Schach und Schreiben

Eine Schachfigur und eine literarische Figur haben vieles gemeinsam. Beide stehen in Abhängigkeit zu anderen Figuren und sind Darsteller in einer Dramaturgie. Auch eine Schachfigur wird Gefahren ausgesetzt, sie soll Erkenntnisse wecken, Drohungen schaffen, sie soll täuschen und Spannung befördern. Sie wird übersehen und vergessen, doch kann sich auch alle Aufmerksamkeit nur auf sie richten. Sie ist ein narzisstisches und selbstloses Wesen, aber ihre Lebensdauer ist abhängig von der Vorstellungskraft des Spielers.

Ein Schachspiel ist auch eine rhetorische Übung, denn mit jedem Zug tauschen Schachspieler Argumente aus, die bestätigt oder widerlegt werden können und die deshalb wohlbegründet sein sollten. Voraussetzung für die künstlerische Qualität eines Schachspiels ist die Genauigkeit der Züge, wie im Roman die Genauigkeit der Formulierungen. Geschwafel verzeiht ein geschulter Gegner nicht, auch eine Klischee ist eine Schwäche.

Der erste Zug, wie der erste Satz im Roman, eröffnet ein Spektrum an Möglichkeiten. Zwanzig erste Züge sind möglich, einige scheinen sich zu gleichen, doch bei näherem Hinsehen offenbaren sich feine Unterschiede. Nur wenige wären dumm, einige sind riskant. Mit jedem Zug weitet sich ein neuer Horizont. Am Anfang entscheidet sich, wohin die Reise geht, in die russische, holländische oder französische Eröffnung, zu Aljechin oder Capablanca. Das Genre wird gewählt, ein Erzählfluss entsteht, doch man darf die Drohungen nicht unterschätzen, die in einer ruhigen Partieanlage liegen.

Alle Denkarten sind im Schach notwendig, denn nur unter Anwendung mehrerer Methoden gelangt der Spieler zur schachlichen Wahrheit, wie der Autor zur poetischen: Das Berechnen (induktives Denken), das Einschätzen von Stellungen am Ende einer Variante (optisches Denken), das Einschätzen der aktuellen Stellung und der Vergleich mit der Stellung am Ende der Variante (sprachliches Denken), das Entwickeln von Plänen (deduktives Denken), das Treffen von Entscheidungen am Ende des Denkprozesses wie überhaupt die Bestimmung des Endes (intuitives Denken). Ein starker Schachspieler weiß, wann er rechnen muss, wann er deduktiv denken muss, wann er das Denken einstellt und eine Entscheidung fällt.

Schachspieler wie Schriftsteller entwerfen die Handlung rational und aus dem Gefühl heraus, außen blind, innen sehend. Für den Schriftsteller ist sein Verstand eine Instanz, welcher er hochgradig misstrauen sollte, denn eine sichere rationale Durchdringung des Materials führt oft zu dem Effekt, den Bertolt Brecht an seinem Stück „Der gute Mensch von Sezuan“ beobachtete: Das ganz und gar Kalkulierte wirkt oft niedlich.

Gute Schachspieler wissen, dass viele Situationen im Schach nicht bis ins Letzte gedeutet oder verstanden können, trotz der sich wiederholenden Motive, und dass, wie im Roman, die Komplexität einer Situation nicht abhängig ist von der Zahl der mitspielenden Figuren.

Schachzüge sind sichtbare Gedanken. Da der Gedanke vor Publikum, mindestens vor dem Gegner, geäußert wird, kann er belächelt werden, Erstaunen hervorrufen, man kann ihn als logisch, natürlich, verrückt und überzeugend einordnen, oder ihn doch nur als Zeugnis von Gedankenlosigkeit ansehen. In einer vergleichbaren, latent schambesetzten Situation, befindet sich der Schriftsteller gegenüber dem Leser. Auch er denkt intim und öffentlich. Auch seine Formulierungen sind überprüfbar. Auch der Schriftsteller erweitert sein Wissen, indem er sich mit möglichst genauen Formulierungen auf die Handlung verlässt.

Denn die Konsequenzen des Ganzen ergeben sich erst aus der Summe der einzelnen Züge, deren Wirkung fast immer eine andere ist als die vorausberechnete, weil der Gegner mitspielt, das Material sich der Bearbeitung sperrt, der Leser liest und der Zuschauer stört und weil das menschliche Vorstellungsvermögen begrenzt ist.

Mit dem Entweder-Oder wird man im Schach nicht weit kommen. Geniekult oder Konstruktion, wer nur mit zwei Kategorien agiert, nur Gut und Böse, offen und geschlossen, Angriff und Verteidigung, Genie und Wahnsinn, sich vorstellen kann, unterschätzt die Komplexität des Spieles, die Vielzahl der sprachlichen Möglichkeiten. In russischen Schachbüchern gibt es Studien, die dem Spieler die Aufgabe stellen, eine Stellung zu analysieren, in welcher alle Figuren gleichermaßen voneinander abhängig sind. Gleichermaßen bedeutet: die leiseste Bewegung läutet den Untergang ein, wer zuckt, wird gefressen. In solch einem dramatischen, in einem normalen Spiel selten zu erreichenden Moment, zeigt sich, weshalb Schach auch Kunst sein kann, denn es gehört nur wenig Einbildungskraft dazu, eine universale Formel zu sehen, den Zauber einer Schönheit, die alles Kühne, Gewagte, Zerbrechliche und doch aneinander Klebende auszeichnet. Diese Formel heißt Intensität. Der Schachspieler wie der Schriftsteller können aus dem Nichts etwas schaffen, das standhält, dem alle Gefühle widerstehen, das nicht besser gemacht werden kann. Die Unendlichkeit sowohl der schachlichen als auch der sprachlichen Möglichkeiten bietet diese Chance.

Im Schach jedoch können die Qualität der Wahrnehmung und die Qualität der Formulierungen weitgehend objektiv gemessen werden. Der Spieler, welcher die genaueren Züge macht, gewinnt. Die Literatur ist hier stark im Nachteil.

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Honigdachs am 09. April 2008 in Literatur

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