Traumberuf Schriftsteller

Seit 2-3 Tagen plagt mich eine Darmgrippe, entsprechend idiotisch und unvernünftig verteilen sich die Arbeitszeiten über den Tag: Heute bin ich 4 Uhr morgens aufgewacht, war 4 Uhr 30 am Schreibtisch … obwohl ich, wie mir scheint, seit Wochen keine wirkliche Schreiblust verspüre.

Um Kraft zu finden, blättere ich im „Theater der Grausamkeit“ von Antonin Artaud. „Ich hätte Blut durch den Nabel scheißen müssen, um zu erreichen was ich will.“ Damit kann ich etwas anfangen. Ich verstehe auch ganz gut jenen Mann aus Ost-Berlin, der sich wenige Tage nach dem Fall der Berliner Mauer Coca-Cola-Büchsen aus dem Bauch schnitt – und dann von starken Männern in weißen Kitteln an einem Stahlrohrbett fixiert wurde.

Draußen wird es hell, ich hole die „Berliner Zeitung“ aus dem Briefkasten, frühstücke und lese, dass die „Suchmaschine Google“ alle Bücher digitalisieren und möglichst kostenlos ins Internet stellen will. Künftig soll „aus der Welttextmasse das größte Werbeumfeld aller Zeiten werden. … es geht vor allem um ein möglichst großes Potential an werberelevanten Schlüsselworten. … Diese Texte wollen nicht mehr gelesen oder verstanden werden, sondern gefunden.“

Das ist als Nachricht und Ekelversprechen nicht wirklich neu. Autoren werden in so vielfältiger Weise beklaut, dass ich, mit dem ollen Pietisten Gottfried Wilhelm Friedrich Hegel zu sprechen, nur ein Hohn- gelächter über das Dasein anstimmen möchte, wenn ich daran denke. Sogar die Leser beklauen ja oftmals de facto den Autor, wenn sie Bücher bei bestimmten Anbietern im Internet bestellen, und meistens wissen sie es gar nicht.

Vor einiger Zeit kaufte ich selbst einige Exemplare meiner Bücher bei „Amazon“. Eine Verkäuferin wunderte sich über die Lieferadresse. Sind Sie der Autor? fragte sie in einer Email.
Sie sei Lehrerin, sie habe meinen Roman „No“ im Kollegium vorgestellt; sie meinte, dieses Buch solle Schul- lektüre werden. Aber warum verkauft sie ihr Exemplar, ohne mir Prozente zu zahlen?
Sieben Jahre habe ich gebraucht, dieses Buch zu schreiben, es in diese Form zu bringen. So gelassen und heiter und verspielt und innerlich frei ein viehisches Verhalten darzustellen, dauerte eben etwas länger als ein Haus zu bauen. („Gar manches ist ungeheuerlich / Doch nichts ungeheuerlicher als der Mensch“).

Also gut, die Bücher werden verschwinden, die Literatur wird verschwinden, das Bewusstsein ebenfalls, aber Idioten wie Antonin Artaud wird es doch wohl weiterhin geben? -

Gestern abend war ich noch entschlossen, mir einen Internet- und schreibfreien Monat zu verordnen. Die Zahl der Besucher auf meiner Seite sehe ich mit süßsaurem Lächeln (durchschnittlich 250 -300 am Tag, regelmäßig aus etwa 10 Ländern). Es würde ja reichen, wenn mir jeder regelmäßige Besucher einmal im Monat eine Tasse Kaffee zum Kneipenpreis spendieren würde, und ich könnte von meiner Arbeit leben. Oder ich gründe eine „Gesellschaft der Freunde der Bushaltestellen in der Ukraine“ – Mitgliedschaft ab 3 Euro mtl. bis unbegrenzt, und als Gegenleistung gibt es zu Weihnachten die 10 schönsten Bushaltestellen signiert im Postkartenformat …

http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2008/1124/feuilleton/0004/index.html

Susanne Gaschke, Die digitale Erlösungslehre – Grenzenloses Wissen, für alle, gratis? Laßt euch nicht ver- führen! – http://www.zeit.de/2008/48/Cyberspace

http://www.boersenblatt.net/143652/

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Honigdachs am 24. November 2008 in Literatur

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