Ukrainische Impressionen – Totschlag an der Grenze (4)

Wie an jeder Grenze wird man als Radfahrer bevorzugt behandelt, auch nachts und auch hier zwischen Приднестро́вье und der Ukraine. Verlierer sind die Moldawier. Die konnten mir keinen Ausreisestempel in den Pass drücken.
Ich radle an den Autofahrern vorbei.
Kurze Frage an den Grenzer – „Kuda mne nado idti?“ „Pischkom“, sagt er.
Ich gelte also wieder einmal als Fußgänger, mir soll es recht sein. Während die armen Autofahrer stundenlang warten müssen, dauert die Prozedur für mich nur ein paar Minuten.
Dann kann ich schon ukrainischen Boden küssen. Gern würde ich liegen bleiben, so müde bin ich. Aber schon ein paar Meter hinter dem letzten Kontrollhäuschen steht die erste Kneipe, und Hunger habe ich auch. Glücklicherweise gibt es hier keine starken Gewerkschaften, keine Regel-Wut wie in Deutschland, jeder kann selbst entscheiden wann er sein Geschäft öffnet.
Die Kellnerin sitzt im Vorgarten und raucht.
„Gibt es noch etwas zu essen?“, frage ich.
„Natürlich“, sagt sie und betet schon die Speisekarte herunter.
Ich entscheide mich für eine Soljanka. Im Kneipenraum allerdings sitzen einige Saufbrüder an einem Tisch; sie schreien. Sechs junge Männer, mehr oder weniger besoffen. Eine leere Flasche Wodka steht auf dem Tisch.
Typische Säufer-Szene: Sie schreien, weil drei von ihnen zur gleichen Zeit sich verständlich machen wollen.
In dem Gebrüll ist nur zu verstehen: „Du kennst mich seit acht Jahren. Ich kenne dich seit acht Jahren.“
Ja, das sind wichtige Informationen, die man sich nachts ins Ohr brüllen muss.
Die Kellnerin stellt die Suppe auf den Tisch, ich greife zum Löffel. Die Saufbrüder schreien nicht mehr; man kann die Gefahr riechen.
Ich blicke zu ihnen hinüber und sehe, dass der Schmächtigste einem Muskelpaket die Faust ins Gesicht drückt. Der Getroffene steht auf, zieht an der Zigarette, legt sie im Aschenbecher ab, greift nach Flasche Wodka, dreht sich in einer Kinski-Schraube und haut dem Möchtegern-Schläger die Flasche auf den Schädel, die dabei zerbricht. Und weil ihm das nicht reicht, drischt er auch den Rest der Flasche auf den Kopf des schon Fallenden, dem das Blut aus den Ohren spritzt.
Die Kellnerin schreit, der Tisch kippt um, die Männer springen auf, der blutende Provokateur kriecht an der Theke entlang.
Der Schläger hat noch nicht genug, er steht im Raum, muss von zwei seiner Kumpane festgehalten werden. Ein Vieh, ein Tier zweifellos.
„Guten Appetit!“, sagt einer der Männer zu mir. „Alles ist normal.“
Ich wäre nicht ehrlich, wenn ich nicht zugeben würde, dass mein Herz etwas schneller schlägt als gewöhnlicherweise.
Willkommen in der Ukraine! denke ich.

Themen: Tour de Wolga

Kommentare

  • Honigdachs-Galerie

  • Themen