Ukrainische Impressionen – ein Patriot

In Poltawa besuche ich mit zusammen mit einem Freund zuerst ein Konzert der Gruppe „Tabula Rasa“ in der „Villa Krokodila“, dann feiern, trinken und tanzen wir bis in den Morgen. Großartige Musiker, großartige Musik. Meine einzige Kritik: die schäbige, private Kleidung der Jungs.
Meine Euphorie wird natürlich verstärkt durch die besondere Situation: Kann ich mich hier doch so bewegen, wie Genosse Stalin es allen Spionen angedichtet hat: wie ein Fisch im Wasser. Ich bin ein Stirlitz, also intelligenter und raffinierter als James Bond. Er – ein germanischer Russe, ich – ein russischer Deutscher.
Doch ich habe am heutigen Abend einen Fehler gemacht. Ich trage ein T-Shirt mit ukrainischen Motiven – als einziger im Saal. Ein Kosaken-T-Shirt vom Sorotschinzi-Jahrmarkt. Mehrmals werde ich auf dieses T-Shirt angesprochen, wie auch in den Tagen zuvor auf der Straße, schließlich kleiden sich hier Männlein und Weiblein gern mit Las-Vegas-, Adidas- oder anderen westlichen Bildchen. Ein Ukrainer ohne Sehnsucht, ein Patriot gar, macht sich verdächtig.
Ukrainische T-Shirts, futbolka, zu verkaufen, das wäre kein schlechtes Geschäft in der Ukraine.
Dies simple Beispiel zeigt natürlich, wie groß die Anziehungskraft der westlichen Kulturen hier noch immer ist – der Westen ist, wie Brasilien oder Argentinien, ein Ort der Sehnsucht.
Der Freund ist zwischendurch etwas irritiert, weil ich mich zum Schreiben an die Theke setze. Aber wenn alle feiern, kann ich gut denken. So fällt mir endlich auch der Titel für die nächste Reportage ein – „Der Genozid von nebenan“.

Zwischendurch notiere ich natürlich Quatsch, unergiebige konventionelle Gedanken: „Wo sind eigentlich die 200.000 deutschen Trottel (Trottelinnen), die 2008 Barack Stalin Obama, dem Drohnenkrieger und Verdienten Mörder anderer Völker, in Berlin zugejubelt haben? Hat wenigstens einer (eine) von ihnen bereut?“ –
„Eigentlich ist jeder ein Mensch ein Geheimnis. Die Digitalisierung verwandelt jedes Geheimnis in ein Rechenmodell.“ –
„Ein Schweizer, Rudi heißt er, in der Ukraine. Ich frage ihn, warum er hier lebe. Seine Antwort: Hier hersche mehr Freiheit, man müsse keine Parkgebühren bezahlen. Die Nachbarn nennen ihn Fritzli, Gans (wg. Hans) oder Liebling. Alle 2 Monate fährt er an die Grenze, um die Aufenthaltsgenehmigung für sein Auto (!) verlängern zu lassen.“ –
„Demonstrant zu sein ist in der Ukraine ein Job. Junge Männer erhalten umgerechnet 10 Euro pro Tag, also einen satten Monatslohn; die Babuschkas, die in Kiew auf dem Kreschtschatik für Julia, die geschickteste Diebin der Ukraine, in der Sonne sitzen, immerhin noch 50 Griwna, also 5 Euro, also eine eine zusätzliche Rente.
Die Katastrophen-Journalisten aus dem Westen, selbst meist nur Sozialhilfe-Empfänger, dürfen so etwas natürlich nicht schreiben, geschweige denn veröffentlichen – es passt nicht ins Bild der Kalten-Kriegs-Muster.“
„Kino im Westen: Meine tägliche Verdummung gib mir heute! So idiotisch und bitter es klingt, aber die sowjetische Filmkunst von 1965 war auf einem weit höhren künstlerischem Niveau angesiedelt als die heutigen Hollywood-Schinken, die dem deutsche Publikum vorgesetzt werden.“

PS: Am Morgen fahren der Freund und ich in Begleitung zweier Damen in das indische Schloss des Gastgebers. Sauna und Swimmingpool stehen bereit. Eine Dienerin empfängt uns mit einer Schale Obst und bietet Massagen an. Der Rest ist privat.

Themen: Tour de Wolga

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