Russland – Ukraine

„ruzzische Welt“ – wenn Psychologen weinen

07.01.2026
Für einigermaßen kultivierte Menschen ist es unbegreiflich, wie (und wo!) ruzzische Folterknechte ukrainische Gefangene quälen, ob Soldaten oder Zivilisten. Immerhin lehren solche Beispiele auch, dass sowohl die Ukraine als auch der Reste-Westen nicht bloß „westliche Werte“ verteidigen müssen, nicht bloß Moral und Freiheit, sondern vor allem anderen schlichtweg sich selbst, ihr Überleben. Krieg ist nun einmal arbeitsteiliger Kampf um Leben und Tod, ob einem das gefällt oder nicht.

«Alexey überlebte Elektroschocks, ständige Schläge und Schlafentzug. Ihm wurden Zähne gezogen, Nase und Wirbel gebrochen und Muskeln aus den Schultern gerissen, und das war nur ein Teil der Folter. Am schlimmsten war für ihn der unstillbare Hunger, der ihn dazu trieb, Ratten, Seife und sogar Schimmel zu essen. In Gefangenschaft verlor Oleksiy 40 Kilogramm an Gewicht und 7 Zentimeter an Körpergröße.»
Trotzdem fand der Mann die Kraft, seine Erlebnisse zu teilen, damit die Welt von den Verbrechen der Russen erfuhr. Alexey schrieb das Buch „Jingle Bellz“, in dem er seine Gefangenschaftserfahrungen beschrieb und reflektierte.

Als ich bereits im Zentralen Kursk-Gefängnis war, wurde ein Zivilist namens Andrij, der in Lukaschiwka gefangen genommen worden war, drei Tage lang in eine Zelle gesperrt. Er berichtete, die Russen hätten ihn in eine Folterkammer gebracht, die sie in der örtlichen Kirche (!) des Moskauer Patriarchats eingerichtet hatten.“ …
Oleksijs Vater und sechs weitere verwundete Soldaten wurden in einer Kirche lebendig verbrannt. Seine sterblichen Überreste wurden später durch DNA-Analysen identifiziert und erneut beigesetzt. …
Den Gefangenen wurde eine Minute zum Essen gegeben. Da Oleksiy eine Kieferverletzung hatte, fiel ihm das Kauen schwer, und er schaffte es irgendwie nicht, das Brot zu essen. Dies fiel dem Wärter auf, der daraufhin anordnete, dem Mann zur Strafe die Zähne zu ziehen. …

„An dem Tag hatte ich Dienst in der Zelle. Ein Wärter fragte, ob orthodoxe Christen unter uns seien. Ich antwortete, dass alle orthodox seien. Daraufhin sagte er: ‚Vielleicht möchten Sie heute ein Ei?‘ Ich war sehr überrascht. Ich sagte: ‚Wenn es klappt, wären wir Ihnen sehr dankbar.‘“

Zum Mittag- und Abendessen gaben sie uns ein in Wasser getränktes Kohlblatt. Davon hatte er nur zehn Minuten Energie. Ich fragte, ob es wie versprochen ein Ei gäbe. Der Wachmann bejahte. Bei der abendlichen Kontrolle führten sie uns hinaus und fingen an, uns in den Schritt zu schlagen. Sie fragten, ob jemand Kinder habe und wie viele. Diejenigen, die angeblich keine Kinder mehr bräuchten, wurden am härtesten geschlagen. Und solche Schläge gab es an jedem Feiertag“, sagt Oleksiy. …

Er suchte (nach dem Gefangenenaustausch) auch Psychologen auf. Doch die meisten Spezialisten hätten seine Erzählungen aus der Gefangenschaft nicht ertragen können und angefangen zu weinen. Deshalb begann Oleksiy, sich mithilfe von Büchern selbst weiterzubilden. Seine Rehabilitation dauert noch an.

https://life.pravda.com.ua/society/istoriya-oleksiya-anuli-yakiy-perezhiv-10-misyaciv-polonu-312444/

Werner Herzog u.a.

Poltawa, 31.12.2025
Die nächste Enttäuschung. Jetzt erzählt auch Werner Herzog Unsinn. Man kann schon ein Denkmal errichten mit den Namen deutscher Intellektueller, die in Bezug auf ruzzland ihre Kompetenzen überschätzen und denen, die ihnen mit ihrer Ermordung drohen, Entschuldigungen liefern. Denen, die sie auslachen, die sie verachten, die sich über ihre Entschuldigungen amüsieren. Christoph Hein (der ukrainische Freiheitskämpfer mit Wehrmachtssoldaten gleichsetzte), Jürgen Habermas, Alexander Kluge.
Deutschland befinde sich im Sinkflug, „weil man sich von russischem Gas (und von der Atomkraft) abgekapselt“ habe, meint Werner Herzog im ansonsten ganz klugen Interview mit dem SPIEGEL. „Das hat alles mit der Überbewertung des Moralischen als politischer Kategorie zu tun. … Schon Gorbatschow, mit dem ich 2018 einen Film gemacht habe, beklagte sich bitter über die vielen versäumten Gelegenheiten, West und Ost näher zusammenzubringen. Verschlechtert hat sich dann alles durch die – so sehe ich es – Dämonisierung Russlands.»
Wenn er Russisch könnte hätte er die Chance, die Peinlichkeit seiner Einschätzung zu erkennen. Wenn er den Einpeitschern des Krieges in Moskau jahrelang zugehört hätte, wie das zum Pflichtprogramm der meisten Osteuropawissenschaftler gehört, hätte er womöglich geschwiegen. Russland muss nicht dämonisiert wird, es beweist durch seine Handlungen, dass es ein verabscheuungswürdiges politisches Subjekt ist. Die braven naiven tumben Westler sind mehrheitlich weder bereit noch fähig, die Qualität des Bösen, der reinen Mordlust, zu begreifen, die dieses putin-ruzzland darstellt.

Auftrag erfüllt

B., Obast Charkiw, 25.12.2025
Drei Bataillone einer Brigade haben wir besucht, alle nördlich von Pokrowsk stationiert, in guten Verstecken, an unauffälligen Orten. Irgendwo in der Ferne ballerte dort immer wieder Artiellerie, unsere und feindliche. Die schwarzen Rauchfahnen am Himmel waren allerdings gar nicht so weit entfernt, nach meinem laienhaften Gefühl geurteilt. Die Kämpfer bezeichneten sie als „Feuer-Show“. – Gefahren werden oft verspottet, ein endloses Thema.
Man muss ziemlich viel Eintritt bezahlen, wenn man diese Feuer-Show sehen will. Die Miete für eines der Häuschen, in dem einige Kämpfer schlafen, ist völlig überteuert. Sie nehmen dem Eigentümer das Haus nicht etwa weg, sagen wir zeitweise. Was meines Erachtens legitim wäre oder sein sollte. Sie achten Recht und Gesetz und verhandelten mit dem Vermieter um einen vernünftigen Preis mit dem Argument, dass er doch, wenn sie nicht hier wären, von den ruzzen bereits enteignet worden wäre, oder sein Haus längst zerstört worden wäre. Dann würde er ja gar keine Miete bekommen. Nein, der Alte blieb hart, und sie akzeptierten das „notgedrungen“ – der Markt entscheidet.

Das waren die Geschenke, über die die Kämpfer sich besonders freuten: Kinderzeichnungen; dicke handgestrickte Strümpfe; von den Babuschkas mit Liebe zubereitete Warinikis.

Zusammen mit Anatoli und mir war auch eine Marina mitgekommen, ebenfalls Volontärin, aber nicht in unserer NGO, sondern in einer rein ukrainischen aus der Kreisstadt L. Das ist ein wichtiger Unterschied. Unsere internationalen Kontakte steigern natürlich unsere Möglichkeiten. Andererseits arbeiten Menschen wie Marina (oder Anatoli) ständig „am Limit“, und das freiwillig und kostenlos. Sie haben kaum die Kraft, solche Kontakte zu suchen, denn dafür braucht man ja auch Übersetzer, Berater, Helfer.
Ein undendliches Feld …, wie man sich besser „vernetzen“ kann.
Manchmal merkt man, dass wir fast alle keine ausgebildeten Wirtschaftsleute und Organisatoren sind. Manchmal zerstört „Aktionismus“ oder „alleiniges Vorpreschen / mangelndes Teamworking“ einen klugen Plan, in dessen Umsetzung man schon viel Zeit investiert hatte. Manchmal hat man ein Brett vor dem Kopf oder ist einfach müde …

Mein Interview mit Radio Bremenhabe ich von unterwegs geführt, es ist gut gelaufen, der Redakteur war sehr zufrieden. (Überhaupt sprechen sie immer sehr freundlich mit mir, und sie stellen immer interessante Fragen, auch mich zum Denken anregende.)
Ich saß dabei im Auto auf einer Wiese kurz vor Pawlograd. Ein bisschen stolz bin ich auf meine spontane Antwort nach der Frage, warum Ukrainer diesen Widerstand leisten, diese Kraft haben.

„Aus Liebe zu ihrer Heimat, zu diesem schönen Land“, sagte ich, – „und aus dem Wissen über die Geschichte, was ihnen drohen würde, wenn ruzzland gewinnen würde“ und nannte Beispiele. Ich erinnerte auch an die Massenmorde unter Stalin, die Genozide in der Ukraine, an deren drohende Wiederholung, damals wie heute in Moskau geplant, in den gleichen Gebäuden Kreml und Lubjanka, von den Urenkeln von damals. Für Deutsche ist das kaum vorstellbar, dieser ukrainische INSTINKT, nicht schon wieder von Moskowitern gequält zu werden. Deutsche war nie Opfer eines Genozids, nie drohte ihnen einer, das merkt man ihnen an.

Heute glaubte ich bei X zu lesen, jemand habe ruzzlands 97 Kriegsmotive und -ziele aufgelistet. Endlich hat es jemand begriffen, dachte ich. Endlich hat jemand interdisziplinär gedacht. Endlich nicht mehr schachliche Kreisklasse, endlich Europa-Liga, ach, Welt-Liga. 97 Kriegsmotive und -ziele, nicht eins oder maximum fünf.
Doch es war ein Irrtum, ich hatte mich verlesen. Die Zahl 97 war nur die Nummerierung des Begriffs Kriegsgründe in einer völlig anderen Liste.

Zwischen Liebe und Ekel

B., Obast Charkiw, 23.12.2025
Manchmal ist es schwer zu begreifen wie wir leben. Zwischen Liebe und Ekel.
Zum Beispiel heute: Mein Freund Anatoli hat Geburtstag. Wir feiern mittags zusammen mit unserer Frauenbrigade, den fleißigen Netzeknüpferinnen. Viele Lobreden werden auf Anatoli gehalten, denn er ist wirklich ein beeindruckender Mensch, ein großartiger Organisator, verantwortungsvoller Tierarzt. Bis in die Nacht hinein hat er gekocht, u.a einen riesigen Topf mit Plov, um alle Gäste bewirten zu können.
Anatolis schönstes Geburtstagsgeschenk ist ein Foto von einer Rakete, auf die befreundete Soldaten schrieben: Schöne Grüße von Anatoli.

Auf dem Weg nach Hause hören wir einen heftigen Knall. Wir erschrecken uns, halten das Auto an, suchen den Himmel ab nach der Ursache des Geräuschs, können nichts sehen, fahren weiter. Wenige Minuten später erhalten wir die Information: eines unserer Flugzeuge hat eine Rakete abgeschossen! Hurra!
Zuhause warten schon die Vertreter der Brigade auf uns, die das von Rainer Grieben gespendete Schweißgerät bekommen. Der verantwortliche Techniker kämpft schon seit 12 Jahren!, erzählt er.

Zwischendurch lese ich auf X, dass einer meiner FB-Freunde, ein Journalist, bösartige Gerüchte über das ukrainische Militär verbreitet / kommentarlos weiterleitet.
Im Gegensatz zu den Medienberichten seien Militärkommandeure angeblich eher als Selenskyj bereit, Gebiete abzutreten. Sein politisches Überlebensinteresse decke sich angeblich nicht mit dem nationalen Interesse. Selenskyjs Missmanagement des Krieges und die Korruption machten ihn bei den Verteidigern äußerst unbeliebt; diese sollen angeblich „offen von einem Staatsstreich sprechen, haben aber keinen Anführer“.
Starker Tobak also, natürlich ohne Belege. Ich treffe regelmäßig Leute vom Militär, auch Kommandeure, aber von Putschgerüchten habe ich noch nie gehört, kann mir auch nicht vorstellen, dass solche Absichten bestehen. Ohnehin – bestünden solche Absichten, würden sie wohl kaum an die Öffentlichkeit dringen.
Warum verbreitet ein Journalist / Reporter solche Behauptungen? Eine müßige Frage. Vor einiger Zeit hatte ich diesem Nutznießer des Bösen noch öffentlich widersprochen, als er vor Eitelkeit und Selbstverliebtheit strotzende Fehleinschätzungen abgegeben hatte, die seine Kompetenz deutlich überschreiten. Inzwischen spare ich mir diese Energie und konzentriere mich lieber auf die konkreten Hilfen, die ich hier leisten kann. Soll doch jeder selbst sein Tun vor seinem Gewissen verantworten, falls er so etwas hat.
Morgen fahren wir in eine heißere Zone zu einer Brigade, um dringend benötigte Sachen zu überbringen. Unser Weihnachtsfest. Aber der Feind macht ja an Weihnachten keine Pause. Außerdem habe ich morgen noch ein Interview für Radio Bremen.

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Geheimes Kriegstagebuch
Privileg: Etwas zu wissen, was (noch) nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Beispielsweise erzählte mir A. von einem sensationellen Erfolg unserer Freunde an der Donbas-Front. So sensationell, dass das Ereignis meines Erachtens in den Nachrichten hätte gemeldet werden müssen. Ich kann keinen Grund erkennen, warum es verschwiegen werden sollte. Mein Freund A. wurde persönlich von einem der beteiligten Artilleristen darüber informiert, deren Kommandeur hat schon allen gratuliert. Intern wurde der Erfolg offiziell bestätigt. Aber eine öffentliche Bestätigung finde ich nicht, obwohl es doch eine Spitzenmeldung sein sollte. Seltsam.

Faszination Dummheit

Poltawa, 07.12.2025
Schadenfreude – angesichts der neuen Geständnisse der Einpeitscher des Krieges in ruzzland. Sie hatten tatsächlich „geglaubt“, die übergroße Mehrheit der Ukrainer wolle von ihnen befreit werden / würde sie freundlich begrüßen. Von 70 bis zu 98 (!) Prozent reichten die Schätzungen.
Eine erstaunliche Selbstverblendung der Überzeugungstäter. Sie sahen, was sie sehen wollten.

Ich befragte 2016 bis 2022 viele Ukrainer, wie sie sich im Falle einer Invasion verhalten würden. Manche stellten sich vor zu fliehen; die meisten jedoch wollten gegen die Invasoren kämpfen. „Ich werde meine Stadt verteidigen, mein Haus“, lauteten häufig die Begründungen. Nicht das Staatswesen, sondern das Land, den Heimatkreis, die eigene Erde und die eigenen nahen Menschen.
Die wenigen Befürworter einer „russischen Welt“ in meinem Bekannten- und Verwandtenkreis waren auch sonst im Leben kuriose Gestalten: ein Dealer, ein pensionierter Architekt und Ex-KGB-Mitarbeiter, ein ehemaliger sowjetischer Offizier und dessen Tochter. Der Offizier mit der Begründung; „Wir (!) wollen auch mal einen Krieg gewinnen.“ Der Sieg gegen Hitler-Deutschland zählte für ihn nicht, weil die Deutschen heute besser lebten als die ruzzen. Seine Tochter wünschte sich eine ruzzische Welt, wollte in diesem Fall aber nicht mehr in der Ukraine leben – und gleich nach der Invasion reiste sie tatsächlich in ein skandinavisches Land aus, wo sie wohl Sozialhilfe bekommt und zusammen mit ihren arabischen Freunden gerne über den Westen schimpft.

In der deutschsprachigen Presse wurde währenddessen gerne das Märchen von der gespaltenen ukrainischen Nation erzählt, falls man deren Existenz nicht sowieso bestritt, wie bspw. der Historiker Baberowski (den ich zu einer Fahrradreise durch die Ukraine einlud, damit er seine kruden Behauptungen Ukrainern erzählen könnte).

Mich FASZINIERT es, wie wenig die Menschen im Allgemeinen über ihr übernächstes Nachbarland wissen, und dass sogar Nachrichtendienste mit Milliarden-Budgets zu völlig unsinnigen Einschätzungen gelangen, völlig falsche Berichte über das übernächste Nachbarland abliefern. Wie kann das sein? Warum konnten sie nicht so arbeiten wie ich?
Gut, es gilt das alte Gesetz, je komplexer die Materie, desto infantiler die Versuche der analytischen Ausleuchtung. Aber die zu untersuchende Frage war doch ziemlich simpel.

Zum Fremdschämen

Im Kreml knallen die Krim-Sektkorken. Fein hat man die Westler wieder gegeneinander ausgespielt. Frieden um jeden Preis lautet die erträumte westliche Überlebensformel, die Massenmorde als legitimes Mittel der Politik einpreist. Die Aussicht auf gigantische Profite beschwichtigt das Gewissen, so man eins hat. Das „brillante Narrenspiel der Hoffnung“ (Jacob Burckhardt) betäubt die Sinne der „Unterwerfungspazifisten“ (Ralf Fücks), ob nun in Washington oder in Berlin.
Russland soll laut dem Putin-Trump-Plan versprechen, andere Länder künftig nicht mehr in die Steinzeit zu bomben. Falls es provoziert wird, darf es diese Vereinbarung brechen. Wobei man ja weiß, wie gut Russland im Provozieren ist.

Nichts ist leichter für die Moskauer Machttechniker, als mit dem Wunsch nach Frieden zu spielen. Zum Spiel gehört, dass man Verhandlungsentwürfe in die Öffentlichkeit „durchsticht“ und dann behauptet, die Dokumente nicht zu kennen. Oder dass man unerfüllbare Forderungen aufstellt, um die Schuld für das Scheitern von Verhandlungen der anderen Seite aufzubürden. Oder dass man sich ewig in Details verzettelt. Wer redet, kann weiter schießen, wer nicht redet auch.
In manchen Märchen muss ein Held drei Aufträge erfüllen, die scheinbar unmöglich sind, Steine zum Leben erwecken beispielsweise, aber er schafft alle Aufgaben und heiratet am Ende die Königstochter. Solche Märchenhelden können die Westler nicht sein, dafür sind sie zu zu reich und zu tolpatschig, zu gutgläubig und selbstverliebt. Um aufzuwachen aus dem Schlaf der Vernunft müssten sie zur Kenntnis nehmen UND verstehen, warum sie vom kollektiven Putin gehasst werden, warum der sie öffentlich als Satan beschimpft und dazu aufruft, sie zu töten.
Die kurze Antwort lautet: „Die Waffen des Westens haben mehr als eine Million Russen getötet oder zu Krüppeln gemacht!“ Das stimmt zwar nicht ganz (nicht bloß aus dem Westen stammende Waffen), aber der Glutkern des Hasses hat einen rationalen Kern.

Auch für Putin-Russland ist der Krieg gegen die Ukraine und den Westen (inzwischen) ein Kampf ums Dasein, um den Erhalt der Staatlichkeit, der Mafia-Clanwirtschaft und der Macht der Geheimdienst-Cliquen. Krampfhaft versucht die letzte Kolonialmacht auf Erden der Furie des Verschwindens zu entkommen, dem Absturz in die weltpolitische und ökonomische Bedeutungslosigkeit, der demographischen Katastrophe. Russland und sein Militär muss man fürchten, so der einhellige Tenor der Einpeitscher des Krieges, sonst wird es vom Ausland als Konkurrent nicht ernst genommen, aufgrund seiner miesen Softpower und seiner geringen ökonomischen Bedeutung im Bereich der Hochtechnologien und der Fertigprodukte (mit Ausnahme der Atomenergie-Wirtschaft).

Putin-Russland behauptet im Grunde zurecht, dass in einer friedlichen Welt seine Interessen nicht in ausreichendem Maße geachtet werden. Denn sein bevorzugtes Interesse ist die Ausübung brutaler Gewalt, falls es das Gefühl hat, dass seine Interessen nicht ausreichend geachtet werden. Auch Kriegsverbrecher haben Gefühle, fühlen sich gekränkt, wenn man ihnen ihre Verbrechen vorwirft, welche sie doch nur als Mittel zum Zweck ansehen, als Befreiungsaktionen und humanitäre Hilfe. Die Kränkungsbereitschaft hat strategisches Potential, sie motiviert die russländische Bevölkerung zur Selbstaufopferung.
Westler können wahrscheinlich nicht den Genuss verstehen, reichere und schwächere Länder zu zerstören und vom Präsidenten für Massaker an Zivilisten mit Orden geehrt und mit Prämien belohnt zu werden.

Inzwischen bekunde die Bevölkerungsmehrheit in Umfragen mehr Stolz auf ihr Land und weniger Kritik an den Machthabern als vor Beginn der Großinvasion in die Ukraine, vermeldet der Soziologe Lew Gudkow aus Moskau. (Siehe FAZ Kerstin Holm „Sie wittern überall ausländische Agenten“, 24.11.2025)
Als kurze kleine „Militärische Spezialoperation“ hat es begonnen, inzwischen ist es ein existenzgefährdender Krieg mit Hunderttausenden eigenen Toten – und immer mehr Menschen begrüßen die selbstzerstörerische Entwicklung. Die Gesellschaft in Russland habe eine „negative Identität“, so Lew Gudkow, Russlands bekanntester Soziologe, der vom Staat als „ausländischer Agent“ tituliert wird.

Was tun?

Berlin, 21.11.2025
Ihr müht euch ab und kämpft ums Überleben, aber am Ende entscheiden sie in Washington oder Moskau, was mit euch passieren wird, meinte mein Gastgeber gestern.
Ich widersprach ihm natürlich. Niemand kann den Ukrainern Entscheidungen aufzwingen. Solange es möglich ist, werden Ukrainer für ihre Freiheit und Selbstbestimmung kämpfen (und meine Wenigkeit mit ihnen). Lieber stehend sterben als kniend leben („Lewer duad üs Slaw“).
Mein Gastgeber weist zu Recht darauf hin, wie weit weg sich der Krieg hier in Berlin „anfühlt“; auf entschlossene Unterstützung des Reste-Westens, sprich Europas, sei nicht zu hoffen.
Noch nicht, sage ich. Aber die Menschen hier werden noch lernen, dass sie, wenn sie überleben wollen, kämpfen müssen – und die Ukrainer in ihrem Kampf viel entschlossener als bisher werden unterstützen müssen. In dieser Hinsicht bin ich Optimist: Auch die Menschen in Berlin wollen leben. Zwar haben sie mehrheitlich noch nicht begriffen, was sie dafür tun müssen, aber sie werden es noch begreifen.
Mein Gastgeber bezweifelt auch das, mit nachvollziehbaren Argumenten, beispielsweise der Popularität Diktatur-freundlicher „Unterwerfungspazifisten“ (Ralf Fücks).
In diesem Fall, sage ich, werde ich das Spektakel genießen wie ein Drama im Theater. Natürlich kann ich als Einzelner nichts gegen die Selbstzerfleischungslust ganzer Gesellschaften tun. Unter anderem deshalb lebe ich ja lieber in der Ukraine, weil man dort über solche simplen Fragen nicht streiten muss. Sollten die Menschen im Westen zu schwach und nicht willens sein sich zu verteidigen und in vorauseilendem Gehorsam dem Terror-Staat ruzzland unterwerfen, so ist das eben so. „Denn sie wissen nicht was sie tun“ gilt ja für alle Epochen, auch in Gesellschaften mit unbegrenzten Freiheiten.
Mein Gastgeber vermutete, ich müsste doch verzweifelt sein angesichts der düsteren Aussichten auf die Zukunft. Nun, von wenigen Momenten abgesehen bin ich das nicht. Fast möchte ich sagen, mein Leben war noch nie so interessant wie heute. Der Kampf zwischen Lebens- und Todestrieb ist noch nicht entschieden. Aber ich kann sagen, ich bin dabei gewesen, als er tobte.

Passend hierzu meine Notizen zu einer Frage, die der Politikwissenschaftler Thomas Jäger stellte: „Glauben Sie wirklich, die Logik hinter Putins Strategie zu verstehen? Ist es nur Machtgier oder steckt ein rationaler, wenn auch zynischer, Plan dahinter, den wir im Westen übersehen?“
Die Strategien des kollektiven Putin ändern sich ständig, die Logik bleibt gleich. Im Westen wird fast alles Wichtige übersehen, vor allem die eigene Gefährlichkeit für kriminelle Regime – und wie zynisch die Gesprächs- und Dialogkultur auf diese wirkt, da sie keine anderen Möglichkeiten der Existenzsicherung haben als gewalttätige. Löwen können sich nicht von Schokoladenpudding ernähren.
Für Putin-Russland ist es attraktiv und lukrativ, den „Pfeffersäcken“ im Westen Angst einzujagen, sie zu erpressen und möglichst wieder der Gendarm Europas zu werden. Frieden und Stabilität sind für ruzzen ja langweilig, wie ihr Führer erklärte. Aus lauter Langeweile kopuliert die Macht im Kreml mit der Apokalypse, abgrundtiefer kann der Abgrund des Nihilismus nicht sein. Man will Action und nicht in Verhandlungen über unüberbrückbare Widersprüche einschlafen. In der Ukraine und im Westen locken reiche Beute. Der zynische Plan des kollektiven putin ist es, so zu sein wie man ist.

Luxus und Notruf

Berlin, 19.11.2025
Welch ein Luxus, mitten im Krieg nach Deutschland zu fahren, mich in zwei Krankenhäusern behandeln zu lassen, wo mir Technik im Wert von 40.000 Euro eingepflanzt werden soll; außerdem Medikamente im Wert von einigen Tausend Euro zu bekommen; außerdem von einem großartigen Hausarzt betreut zu werden (dessen Tochter in der Ukraine „die Stellung hält“) und von einem Kardiologen, der zufällig ein früherer Schachfreund ist und mir „zeitnahe“ Termine organisierte. Ein paar Euro muss ich zuzahlen, 10 Euro pro Krankenhaustag, paar Euro für die Medikamente – geschenkt. Was für ein Gesundheitswesen! Was für ein Glück, Deutscher zu sein! Wie gut, dass ich immer brav meine Krankenversuícherung gezahlt habe. Wenn ich da an manche (viele) Ukrainer denke …

Aus Poltawa erreicht mich ein Notruf. Die Territorialverteidigung braucht dringend eine Power Bank EcoFlow im Wert von 1000 Euro. Was meint ihr, können wir helfen? Ich kenne die Leute dort persönlich, das sind großartige Kämpfer. Alexander H. würde wieder dankenswerte Weise den Ankauf und Versand organisieren. Auch kleinere Spenden sind sehr willkommen!

Humanitas Ukraine
Betreff: NGO Poltawa
IBAN: DE62201901090003262590
SWIFT: GENODEF1HH4
VOLKSBANK RAIFFEISENBANK

„Weil sie Kosaken sind. Weil für sie Freiheit das höchste Gut ist.“

Interview zur Lage in der Ukraine mit dem Schriftsteller Christoph Brumme
„- Wie wirkt sich dieser Drohnenkrieg auf die Menschen aus?
– Das Verhältnis zu Geräuschen oder Tönen ändert sich im Krieg sehr schnell. Ob nun in der Ferne ein Zug fährt oder Drohnen am Himmel fliegen, das kann ja einen Unterschied von Leben und Tod ausmachen. Einschläge von ballistischen Raketen sind beispielsweise noch über Dutzende von Kilometern zu hören und zu spüren. Wenn man einschläft, weiß man nicht, ob man aufwachen wird. Der Tod kann jeden jederzeit treffen.
– Viele fragen sich, ob und wie die Ukrainer das durchhalten können?
– Weil sie keine andere Wahl haben. Weil sie Kosaken sind. Weil für sie Freiheit das höchste Gut ist.“

http://h-und-g.info/forum/schwerpunkt-2/25-ukraine-4/brummer

Ordnung und Chaos im Krieg

Poltawa, 11.10.2025
Ein häufiger Fehler bei der Analyse der Fehler und Schwächen des Militärs ist oft die unterschwellige Vorstellung, die Kriegshandlungen KÖNNTEN mit vollkommener, „einhundertprozentiger“ Effizienz organisiert werden. Man misst die Wirklichkeit am Ideal – und schimpft. Sowohl unter passiven Beobachtern des Krieges als auch unter Militärs ist dieses Verhalten häufig zu beobachten.
Dabei ist Chaos vorprogrammiert, denn im Krieg geschieht ständig etwas Unerwartetes, worauf man natürlich nicht immer in idealer Weise reagieren kann. Sinnlose oder sinnlos erscheinende Befehle, unfähige Kommandeure, Mängel der Technik, fehlende Ersatzteile, Medikamente, Munition und Nachtsichtgeräte, Ausbildungsmängel, schlechte Koordination im Gefecht der verbundenen Waffen – alles das ist normal und notwendig. Ein Drittel Chaos, Blödsinn und Unsinn, zwei Drittel ordnungsgemäße Abläufe, das dürfte, über den Daumen gepeilt, das Maximum des Erreichbaren sein. Außer im Moment des Sieges kann es nie von allem genug geben, nie genug Kämpfer, Waffen, Fahrzeuge.

Man lese beispielsweise Erinnerungen von Soldaten aus dem II. Weltkrieg.
1. Daniil Granin, Mein Leutnant

„Wir haben mal einen Fritz verhört. Bei denen treten sie nicht vor dem Kampf in deren Partei ein, und wenn sie angreifen, rufen sie nicht: Für die Heimat!, Für Hitler! Wie kommen die bloß ohne das aus? Alles ist bei ihnen unkorrekt, den Soldaten und Offizieren steht sogar Urlaub zu. Urlaub im Krieg! Ich konnte mit diesem Gefangenen keine gemeinsame Sprache finden. Er sagte mir, dass man ohne Kaffee und Funkverbindung nicht kämpfen kann.“

„Neben mir saß ein junger Ladekanonier. Er sang mit und schaffte es, mir gleichzeitig zu erklären, dass man den Panzer nur verlassen durfte, wenn man die Regimentsführung um den entsprechenden Befehl gebeten hatte, egal, ob der Panzer außer Gefecht war oder brannte. Wenn du aber ohne Befehl aus der Luke raussteigst, bist du geliefert. Sobald du zum Regiment zurückkommst – ab zur Erschießung.“

„Der Fleischwolf wurde nicht angehalten. Die Verluste störten niemanden, zumindest nicht unsere wackeren Vorgesetzten, die jeden Befehl befolgten und nie widersprachen. Kein Preis war ihnen zu hoch. Man kämpfte sich bis zu den Stacheldrahtverhauen der Deutschen durch. Dort stellte sich raus, dass man nichts hatte, womit man den Stacheldraht hätte durchschneiden können. Keine Drahtscheren. Der Befehl verlangte es – um jeden Preis. Der Angriff sollte um fünf Uhr morgens beginnen, aber es zeigte sich – niemand hatte eine Uhr. »Stell dir vor, weder die Kommandeure noch die Politoffiziere beider Kompanien hatten eine« – Merson spuckte aus –, »die Zielpunkte waren nicht ausgekundschaftet. Von wo die Deutschen schossen, war unklar.“

„Überall hat man einen uns fremden Krieg mit glänzenden Operationen, mit mutigen Kämpfern beschrieben. Aber unser Krieg war anders – blutig, stümperhaft, Menschenleben wurden sinnlos geopfert, doch das zeigte man nicht, darüber schrieb man nicht. Mein Leutnant hasste die Deutschen und konnte das eigene Stabsgesindel nicht leiden. Im Kino zeigte man Generäle, die weder Schurken noch Säufer oder Dummköpfe waren. Er konnte es nicht begreifen, wie sie es geschafft hatten, trotz all der Fehler, all des Bluts, trotz Feigheit, Unwissenheit und Furunkeln in Ostpreußen einzumarschieren.“

2. „Zwischen Nichts und Niemandsland: Tagebuch eines deutsches Soldaten im zweiten Weltkrieg“ von Hans Jürgen Hartmann – eine der besten Schilderungen der Kämpfe der Deutschen Wehrmacht in der Ukraine aus der Perspektive eines einfachen Soldaten.

„Eni stellte den Motor ab. Da hörten wir auf einmal, was wir schon während der Fahrt undeutlich vernommen hatten: wüstes Schießen und Krachen irgendwo weit vor uns. Reimann stieg aus und rannte suchend umher, aber das nützte gar nichts. Wir sagten ihm schwer die Meinung. Wir wollten zurück zu denen vom Nachbarregiment und dort pennen. Da wussten wir wenigstens, wo und woran wir waren. Aber nein, er wollte weiter zum Zug, der müsse ja irgendwo zu finden sein. Ja, sagten wir, vielleicht da vorn, wo es schoss und krachte. Es wäre doch Idiotie, um Mitternacht in dieser Gespensterstadt umherzutappen und sich womöglich noch von den eigenen Leuten abknallen zu lassen. Und außerdem rechnete beim Zug bestimmt kein Mensch mehr mit uns. Da hinten bei den anderen könnten wir sicher wenigstens ein paar Stunden koksen und am Morgen sähe dann schon alles anders aus. Aber nein, Reimann wusste es besser. Er hatte Angst vor der eigenen Courage. Halblinks vor uns ballerte es zünftig. Der Ort war ganz offensichtlich noch gar nicht vollständig besetzt. Und wir standen da auf dem Platz wie bestellt und nicht abgeholt und warteten. Otto war kurz vorm Platzen. Reimann wetzte unruhig hin und her. War denn so viel Irrsinn denkbar? Waren wir verrückt oder er? Was sollten wir in diesem unheimlichen Nest? Hatten wir in diesen Tagen nicht schon genug Unheimliches erlebt? Hatten wir nicht vor allem ein paar Stunden Schlaf ehrlich verdient und nötig? In die Schnauze hätten wir ihm hauen können …“

„Aber dann schrie jemand urplötzlich in die Nacht: „Vorsicht, Russenpanzer!!!“, und nun spielte in diesem Hexenkessel alles verrückt. Sieben oder acht deutsche Landser waren im Dustern auf den Kolossen mitgefahren, bis sie die roten Sterne erkannten – und hatten keine Handgranaten, um den Iwans wenigstens noch die Optik zu vermiesen, ehe sie schleunigst absprangen. Und danach ein stundenlanges Herumliegen hinter dem Gleis der Feldbahn, ohne Befehle, ohne Orientierung, zwischen fremden Landsern in der Nacht, 50 m vor einem weiteren Russenpanzer… Später ein großes Feuer irgendwo genau hinter uns, und wir alle als lebende Schattenrisse ganz flach an den Boden gedrückt hinter den Schienen, eine unheildrohende Stille im Wald und wachsende Angst vor dem Morgengrauen. Wenn sie uns dann kassieren? Nicht auszudenken. Doch irgendwann ein Befehl, geflüstert von Mann zu Mann: Alles nach rechts sammeln! Wir kamen auch ungestört weg von dem elenden Gleis, weiter hinten sammelte sich tatsächlich ein Haufen von Landsern, keiner wusste, wo wir uns befanden, herumirrende Versprengte im Finstern waren wir, voller Angst, wegen Feigheit vor dem Feinde aufgegriffen zu werden, nachdem wir erfahren hatten, dass ein Feldwebel uns auf sein eigenes Risiko zusammengeholt hatte und „Richtung Heimat“ lotsen wollte.“


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