Warum „der Freitag“ ukrainische Demonstranten beschimpft

Der ukrainische Ministerpräsident Asarow hat die falschen Berater. Hätte er auf den deutschen Journalisten Martin Leidenfrost gehört, hätte Asarow sich vor dem Parlament in Kiew für den brutalen Polizeieinsatz gegen schlafende Demonstranten nicht entschuldigen müssen.
Zwar übersetzt Martin Leidenfrost den Namen der Sondereinheit Berkut, zu Deutsch „Steinadler“, als „Werwolf“, aber dafür weiß er, dass „die gesamte Opposition im Schlepptau einer paramilitärisch auftretenden Partei (sei), die Hasstiraden gegen Russischsprachige verbreitet.“
Die ukrainische Opposition, so Leidenfrost, „tobt, schreit nach Amtsenthebung von Präsident Janukowitsch und Neuwahlen“. Die Sonderpolizeitruppe Berkut „räumte“ den Kiewer Hauptplatz Majdan nur, aber „Provokateure griffen Regierungsgebäude an, prügelten sich mit den hartleibigen Berkut-Truppen.“

Man kann nicht glauben, dass dieser Journalist der links-liberalen Wochenzeitung „der Freitag“ ein Augenzeuge der von ihm geschilderten Ereignisse war. Dass die Demonstranten nicht identisch mit den Anhängern der Oppositionsparteien sind, dass die Mehrzahl von ihnen jedwede Parteienpräferenz ablehnt, dass die Pro-Janukowytsch-Anhänger bezahlt und erpresst werden, hat er nicht mitbekommen. Nur „deutschsprachige Medien schrieben, Kiew sei ein Meer aus EU-Fahnen, in Wahrheit wurden fast nur Fahnen der Ukraine und der kleinen nationalistischen Oppositionspartei Swoboda geschwenkt.“
Fotos und Filme vom Majdan lügen, verletzte Demonstranten und Politiker lügen und selbst russische Journalisten der Tageszeitung „Kommersant“ logen, als sie schrieben, „der Angriff seiner (Janukowytschs) Sondertruppen auf eine friedliche Menge aus Studenten, Fußballfans und EU-Anhängern hat der Opposition massenhaften Zulauf beschert.“

Martin Leidenfrost wäre auch deshalb ein guter Berater der ukrainischen Regierung, weil er sie von jedweder politischer Verantwortung freispricht. „Wer trägt an dem Gewürge (um die Ukraine) die größte Schuld?“, fragt er. „Schuldiger Nr. 1 ist die EU-Diplomatie, die sich zuletzt nur noch auf die Freilassung einer einzelnen ukrainischen Oligarchin versteift hat, als ginge es in der Ukraine sonst niemandem schlecht. Schuldiger Nr. 2 ist Russland, das für die Ukraine eigentlich den natürlicheren Wirtschaftsraum darstellt. Und Nr. 3? Klar, die ukrainische Elite selbst.“
Die ukrainische Elite, nicht etwa der Präsident Janukowytsch. Dass selbst Janukowytschs eigene Anhänger nicht verstehen, weshalb er den Assoziierungsvertrag mit der EU nicht unterzeichnete, obwohl er sowohl in seinem Wahlkampf, als auch in der Zeit seiner Präsidentschaft genau dies versprach, ist für Herrn Leidenfrost nicht wichtig.

Leider ist nicht nur eine verirrte Einzelmeinung, die „der Freitag“ in den letzten Wochen über die Ereignisse in der Ukraine veröffentlicht hat. Die Demagogie hat Methode.
Eine Jeanne Barefoot gibt zwar zu, dass sie keine Expertin sei und über die Ukraine nur wenig wisse , aber die Polizeiarbeit vor Ort kann sie dennoch gut beurteilen: „Die Unruhen seien ‚von langer Hand vorbereitet‘ erklärte der russische Außenminister Sergej Lavrov und resümierte damit Beweise, die die Polizei in Kiew nach der Durchsuchung mehrerer Büros vorgelegt hatte.“
Die Frau hat fleißig Videos geschaut und kann deshalb berichten: „Die Schlägertrupps der Allukrainischen Vereinigung ‚Swoboda‘ und die Kampftrupps Dmytro Korchynskys, die, Videos und örtlichen Berichten zufolge, zunächst paramilitärische Hauptrollen bei Versuchen übernommen hatten, die ‚Proteste‘ vom Fleck weg zu militarisieren, scheiterten an der Geduld der ukrainischen Polizeikräfte und dem gelegentlich handgreiflichen Unwillen zahlreicher Demonstrationsteilnehmer.“

Ein Kommentator mit dem bezeichnenden Namen MOPPERKOPP sucht sogar einen neuen Goebbels, der die Berichte über die Ukraine in Auftrag gebe:
„Die tägliche Berichterstattung über die Ukraine nimmt makabre Formen an. Egal welche der großen Medien man ansteuert, FAZ, Spiegel, Die Zeit, Welt online, auch die Tagesschau, die Berichterstattung ist gleichgeschaltet, einseitig und verzerrt die Realität in einem Ausmaß, dass ich mich frage: Wo sitzt das europäische Propagandaministerium, welches diese Propagandamaschinerie steuert?“ Deutsche Medien agierten „in erstaunlich offener Gleichschaltung bezüglich europäischer geostrategischer Interessen, während sie innereuropäische Probleme ausblenden“.
War MOPPERKOPP auf dem Majdan? Woher weiß er, dass die Berichterstattung einseitig ist? Oder folgen all die Freitag-Artikel dem gleichen Muster?
Was nicht sein kann, darf nicht sein – aus linker oder links-liberaler Perspektive erscheint es geradezu ungeheuerlich, dass „die bürgerlichen Leitmedien“ so etwas wie die Wahrheit berichten. Die EU und die großen Medien müssen das Böse verkörpern, mit den eigenen bösartigen Kommentaren aber fühlt man sich gut.

Während viele ukrainische SchriftstellerInnen in den Protesten auf dem Euro-Majdan in Kiew eine verwirklichte Utopie sehen, sind für Freitag-Autoren die Demonstranten nur fehlgeleitete Irre. Die Urteile und Beobachtungen der ukrainischen Intellektuellen zählen nicht, ob sie nun Katja Petrowskaja, Oksana Forostyna, Andrej Kurkow, Yevgeniya Belorusets, Andrij Bondar oder Oksana Sabuschko heißen.
Stellvertretend für diese der Wahrheit verpflichteten Ukrainer sei hier Katja Petrowskaja, die diesjährige Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin, zitiert: „Dieser Protest wird in die Geschichtsbücher Europas eingehen, als Beispiel für die Verteidigung europäischer Werte des Zusammenhalts, des Respekts und des Vertrauens. Wir sehen utopische Bilder, wie sich eine Stadt für die Demonstranten organisiert: mit Essen und warmer Kleidung. Hunderte von Ärzten sind unterwegs, Männer nehmen Urlaub, um auf dem Euro-Majdan für sich und für die eigenen Familien zu stehen, weil alles andere eine Schande wäre.
Alle Kirchen Kiews haben die Türen geöffnet, dort kann man sich immer aufwärmen und sogar übernachten. Es ist ein unglaublich reifes, souveränes Volk, das ein besseres Schicksal verdient hätte.
Die Menschen auf dem Euro-Majdan vertreten weit mehr als eine Opposition gegen einen korrupten Präsidenten. Sie sind eine Opposition gegen die Verächter der Menschenwürde.“

Lesetipps:
Andrij Bondar, Ein Bündnis gegen die Macht, Neue Züricher Zeitung

Martin Leidenfrost, Zu wenig Luft zum Atmen, der Freitag
Martin Leidenfrost, Von wegen Europa, der Freitag
Martin Leidenfrost, Im Privatjet zur Revolution, der Freitag
Jeanne Barefoot, Wer will die Ukraine zerteilen?, der Freitag
Mopperkopp, Die Propagandamaschinerie, der Freitag
Lutz Herden, Ohrfeige mit Ansage, der Freitag
Kai Ehlers, Was heißt hier Verrat?, der Freitag

PS: Natürlich werde ich nach dieser systematischen Beschimpfung meiner ukrainischen Freunde im „Freitag“ nie wieder einen Artikel veröffentlichen. Meinetwegen sollen sie meine Artikel löschen oder mit ihnen ein paar Cent verdienen, ist mir völlig egal. Eine solche Verlogenheit und Gehässigkeit darf man einfach nicht akzeptieren.

PPS: Bis zum Beweis des Gegenteils behaupte ich, dass keiner der genannten Freitag-Autoren in den letzten Wochen in Kiew war.
Sie betreiben das gleiche miese Geschäft, dass sie den großen Medien so gern vorwerfen – Sensations- und Katastrophenjournalismus, nur mit umgekehrten Vorzeichen.
Die schönste Stilblüte aus den Artikeln stammt ebenfalls von Martin Leidenfrost: „Provokateure griffen Regierungsgebäude an, prügelten sich mit den hartleibigen Berkut-Truppen. Nun, da die Tanne sichtbar befreit war, fluteten Hunderttausende Demonstranten das Zentrum.“
Das ist Qualitätsjournalismus.

Themen: Russland - Ukraine

Ein Kommentar to “Warum „der Freitag“ ukrainische Demonstranten beschimpft”

  1. Hans schreibt:
    23rd.Dezember 2013 um 17:19

    Käseblatt, liest doch sowieso niemand! Schade, dass du da deine Artikel veröffentlicht hast. Wenn diese armen Irren nicht hassen können, sind sie nicht zufrieden. Der Westen muss schlecht sein, um jeden Preis. Ein Fall für den Psychiater … Ausdruck von Selbsthass!
    Frohe Weihnachten!

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