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Wehe dem, der lügt | Honigdachs

Das neue Sprachengesetz in der Ukraine

Das ukrainische Parlament erinnerte wieder an eine mexikanische Würfelstube, als ein Vertreter der Regierungspartei ein neues Sprachengesetz vorstellte.
Es kam zur Prügelei. Die scheindemokratische, nationalistische Opposition sah das Vaterland in Gefahr, obwohl das Gesetz vernünftig ist und westeuropäischen Normen entspricht.

Zunächst die harten Fakten: Etwa 60 Prozent der Ukrainer geben Ukrainisch als ihre Muttersprache an, 35 Prozent Russisch, 5 Prozent andere Sprachen. Tatsächlich sprechen viele Menschen das sogenannte Surschyk (суржик), ein Mischmasch aus den beiden dominierenden Sprachen. Schlimmstenfalls müsste also von einer Dreiteilung der Ukraine gesprochen werden, wenn das Stammbaumdenken schon sein soll.

Die Behauptung, dass die Sprachgrenzen klar verortet werden können, ist falsch, auch wenn es immer wieder behauptet wird, tausende Male schon abgeschrieben wurde. Weder wird in Lviv oder in den Karpaten fast ausschließlich Ukrainisch gesprochen, noch im Osten der Ukraine fast ausschließlich Russisch.
Wenn überhaupt, handelt es sich um ein Schichtenproblem: Russisch gilt traditionell und auch heute noch mehrheitlich als Sprache der Gebildeten, der Oberschicht, der großen Städte, als Universalsprache, die auch von den sprachlichen Minderheiten, wie den Polen, den Rumänen, den Krimtataren, den Kaukasiern und den Griechen, beherrscht wird; Ukrainisch als Bauernsprache, das vor allem auf dem Lande und in kleineren Städten genutzt wird. Zwar gibt es eine leichte, fließende Veränderung nach Osten hin, aber klar konturiert ist diese Verteilung nicht. Es gibt auch im Oblast Charkow, der angeblich rein russischsprachig sein soll, große Siedlungen, in denen überwiegend das Ukrainische genutzt wird, so wie es im Osten der Ukraine (in Chust oder Ushgorod) das Russische ist.

In der Praxis sieht es so aus, dass man auf einem Amt oder in einer Behörde nur selten ein rein ukrainisches Gespräch führen kann, auch in Kiew nicht, wo der Assimilationsdruck relativ hoch ist. Spätestens beim dritten Satz fällt man doch wieder ins Surschyk oder ins Russische, auch weil viele moderne Verwaltungsbegriffe sich nur schwer ins Ukrainische übersetzen lassen bzw. im Ukrainischen eher komisch klingen. Im Golfclub wird Russisch gesprochen, auch die Predigten der Baptisten in der Ostukraine sind mit russischen Wörtern durchsetzt, wie ich aus eigener Anhörung bezeugen kann.
Auch wichtige Politiker beherrschen das Ukrainische oft nur mäßig, selbst ein Minister wurde von Janukowitsch verpflichtet, „innerhalb von sechs Wochen“ Ukrainisch zu lernen. Vitali Klitschko sprach bis vor Kurzem nur schlecht Ukrainisch, und Natalia Korolewska, die zur zweiten Julia Timoschenko aufgebaut werden soll, spricht die Sprache gar nicht.

Mit dem neuen Sprachengesetz soll also eine bestehende Praxis legalisiert bzw. erleichtert werden. „Der Gesetzentwurf sieht vor, dass das Ukrainische einzige Amtssprache bleibt und eine Einschränkung der Anwendungsgebiete verboten wird“, so die „Ukraine-Nachrichten“, die wohl als einziges deutschsprachiges Nachrichtenmedium korrekt über das Thema berichteten. „Gleichzeitig wird im Gesetzentwurf das Recht der Bürger auf sprachliche Selbstbestimmung anerkannt und er sieht ein Verbot für die Einschränkung des Rechts der Nutzung von Regionalsprachen vor. Dazu gehören in der Ukraine 15 Sprachen – darunter das Russische, das Krimtatarische und das Rumänische.“

Sollte das Gesetz jemals verabschiedet werden – was eigentlich nicht zu erwarten ist, dazu später -, so würde es mancher Behörde und vielen Bürgern die Arbeit erleichtern. Es müsste weniger übersetzt werden, viele Missverständnisse könnten ausgeräumt werden.
Man fragt sich allerdings, weshalb für die vernünftige Regelung überhaupt ein Gesetz nötig ist.

Hierzu muss man die taktischen Spielchen durchschauen, die sowohl von der Regierungspartei als auch von der hysterischen Opposition gespielt werden. Schließlich wird im Oktober ein neues Parlament gewählt, und beide Seiten wollen ihre Klientel bedienen, obwohl es höchst unsicher ist, ob diese Strategie funktioniert, weil die meisten Ukrainer sich für den Sprachenstreit gar nicht interessieren.
Es ist ein typisches Ablenkungsmanöver von wichtigeren Problemen, ein Instrument der Politik; so wird eben nicht über die niedrigen Renten oder die Inflationsrate oder die gefährdete Landeswährung gesprochen. Auch Intellektuelle profilieren sich gern mit diesem Thema. Die ehrlich arbeitenden Menschen aber reden wie ihnen die Zungen gewachsen sind. Die wenigsten lassen sich für dumm verkaufen, weil sie wissen, dass das Land nicht unter kulturellen, sondern unter sozialen Konflikten leidet.
Die Partei der Regionen kann, nachdem sie den Gesetzentwurf ins Parlament gebracht hat, ihren Wählern sagen: Seht her, wir haben es versucht, das Russische zu stärken, aber die Opposition hat es verhindert!
Die Partei des Präsidenten hat gar kein Interesse daran, das Gesetz zu verabschieden, denn sonst wäre das Thema erledigt, es könnte nicht mehr zur Mobilisierung von Ressentiments genutzt werden.

Die Opposition kann auf der Klaviatur der Empörung spielen, sie beschwört die Gefahr herauf, der große Vogel aus dem Osten, das böse Russland, könnte die Ukraine übernehmen. „‘Die Vernichtung der Sprache bedeutet die Vernichtung des Vaterlandes‘, stand auf einem Plakat, das Mitglieder der Opposition im Sitzungssaal aufhängten‘“. Siehe „Manager-Magazin„.

Die Opposition, die immer „Europa! Europa!“ schreit, lenkt von ihren konzeptuellen und intellektuellen Schwächen ab. Hysterie besiegt Fakten, und Empörung sieht immer gut aus, vor allem, wenn der Adressat der Westen ist.
Denn obwohl sich gegenwärtige Regierung gnadenlos bereichert – wie es auch die Vorgängerregierung getan hat, siehe das Schloss, das sich Juschtschenko hat bauen lassen -, so hat sie doch vieles geschafft.
Sie hat die Infrastruktur beinahe revolutioniert (neuerdings fahren Schnellzüge im Tempo von 160 km/h statt wie früher von 40 km/h von Donezk nach Lviv, die Fahrzeit von Lviv nach nach Kiev hat sich von 8 auf 5 Stunden verringert; es wurde eine Autobahn von Lviv nach Kiev gebaut, die sogar mit Schallschutzwänden ausgestattet ist); sie hat ein neues Strafgesetzbuch, ein neues Zollrecht, ein neues Steuerrecht geschrieben und verabschiedet – alles auf feinstem europäischen Standard. Denn die Oligarchen wollen Geschäfte machen, Geschäfte mit dem Westen, sie brauchen schnelle Verkehrswege, nicht bloß für die Fußball-EM.
Außerdem darf man nicht vergessen, dass die Ukraine von IWF-Krediten abhängig ist, dass viele dieser Reformen auf Druck des IWF durchgesetzt wurden; auch eine andere Regierung hätte nicht anders handeln können.
Wäre Janukowitsch nicht so blöd gewesen, die zarte Julia ins Gefängnis stecken zu lassen, würde man ihn heute als großen Reformer ansehen.

Doch die deutschen und westlichen Medien stimmen in den Chor der Hysteriker ein. Zwei Stichworte bei Google genügen – Ukraine, Sprachengesetz -, dann sieht man, wie sie alle voneinander abschreiben, obwohl sie die Materie nicht kennen.
Siehe Google.

Mit dem Sprachengesetz „würde Russisch in weiten Teilen der Ex-Sowjetrepublik faktisch zur zweiten Amtssprache neben dem Ukrainischen“, heißt es bei „Euro-News“.

„‘Die erste Schlacht haben wir verloren, aber wir werden den Krieg gewinnen‘, sagte der Oppositionspolitiker Jazenjuk. Auch die inhaftierte Ex-Regierungschefin Timoschenko kritisierte das Gesetz scharf. Der einflussreiche Nachbar Russland hofft seit Jahren auf eine Stärkung seiner Sprache.“ Siehe „Salzburger Nachrichten„.

Ein Sportreporter der ZEIT meinte gar, „der Präsident möchte Russisch zur Landessprache machen“. Das könnte und müsste der Präsident aber gar nicht machen, denn Russisch ist bereits die zweite Landessprache. Siehe „ZEIT-Online„.

Auch die ARD-Tagesschau meldet in gewohnter Oberflächlichkeit, „Mehrheit stimmt für Russisch als zweiter Amtssprache“. Siehe „Tagesschau„.

Auch in Ländern wie Belgien (Niederländisch, Französisch, Deutsch), der Schweiz (Deutsch, Französisch, Italienisch) oder Finnland (Finnisch, Schwedisch) gibt es zwei oder mehr Amtssprachen, entsprechend der „Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen“. Was wäre also so schlimm daran, in der Ukraine Russisch zur zweiten Amtssprache zu erheben?

Fachliche Beratung: A.Stein
Foto: Protest der Opposition auf dem Kreschatik von Kiev

Themen: Russland - Ukraine

2 Kommentare to “Das neue Sprachengesetz in der Ukraine”

  1. Einwohner von Kiew schreibt:
    10th.August 2012 um 15:27

    Ein sehr kluger Artikel, eine sehr glaubwürdige Schilderung der politischen Lage in der Ukraine.

  2. Honigdachs schreibt:
    12th.August 2012 um 13:20

    Eine sympathische und substantielle Beschreibung der politischen Lage in der Ukraine kann auch hier von Martin Leidenfrost lesen: http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/ein-schiff-wird-kommen.
    Ganz und gar zutreffend ist die Bemerkung: „Die These der Ost-West-Spaltung hat ohnehin den Nachteil, dass sie nicht auf die Mehrheit der Menschen dort passt, auf die mehrheitlich bimentale Identität einer ukrainisch fühlenden und russisch sprechenden Nation.“
    Eben dies entspricht meiner Erfahrung als Radfahrer. Auch russischsprachige Ukrainer fühlen sich als Ukrainer, nur die wenigsten träumen von einer Wiedervereinigung mit Russland.
    Leider scheint es unter den „ukrainischen Ukrainern“ mehr Radikale zu geben, als unter den russischen, wie man an den Kommentaren unter meinem „Fragen an die Ukrainer“ (http://ukraine-nachrichten.de/fragen-ukrainer_3638_meinungen-analysen) erkennen kann kann. Besonders wild und eifrig argumentieren immer die frisch Bekehrten.

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