Ukrainische Impressionen – Moral und Dankbarkeit

Der nächste Berg. Der hundertste am heutigen Tag. Mindestens. Mir fällt ein Zitat von Walter Benjamin ein: „Dem Haschischraucher ist Versailles nicht zu groß und die Zeit nicht zu lang.“ Dem Radfahrer auch nicht.
Menschen, die zu leben wissen, sind selten. Die meisten sind zu brav und es fehlt ihnen an Geduld, um zum Wesentlichen vorzudringen – wie Onkel František Kafka notierte: „Ungeduld hat die Menschen aus dem Paradies vertrieben, Nachlässigkeit verhindert, dass sie wieder hineingelangen.“ („Wegen der Ungeduld sind sie aus dem Paradiese vertrieben worden, wegen der Lässigkeit kehren sie nicht zurück.“ Oder so. Wie auch immer die genaue Formulierung lautete.)

Mittlerweile, nachdem ich mehr als 40.000 Kilometer auf dem Sattel geradelt bin, also einmal den Äquator abgefahren habe und, um dem Gaumen zu schmeicheln, noch einmal zum Vergnügen von Berlin an die Wolga gefahren bin, ist mir bewusst geworden, das die wichtigste Voraussetzung für literarisches Schreiben ein gesundes Selbstbewusstsein ist.
Das sagt sich leicht. Doch tausende Eigenschaften müssen ignoriert, verlacht, weggepustet werden, um dem Selbstbewusstsein das Etikett „gesund“ ankleben zu können. Gesund, das ist gleich: mit sich selbst im Einklang, harmonisch.

„Ehre dich durch Vorübergehen“, meinte Theodor Lessing. Vorübergehen auch an denjenigen, die zu brav und nicht bereit sind, sich zu ändern – und zwar jederzeit. „Identität wird meist passiv verstanden“, als eine Verwaltung von Besitz, meinte Heiner Müller, das letzte Genie der deutschen Literatur.
Den Zweifel produktiv nutzen, den Widerspruch als Chance betrachten – dazu gehört ein bestimmtes Maß an innerer Freiheit.

Ja, es macht mir Spaß, in Zitaten zu denken. Ich suche noch immer einen Menschen, mit dem ich einen ganzen Abend lang nur in Zitaten reden kann. Vor 20 Jahren warf mir eine Frau, mit der ich noch heute befreundet bin, bei solch einer Gelegenheit vor: „Du kannst wohl nicht selbst denken?“ Heißt: Du kannst wohl nur mit Hilfe von Krücken durch dein Leben laufen?
Heute würzt sie selbst ihre Gedanken gern mit Zitaten, und ihr früherer Spruch ist ihr peinlich.

Der Feind der Abenteurer des Denkens ist natürlich der Kleinbürger, der IT-Sklave, der durchschnittliche deutsche Journalist, der mit Vorliebe über eine ihm unbekannte Wirklichkeit schreibt, z.B. über Russland oder die Ukraine, wo er nie oder nur wenige Tage war. „Journalisten müssen schneller schreiben, als sie denken können“ – auch das ist ein Zitat.

Da schreibt man dann: „Dumpfheit und Verdrossenheit liegen über der Stadt.“ Oder: „Anstatt Geld zu investieren, Firmen zu gründen und Arbeitskräfte einzustellen, kauft sich die Oberschicht alles, was sie gerade kriegen kann.“ Wat fürn Quatsch, Mädel. Das eine widerspricht doch dem anderen nicht. Du kannst Firmen gründen und dennoch alles kaufen.
Oder: „Amtssprache ist Ukrainisch. Die Schilder und die Werbung sind ukrainisch. Das Fernsehen ist ukrainisch. Aber man unterhält sich über das alles auf Russisch.“
Och Mensch, wo war denn die Kleene bloß?
„Russisch ist die Sprache, die man auf der Straße hört. In der Hauptstadt und auch im gesamten Osten der Ukraine.“
Aber du Häschen warst doch gar nicht im gesamten Osten der Ukraine. „Es herrscht eine Atmosphäre des krampfhaften Leugnens.“ Echt? Wie lange warst du in deiner früheren Heimat, du Verräterin? Ein paar Tage. Und da hast du Atmosphäre geschnuppert?
„Der Andreewskij Spusk, auch das ‚Montmartre Kiews‘ genannt, war Wohn- und Arbeitsraum vieler Künstler, die am Straßenrand ihre Handwerkskunst ausstellten und verkauften. Nichts davon ist geblieben, das jahrhundertealte Kopfsteinpflaster wird durch Asphalt ersetzt, und zu beiden Seiten werden teure Hotels gebaut.“
Also jetzt lügst du aber richtig dumm. Das Kopfsteinpflaster vom Andreewskij Spusk gibt es heute noch, auch ein Jahr nach der Fussball-EM, und von den „teuren Hotels“ ist nichts zu sehen. Und die Künstler stellen noch heute dort ihre Handwerkskunst aus.
Aber politische Analysen erstellt die flüchtige Besucherin auch noch: „Die Regierung behauptet, sie (die Diebin Julia T.) schade absichtlich dem Image der Ukraine. Die Bevölkerung schüttelt darüber den Kopf. Sie (die Diebin Julia T.) hat sich doch nicht selbst eingesperrt, meckern sie.“
Wie viel Bevölkerung hast du denn getroffen? Mutti und Vati, Cousin und Cousine? Statistische Relevanz dürfte die Zahl deiner Gesprächspartner jedenfalls nicht haben.
„Das Neue ist, dass sogar jemand wie sie, jemand mit Geld, Macht und Charisma, geschlagen wird.“ Nee, Mäuschen, das ist nicht neu.
„Ich bin traurig, wenn ich über all das nachdenke. Ein wenig fühle ich mich fast als Fahnenflüchtige, dass ich Politik im vergleichsweise gesunden Europa mache.“
Vergleichsweise gesundes Europa? Da kann man nur mit einem Lenin-Zitat antworten: Du solltest „LERNEN, LERNEN UND NOCHMALS LERNEN“, vielleicht wirst du dich dann eines Tages schämen für den Unsinn, den du über deine Heimat erzählt hast.

EKEL EKEL EKEL – aber auch das ist ja wieder ein Zitat. Da lobe ich mir doch die Weisheit des Radfahrers: Kämpfe um den nächsten Meter, bezwinge den nächsten Berg, aber mit eigener Muskelkraft und nicht als Hure des Kapitals.

 

 

 

Themen: Tour de Wolga

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