Was kann der Roman heute leisten?

Der Autor hat keinen Supervisor, er muss die Abartigkeiten seiner Figuren allein erkunden. Er selbst muss entscheiden, was er sich und den Lesern zumutet. August Strindberg litt an dieser Frage sehr. Nikolai Gogol hungerte sich aus Scham über das eigene Schreiben zu Tode, er nannte es Fasten.
Manche Leser glauben, der Autor würde für jemanden schreiben. Doch Literatur hat keine Adressaten, sondern bestenfalls Empfänger. Erstere sind bekannt, letztere erhalten Flaschenpost. Literarische Erkennt- nisse müssen nicht mehrheitsfähig sein, um eine Wirkung zu entfalten, darin liegt ihre Stärke. Ein Buch kann die Persönlichkeit seines Lesers verändern, es kann die gleiche Wirkung haben wie “Das Porträt” in Gogols Erzählung, dessen Nähe kaum jemand erträgt.
Zum Publikum hat Nietzsche alles Wesentliche gesagt – “Es ist nur ein Wort und keine in sich verharrende Größe. Woher soll dem Künstler die Verpflichtung kommen, sich einer Kraft zu accomodieren, die ihre Stärke nur in der Zahl hat? Und wenn er sich, seiner Begabung und seinen Absichten nach, über jeden einzelnen dieser Zuschauer erhaben fühlt, wie dürfte er dem gemeinsamen Ausdruck aller dieser ihm untergeordneten Capacitäten mehr Achtung empfinden als vor dem relativ am höchsten begabten Zu- schauer?” (“Die Geburt der Tragödie”)
Wie scharf und genau soll der Autor das, was er sieht, darstellen? Wenn nur er selbst entscheidet, welches sind seine Maßstäbe? In jedem literarischen Satz wird diese Frage beantwortet. Ob ein Satz überhaupt literarische Qualitäten hat, findet man heraus, indem man ihn einer Probe unterzieht. Wenn die Wort- stellung nicht verändert werden kann, ohne dass die Schönheit und Klarheit der Formulierungen leiden, dürfte es sich um einen literarischen Satz handeln.

Franz Kafkas Roman “Das Schloss” beginnt so: “Es war spätabends, als K. ankam.” Alle anderen Varianten wirken schwächer: “Als K. ankam, war es spätabends.” / “K. kam an, als es spätabends war.” / “K. kam spätabends an.”
Sowohl der Klang eines Satz als auch der Verlauf der beim Lesen geweckten Erwartungen werden mit der Wortstellung geformt. Nur Kafkas Variante ist so puristisch wie möglich, selbst der scheinbare Gleichklang zu “Als K. ankam, war es spätabends.” lenkt die Aufmerksamkeit in eine künstliche, unnötige Falle – die Zeitangabe spätabends, denn wesentlicher für die Handlung des Romans ist der Ort, das Schloss. Die Formulierung erfüllt ihre Aufgabe, die Aufmerksamkeit auf den nächsten Satz zu lenken.

Eine weitere Satzprobe besteht darin, die Verwendung der Adjektive zu untersuchen. Die Adjektive zeigen die Seele des Autors, seine Moral, die Stärke seines Gewissens, seinen ästhetischen Mut, sein Vermögen, Spannungen zu halten, sie verweisen auf seine Poetik und seine erzählerischen Absichten.
Soll eine literarische Figur glaubwürdig sein, muss ihre Darstellung der Komplexität einer menschlichen Persönlichkeit gerecht werden. Diese Glaubwürdigkeit kann nicht erreicht werden, indem das Verhalten der Figur in Ganghofer-Manier mit Adjektiven benannt wird (er lachte schallend, böse etc.). Das ist kein Mittel der Gestaltung, sondern Bequemlichkeit. Denn in jedem Wort, das ein Mensch von sich gibt, in jeder Geste und in jedem Blick lassen sich eine Vielzahl von Eigenschaften ablesen. Einen Menschen erkennt man an seinem Lachen, meinte Dostojewskij.

Im Roman wie im Gedicht ist die Formulierung das Ereignis. Der Roman wird von der Literaturkritik zwar häufig als eine liederliche Gattung behandelt, die es nicht wert ist, auf sprachliche Genauigkeit untersucht zu werden. Doch weshalb sollte ausgerechnet der Erzähler auf das Mittel der Diagnose und sprachliche Schönheit verzichten?
Der Roman plündert alle literarischen Gattungen, er ist das gefräßigste Genre. Er nutzt die Mittel des Dramas, er kann lyrisch sein wie Friedrich Hölderlins “Hyperion” oder die Gattungen ständig wechseln wie im “Ulysses” von James Joyce.

Weil jeder Roman seine eigenen Regeln schafft, fällt es der Kritik von jeher schwer, Maßstäbe zu seiner Beurteilung zu erstellen. “Die Kritik weist ihr Recht, an das Kunstwerk heranzutreten erst darin aus, daß sie den ihm eigenen Boden respektiert, ihn zu betreten sich hütet.” Walter Benjamin wusste, wo die entscheidende Falle für die Literaturkritik liegt. “Und nur darum sind Kritiker und Verfasser meistens einander würdig, weil der durchschnittliche Romanschreiber jene verwaschenen Schablonen benützt, die dann die Kritik freilich benennen kann und eben weil sie sie benennen kann, auch lobt.” (kursiv W.B.) Die Wiedererkennbarkeit gilt als wesentliches Kriterium, deshalb begnügen sich Rezensenten oft mit der Nacherzählung der Handlung und allgemeinen Bewertungen, ohne stilistische Urteile zu riskieren, die überprüfbar sind und genaue handwerkliche Kenntnisse voraussetzen.
Für Autoren liegt der Reiz gerade in der scheinbaren Regellosigkeit der Gattung. Boris Pasternak meinte: “In der Poesie bin ich immer Herr der Situation und weiß ungefähr, was herauskommen wird und wann es herauskommen wird. Im Roman aber kann ich nichts vorhersagen und nie glaube ich an ein erfolgreiches Resultat. Es ist mein Fluch, und aus diesem Grund zieht es mich zu ihr hin.”

Weil eine alltägliche Handlung so unterschiedlich wahrgenommen wird, sei es möglich, eine Erzählung über das Wäscheaufhängen im Stil von “Julius Cäsar” zu schreiben, meinte Isaak Babel. Die Verkäuferin an der Kasse macht im Wesentlichen die gleichen Bewegungen wie die Beraterin im Reisebüro, wie der Programmierer für Wurst-Etiketten oder wie der Terrorist, der verschlüsselte Emails schreibt. Der eine sieht nichts, der andere sieht tausend Ereignisse, Gefahren, Drohungen, Verheißungen, Wahnideen, opti- sche Täuschungen.
Die Moderne verschaffte dem Roman eine Vielzahl an Gestaltungsmöglichkeiten und ästhetischen Ideen. Adaptionen aus der Weltliteratur sind jederzeit möglich, denn im Roman ist der Diebstahl so erlaubt wie in allen anderen Künsten, vorausgesetzt, der Dieb erweist sich nicht als Fälscher.
Der Roman kann eine angewandte Erkenntnistheorie sein, es lassen sich mit ihm physiologische Studien betreiben. Er kann ein Mittel der Konfliktforschung sein. Er kann nach Machtanalysen von Michel Foucault gestaltet werden oder die Hegelsche Logik sich zum Vorbild nehmen oder ein vierzehnjähriges Kind aus dem Konzentrationslager berichten lassen.
Obwohl die Kritik sich oft als Gedankenpolizei gebärdet, nach autobiographischen Hintergründen fragt und den Roman erkennungsdienstlich behandelt, erkennt sie die wahren Absichten des Erzählers nur selten, weil diese so banal sind und sich von der Interpretations-Industrie nicht ausbeuten lassen. Der Autor will im Grunde nur ein Kunstwerk schaffen, mit all den klassischen Eigenschaften eines Kunstwerks – schön, erschreckend, bejahend.

(März 2007)

Keine Kommentare »

Honigdachs am 25. November 2008 in Literatur

Trackback URI | Comments RSS

Kommentar schreiben