Ukrainische Impressionen – Totschlag an der Grenze (2)

Wenige Stunden später. Ich habe hervorragend gegessen, ein wunderbar zartes Schaschlik. Habe mit dem Bruder der Kellnerin und dessen Freund geplaudert. Schöner Moment: Der Bruder sagte, er habe jetzt die russische Staatsbürgerschaft, der Freund: Und ich die rumänische. Die eine wie die andere kostet ca. 500 Dollar.
Sie fragten, ob ich einen neuen Pass haben, meine Identität wechseln wolle. Ach, danke schön, antwortete ich, aber meine Identität sei ohnehin eine fließende.
Im Dunkeln radle ich auf den Grenzübergang Grebeniki zu, auf der Trasse nach Lymanskje. Doch ich habe das Gefühl, schon zu weit gefahren zu sein und radle zurück ins nächste Dorf. Zwar sind hier alle Grenzen „grün“, d.h. ich könnte rasch in die Ukraine entweichen, aber ich will ja offiziell wieder rauskommen, deshalb wäre das keine so gute Lösung.
Im Dorf stehen noch zwei Leute auf der Straße, eine Frau und ein Mann. Es ist inzwischen ein Uhr nachts. Beide haben natürlich gefeiert, d.h. getrunken. Beide streiten gleich, wo denn der Grenzübergang Grebeniki liegen könnte.
Julia, so heißt die Frau, lädt mich in ihr Haus ein. Ich müsse mich dort erst einmal erholen. Ja, die Form von Erholung kenne ich. Sie fasst mich im Gehen an den Oberschenkel, wie um zu prüfen, ob meine Muskeln echt sind. Für die Ordnung bzw. Unordnung in ihrem Haus entschuldigt sie sich. Das ist auch angebracht, denn schmutzige Wäsche liegt in Haufen auf der Erde, die fast bis unter die Decke reichen.
Ihr Begleiter ist in der Dunkelheit entschwunden. Sie setzt sich neben mich, will mir Fotos zeigen. Ich blättre ein Album flüchtig durch; sie strafft ihren Rücken, unter der Bluse trägt sie keinen BH. 32 sei sie und Lehrerin. Und wieder liegt ihre Hand auf meinem Bein. Der kleine Freund führt ein Eigenleben, was leider unter der sportlichen Hose leicht zu sehen ist.
Aber was soll das? Für eine schnelle Nummer bin ich mir zu schade. Und in ein paar Stunden muss ich Приднестро́вье verlassen haben.
Julia, sage ich, du bist eine sympathische Frau, aber ich möchte weiterfahren.
Zu meiner Überraschung ist sie gleich einverstanden – und bittet um Geld. Ob ich vielleicht 100 Griwna erübrigen könne (10 Euro)?
Könnte ich, will ich aber nicht, nicht in diesem Moment. Und so sage ich es auch: Habe selbst wenig, muss zur Grenze.
Ja, gut, mault sie.
Immerhin erklärt sie den Weg. Grebeniki, das sei kein offizieller Übergang, ich müsse noch 20
km weiterfahren, bis Kutschurgan.
Das ahnte ich schon.

Themen: Tour de Wolga

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