Ukrainische Impressionen – Totschlag an der Grenze (3)

Inzwischen ist es ziemlich kalt geworden. Ich halte an, ziehe die Gortex-Hose und – Jacke an. Nach sieben Jahren ist die Jacke schon an einigen Stellen durchlöchert, der Reizverschluss klemmt. Und ich habe Durst! Und der Mond grinst am Himmel. Und Autos rasen an mir vorbei Richtung Odessa.
Welch eine wahnsinnige Reise!
Wochenlang im Rausch verbracht. Bei den Bauern in der Westukraine: Gearbeitet und gesoffen. Unter anderem kann ich jetzt Kühe melken und Eber (oder Männer) kastrieren. Bei den Milizionären in B.: Erholt und gesoffen. Bei den Griechen und Ärzten im Donbass: Gefeiert und gesoffen (u.a. den Tag des Mediziners). Bei den Künstlern in Poltawa: Gesungen, gesoffen, getanzt und geraucht. Bei dem Schweizer Exilanten, der hier lebt, weil er hier mehr Freiheit findet als in der Alpenrepublik: Erholt und gesoffen. In Tscherkassy: Erholt und wenig gesoffen (aber einen Deutschen getroffen, der mit den amerikanischen Bad Boys in Vietnam gekämpft hat). Bei den Geldeintreibern in T.: Gesoffen und geraucht.
Himmlische Ruhe nur in Moldawa gefunden …
Das nächste Ziel: Die Heldenstadt Kiew.
Bis jetzt fast 4000 km geradelt. Also wenig. Je älter ich werde, desto fauler. Egal. Ich lebe und liebe dieses Leben. Und ich muss jetzt schon kotzen, wenn ich an die Rückkehr denke. Dieses langsame Leben in Deutschland, dieser Trott, diese Genügsamkeit, die blöde Bereitschaft sich sehenden Auges versklaven zu lassen – Stichwort NSA / sanfter Faschismus – wie mich das anödet, wie ich das hasse! Ich bin doch ein Kosak, ein Steppenreiter. Ya tovarij Stirlitz – der Spruch, über den hierzulande alle lachen.
Immerhin gibt es den Schachclub. Da trifft man noch echte Menschen. Immerhin darauf kann ich mich freuen: 3 – 4 neue Buchaufträge. Radbuch schon im April – fristgerecht – beendet. Aber der Verlag will erst 2014 im Frühjahr veröffentlichen. Meinetwegen. Außerdem DDR-Roman. Außerdem Schach-Buch. Außerdem will ich einen historischen Roman schreiben.
Und der transnistrische Mond grinst noch immer vom Himmel.

Themen: Tour de Wolga

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