trifft man einen Gesetzeshüter, so gibt sich der erst einmal streng. Findet man den richtigen Ton, überlegt er wenig später, wie man gemeinsam das Gesetz überlisten könne.
Also radle ich frohen Mutes auf die Brücke zu. Verkehrsschilder warnen noch einmal: Für Fahrradfahrer verboten! Vorsicht, Auto kann ins Wasser fallen!
Nun gut, diese Schilder muss ich nicht gesehen haben. Ich bin ja nur ein naiver Radfahrer. Aber doch steht am Anfang der Brücke ein Wachturm und auf diesem ein Soldat. Der hält die Flinte in den Händen. Fehlt bloß noch, dass er „Hände hoch!“ ruft. Aber nein, er gibt nur seinem Kollegen auf meiner Straßenseite ein Zeichen. Der pflanzt sich breitbeinig vor mir auf. Tatsächlich ist die Straße auf der Brücke so schmal, dass ich als Radfahrer den Autoverkehr sehr stark stören würde. Und der Dnjepr ist hier 13 Kilometer breit.
Die ersten Sätzen erfolgen nach dem üblichen Schema. „Sie dürfen nicht über die Brücke fahren. Sie müssen über Kiev oder Krementschug fahren.“
„Vielleicht kann ich ein Auto anhalten? Sehen Sie, ich komme aus Berlin.“
„Wohin wollen Sie denn? Zur Fußball-EM?“
„Nein, nach Poltava. Freunde warten auf mich. Vielleicht können Sie mich über die Brücke fahren?“
„Wir arbeiten.“
„Eine wichtige Arbeit, ohne Zweifel.“
Da kommt ein älterer Kollege, offenbar vom Angeln. Er trägt Tarnkleidung und einen Rucksack auf dem Rücken und guckt missmutig drein.
„Der Kollege kann Ihnen vielleicht helfen.“
„Kennen Sie eine Möglichkeit, wie ich über die Brücke kommen kann?“
„Wo kommen Sie her?“
„Aus Deutschland, direkt aus Berlin.“
„Ich habe in Deutschland bei der Armee gedient. In Cottbus.“
„Das ist nicht weit von Berlin.“
„Wo haben Sie Russisch gelernt?“
„In der Schule. Auf der Straße. Ich fahre nicht zum ersten Mal mit dem Fahrrad durch die Ukraine.“
„Warten Sie hier.“
Ich warte. Die Gesetzeshüter verschwinden im Wachhäuschen. Nach ein paar Minuten klopfe ich ans Fenster. Schließlich hat man mir noch keine Entscheidung mitgeteilt. Und falls ich wirklich zurückfahren soll, möchte ich das gleich tun.
Der Mann, der in Cottbus gedient hat, öffnet die Tür. „Ich sagte doch, dass Sie warten sollen. Ich muss noch arbeiten.“
Alles klar. Es wird eine Lösung geben. Sonst hätte er gesagt, dass ich umkehren soll. Tatsächlich tritt er kurz darauf aus dem Häuschen.
„Gehen wir“, sagt er.
„Zu Fuß?“, frage ich. „Wie weit ist es denn?“
„Fünfzehn Minuten“.
„Sie oder ich zuerst?“
„Sie.“
Er trägt seine Flinte über der Schulter. Neben der Straße gibt es einen schmalen Weg für Fußgänger bzw. für die Wächter. Der Beton am Boden ist morsch, wo die stählernen Pfeiler durch den Boden ragen, kann man das Wasser sehen.
In mir schreit das Glück. Den Dnjepr, diesen mythischen Fluß, überschreite ich auf verbotenem Wege! So muss es sein. Die Gesellschaft ist das Falsche, ich lebe im Richtigen. Das schließt Irrtümer ein. Popytka – nje pytka. Der Versuch schadet nicht. Nicht jeder kann sein eigener Gesetzgeber sein, das sehe ich ein, doch bin ich zu stolz, mich den Regeln eines wie immer gearteten Kollektivs zu unterwerfen.
Belohnt werde ich nach dem langen Gang über die Brücke mit einer Traumszene. Ein Hochzeitspaar sitzt auf den Schienen. Der Mann, der in Cottbus Soldat war, hat sich längst verabschiedet.

Themen: Tour de Wolga

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