Ukrainische Impressionen – Totschlag an der Grenze (1)

Ich bin einige Tage durch Moldawien geradelt, um mich auszutoben und um Mosaike zu fotografieren. Besonders die Strecke zwischen Komrat und Tighina war ziemlich anspruchsvoll, weil sie immerzu auf und ab führte, na goru, pad goru, 200 – 300 m Anstieg, 200 – 300 m Abfahrt, dies fast 100 km lang in größter Hitze.
Solch ein Streckenprofil ermüdet auf Dauer, geht in die Knochen, schließt die Muskeln. Aber ich kann ja kämpfen und liebe die Hindernisse. Am Abend, hinter Causeni, hielt ich Ausschau nach einem Platz zum Zelten. Doch links und rechts der Straße waren nur Pfirsich- und Apfelplantagen, auf denen noch gearbeitet wurde.
Dann sah ich im Tal unter mir das Herz Europas – den nichtanerkannten Staat Приднестро́вье / Pridnestrowje mit seiner Hauptstadt Tiraspol. Auf der Hinfahrt hatte ich Приднестро́вье schon durchquert, da war das Land nur wenige hundert Meter breit, aber die Grenzposten mit Panzern bewaffnet gewesen. Was tun? Hier war dieses unglückliche Gebilde mindestens 40 km breit, vielleicht 60 – 80, je nachdem, welcher Grenzübergang für mich als Ausländer aus dem dünkelhaften Westen geöffnet sein würde.
Und ich war schon rechtschaffen müde nach dieser Bergtour. Wie immer in solchen Momenten verließ ich mich auf mein Näschen. Ich rollte ins Tal, auf den Grenzposten zu, musste diesmal einen Anmeldeschein ausfüllen und ließ mich belehren, dass ich bis 6 Uhr morgens das Land, das keins ist, verlassen müsse, es sei denn, ich würde mich in Tiraspol offiziell registrieren lassen. Dazu hatte ich natürlich überhaupt keine Lust.
Tiraspol wirkt bei flüchtiger Durchfahrt natürlich nicht anders als hunderte andere ukrainische / moldawische / russische Städte, die ich schon durchradelt habe. Man versteht oder spricht Russisch, die Lingua franca zwischen Lwiw und Wladiwostok, dazu ein bis drei andere Sprachen. Hier mindestens „Moldauisch“, also Rumänisch.
Weil ich rechtschaffen erschöpft war stellte ich mein Fahrrad vor einem Geschäft ab, um Bier zu kaufen. Natürlich hatte ich kein transnistrisches Geld, wohl aber moldauisches und ukrainisches. Und da ich die Mentalität der Leute hier kenne, war ich mir sicher, dass man mir Bier verkaufen würde. So kam es auch, man akzeptierte die Scheinchen aus UA; außerdem schenkte mir ein Kunde noch „unsere Dollar“ als Souvenir, wobei zwei „unserer Dollar“ wohl nicht mehr als zwei Euro-Cent wert sein dürften.
Ich setze mich vors Geschäft, trank und aß und hörte mir die Reden eines alten Mannes an, der zwar schlecht sehen konnte, aber doch bei klarem Verstand war. Wenn ich mehr Zeit gehabt hätte – es dunkelte inzwischen – hätte ich ihn ein bisschen ausgefragt, so beließ ich es dabei, ihn darüber philosophieren zu lassen, dass der Hund des Menschen bester Freund sei.
Außerdem musste ich nebenbei noch ein Dutzend andere „Interviewanfragen“ bedienen, denn – wenig überraschend – es wollten noch mehr Kunden des Geschäfts herausfinden, welcher Velo-Turist sich in das schwarze Loch im geografischen Zentrum Europas verirrt hatte. Dass ich ein Tourist bin sieht ja jeder Idiot …

Themen: Tour de Wolga

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