Ukrainische Impressionen – Totschlag an der Grenze (5)

Während die Kellnerin die Scherben zusammenfegt, das Blut von der Wand wischt, schreit die Köchin hinter der Theke: „Ihr habt ihn totgeschlagen!“
Der Prügler steht noch mit geblähten Nasenflügeln eine Armlänge von mir entfernt; eine falsche Bewegung würde jetzt ausreichen, seine Wut, die auch für die Kumpane gespielt ist, auf mich zu ziehen.
Ich habe statt des Löffels eine Gabel in die Hand genommen, rühre mit dieser in der Soljanka, denn als Waffe ist das vierzackige Stück besser zu gebrauchen.
„Er kennt mich! Er kennt mich!“, schreit der Prügler. „Er hat mich geschlagen!“
Das stimmt, alle haben es gesehen. Doch ob das Zerdreschen der Wodka-Flasche auf dem Kopf des anderen noch als Affekthandlung bewertet werden kann, wage ich zu bezweifeln. Schließlich fand der Täter die Zeit, einen Zug aus der Zigarette zu inhalieren und diese sorgsam im Aschenbecher abzulegen. Und für den zweiten Schlag mit dem Flaschenrest können nun gar keine mildernden Umständen mehr geltend gemacht werden, schließlich taumelte der Getroffene schon, hilflos mit den Armen rudernd, zu Boden.
Wenn ich mich recht erinnere, ist das die zweite ernsthafte Prügelei, die ich in der Ukraine gesehen habe. Bei der ersten wurde Selbstjustiz ausgeübt, der Dieb eines Motors zum Geständnis gezwungen, woraufhin dessen Großmütter und ein Großvater ihn, bewaffnet mit Sensen und Harken, zu verteidigen suchten.
Außerdem kannte ich einen Mann, der von einem 16jährigen Mädchen erwürgt wurde, als er betrunken und bekifft mit den Tageseinnahmen eines Musik-Festivals in seinem Zelt lag. Und zwei verurteilte Mörder kenne ich.
Das Macho-Gehabe, der Männlichkeitskult werden heftiger zelebriert als in westlichen Kulturen, was nicht nur mit Alkoholismus zu begründen ist, sondern auch damit, dass hier mehr Männer körperlich arbeiten.
Während die Männer sich im Vorgarten an einen Tisch setzen und keiner von ihnen sich dafür zu interessieren scheint, ob ihr Kumpel nun nach Schädelbruch verstorben ist, bezahle ich meine Rechnung.
„Kaschmar, uschas“, sagt die Kellnerin. (Albtraum, Schrecken)
„Da, kaschmar, uschas“, antworte ich.
Zwei Tische weiter saß die ganze Zeit ein Mann und schlief mit einer Flasche Bier in der Hand.
Ich gehe an den Männern vorbei, ziehe die Handschuhe an, setze den Helm auf und radle auf die Straße. Der Grenzposten spaziert vor dem Schlagbaum auf und ab.

Themen: Tour de Wolga

Ein Kommentar to “Ukrainische Impressionen – Totschlag an der Grenze (5)”

  1. Waldstrumpf schreibt:
    8th.August 2013 um 09:28

    Einfach schockierend, was du da erlebt hast! Ich werde jedenfalls nicht in die Ukraine fahren, wo man sich gegenseitig die Köpfe einschlägt.

Kommentare

  • Honigdachs-Galerie

  • Themen