Wowa, der neue Russe

Gestern habe ich etwa drei Stunden lang einem Streitgespräch zugehört zwischen einem Putinisten und vier Pro-UkrainerInnen. Ich kenne alle seit mehreren Jahren. Über Wowa – den Putinisten – habe ich schon häufiger geschmunzelt.

Denn: Er bezeichnet mich häufig als sein Vorbild. Er möchte so leben wie ich – reisen und schreiben. Er ist ausgebildeter Arzt, hat drei Jahre als Internist gearbeitet, ein Jahr als Chirurg in der Kinderklinik. Posttraumatische Störungen habe er nicht zu befürchten, falls er im Krieg Verletzte sehe, sagt er.

Gestern saßen wir anfangs zu dritt in der Kneipe, Wowa erzählte von seiner Donbass-Reise, von Slowjansk. Es soll schon mehrere hundert Tote gegeben haben, er spricht von bis 800. Natürlich sind dort russische „Spezialkräfte“ im Einsatz, bestätigte er. Die Chefs und Instrukteure sind Russen aus Russland. In der nächsten Hierarchie sind die örtlichen Mafia-Clans angesiedelt; Abenteurer schließen sich an. Nichts Neues unter der Sonne.

Auf dem Spaziergang in den Park erzählt mir Wowa, dass er meine Idee, Poltawa solle Kulturhauptstadt Europas werden, nach wie vor spannend finde und sie schon mit Studenten besprochen habe. Das erzählt er schon drei Jahre lang, er ist ein höflicher Mensch.

Er hat jetzt einen Lebensplan: Er will einige Zeit als Journalist im Donbass arbeiten, dann auf der Krim und dann in Moskau. Eine kaukasische Internet-Zeitung hat ihm schon einen Reportage-Auftrag erteilt, weitere sollen folgen. Finanziert wird die Zeitung aus Moskau. Sie soll angeblich neutral sein. Er wollte den Namen nicht nennen, verdächtig.

Im Park treffen wir Vera, eine Malerin, und ihre Freunde Viktor und Alexej. Wir haben schon eine Nacht zusammen durchgefeiert, deshalb fällt die Begrüßung kurz aus.
Der Streit beginnt, als Wowa erzählt, im Donbass hätte „das normale Volk“ die Macht ergriffen. Also keine russischen Instrukteure. Das Volk. Ich könne dort getrost hinradeln, nichts würde passieren. Nur mein ukrainischsprachiges T-Shirt sollte ich dort nicht tragen, das mit dem schönen Wahlspruch: „Dem Feind das Schwert, dem Teufel das Kreuz!“

Die anderen waren zwar nicht im Donbass, aber sie haben Bekannte dort und mit ihnen telefoniert.
Wowa diskutiert weit unter seinem Niveau. Die Regierung in Kiew – das seien Faschisten, das ukrain. TV sei Faschismus, Jazenjuk ein Agent des Westens. Zum Schluss lässt er sich sogar zu dem Bekenntnis hinreißen, selbstverständlich wünsche er sich eine neue Sowjetunion. Und in bestimmten Gebieten dürften eben nur bestimmte Religionen ausgeübt werden. Und nein, er unterstütze bestimmt nicht den slawischen Mystizismus.

Ich überlege, warum dieser intelligente Mensch solchen Quatsch redet. Eigentlich ist es nicht schwer zu erraten: Er langweilt sich. Er ist ein Phänotyp wie Isaak Babel. Die Tätigkeit als Arzt, der Leben retten kann, ist ihm zu simpel. Dabei fühlt er sich unterfordert, weil es nicht gefährlich genug ist.

Wir gehen zurück in die Stadt, der Streit geht weiter … In der Kneipe bestellen alle ein Getränk, nur Wowa nicht. Er hat noch zwei Griwna in der Tasche, das reicht nicht einmal für eine Fahrt mit der Marschrutka. Die kaukasische Zeitung hat den Auftrag noch nicht bezahlt.

Themen: Russland - Ukraine

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