Russland – Ukraine
Dienstreise Poltawa – Losowa – Slowjansk, 13.09.2026
Wir fahren wieder in heißere Zonen. Der unermüdliche Urban Frye bringt uns ein Feuerwehrauto aus der Schweiz, einen Wagen mit einer 30 Meter langen Leiter. (Seit ich ihn kenne, glaube ich nicht mehr, dass die Deutschen Weltmeister im Planen sind. Es müssen die Schweizer sein.) Heute wollen wir das Auto schon übergeben und den Bürgermeister treffen, Gennadi Korol – ebenfalls ein unermüdlich Arbeitender. Einer, der „in Arbeit ertrinkt“; ich sehe das regelmäßig. Entscheidungen im Minutentakt zu treffen, das kann nicht jeder. Wir werden zwei weitere Projekte besprechen, die Versorgung des Sozialzentrum mit Solarbatterien und den Aufbau eines Tierheims. Montag fahren wir dann nach Slowjansk, um einen wichtigen Menschen zu treffen und ebenfalls weitere Projekte zu besprechen. Unser Gastgeber Anatoli hat mich schon gewarnt: Wir werden uns nicht langweilen. Einerseits haben wir ein volles Arbeitsprogramm, andererseits fliegt mehr Eisen und Dynamit durch die Luft als früher. –
Anderes Thema, anlässlich der schrecklichen Wahlerfolge der nationalistischen Brandstifter in meiner 1. Heimat Sachsen-Anhalt:
Die Tragödie der heutigen Menschen: Die eigene Tragik nicht zu begreifen – sich selbst nicht als zwergenhaft zu erkennen, somit nicht über sich selbst lachen zu können. Tragisch ist das Vertrauen in die Machbarkeit, in Unkenntnis des simpelsten Gesetzes der Geschichte, welches besagt, dass die Handlungen aller stets zu Resultaten führen, die niemand gewollt hat. Franz Kafkas Wunsch ist heute leicht zu erfüllen: „Ich würde ganz gern – warum denn nicht – einen Ausflug mit einer Gesellschaft von Niemand machen.“ Die Niemande staunen nicht, dass sie nur Niemande treffen. Verantwortlich gemacht werden am Liebsten andere Niemande. Die Politiker, die Oligarchen, die Medien. Beim Delegieren von Verantwortung gelten Selbstironie und Selbstzweifel als Gift für die Vermarktbarkeit.
Wir Marlboro-Reiter
Poltawa, 08.09.2026
Kurz nach der Wende bewarb ich mich zusammen mit einem Freund als Marlboro-Reiter. Der Freund war Nichtraucher, aber für die Möglichkeit nach Arizona zu reisen, am Lagerfeuer Steaks zu braten, war er bereit das Rauchen zu lernen. Reiten konnten wir beide nicht. Aber dank einer Frage in der Bewerbung glaubten wir, gute Chancen zu haben. „Wie lange haben Sie in unerforschten Gebieten gelebt?“ Siebenundzwanzig Jahre, schrieben wir wahrheitsgemäß, unsere Zeit in der DDR. Die Mauer hatten wir einen Tag vor meinem 27. Geburtstag gestürmt.
Nun wird in Deutschland über die Gründe des Wahlerfolgs der „Alternative für Deutschland“ diskutiert. Die AfD sei die erste politische Kraft, die das „Ost-Thema“ (DDR-Nostalgie) „positiv konnotiert“, meint der „Dunkle Parabelritter“ Alexander Prinz in den ARD-Tagesthemen. In seiner Generation – er ist 31 Jahre jung – habe man „den Ost-Bezug als etwas gesehen, wofür man sich schämen muss“.
Stolz oder Scham wegen DDR-Herkunft ? Stolz darauf, „deutscher“ gewesen zu sein als die Westdeutschen? – also weniger Fremdsprachen zu beherrschen, weniger Länder bereist zu haben, weniger der wichtigsten Romane und wissenschaftlichen Aufsätze gelesen zu haben? Stolz darauf, statt in einem Ozean zu baden in einer Pfütze schwimmen zu lernen? Das ist kein Grund für Scham, man muss eben das Beste daraus machen. Es war schlichtweg biographisches Pech gewesen, in eine humorlose Diktatur hineingeboren zu werden, mit zugenähten Lippen, die Nähfäden aus Stacheldraht. Aber immerhin hatten wir überlebt, das heißt die Fluchtwünsche und die Selbstmordwünsche unterdrückt und in Alkohol ertränkt. Und verglichen mit Menschen aus anderen post-sowjetischen Ländern Osteuropa war man als Ostdeutscher ja ungeheuer privilegiert, u.a. dank der Alimentierung durch die Brüder und Schwestern aus dem Westen.
Arbeitsthese zum 35. Tag der WIEDERERLANGUNG der Unabhängigkeit der Ukraine
Poltawa, 26.08.2026
Tragischerweise haben die politischen Protagonisten des Westens und Russlands etwas gemeinsam. Sie wissen nicht, was sie tun. Im Sinne von: Sie verstehen ihre eigenen Handlungen nicht in ausreichendem Maße und treffen falsche, also ihnen selbst schadende Entscheidungen. Sogar die eigenen Maßstäbe des Gelingens vorausgesetzt. Beide sind oft überrascht vom Verhalten des Gegenüber, des Anderen. Das trifft auch auf beider Bevölkerungen zu. Mehrheitlich glauben sie an Märchen oder reden sie Unsinn, verglichen mit der Scharfsinnigkeit, die nötig wäre, wollte man überleben und nicht erpresst und versklavt werden. Im Westen wird Journalismus und in den angesagten Diskursen gern gesurft, auf der Oberfläche der Probleme. Schaumschlägerei gilt als Elite-Disziplin.
In Russland zerfrisst der Neid die Seelen. Die Westler leben in Schokolade. Unter Putin haben zwei Millionen Frauen ruzzland gen Westen verlassen. Frauenraub war schon oft ein Kriegsgrund. Mein Mann liebt mich, wenn er mich schlägt, oder: Wenn mein Mann mich schlägt liebt er mich nicht. Unvereinbare Kulturen.
Ukrainer sind anders, sie müssen anders sein. Sie können und müssen als einzige „in der Wahrheit leben“, im moralischen wie auch im technologischen und militärstrategischen Sinne. Im Westen wehrt man sich gutgläubig gegen notwendige Einsichten, die Märchenwelt kommt aus dem Herzen. In Russland ist die Vortäuschung von Tatsachen die wichtigste Existenzbedingung. Beide leben mit Selbstbildern, die von außen betrachtet nur als Selbstverblendung gebrandmarkt können. Typisch sind „Unschuldige“ mit blutigen Händen. Man muss sie gar nicht moralisch verurteilen, sie sind wie sie sind, Opfer ihrer Schwächen, Ignoranz und Selbstverliebtheit. Es genügt der Maßstab des Eigennutzes, über sie zu lachen und sie zu verachten.
Kaum jemand im Westen ahnt auch nur, welche ohnmächtige Wut den Kriegsherrn im Kreml inzwischen antreibt. Das Schlimmste, was ihm passieren kann, ist noch nicht aus der Welt: Er verliert seinen Krieg gegen einen Komiker. Gegen ein Clown, dessen Berufung es war, Menschen zum Lachen zu bringen. Der Spaß hatte und machte, der seine Frau und seine Kinder liebte.
Die wissenschaftlich ausgebildeten Folterer können das Lachen und die Lebensfreude nicht besiegen. Sie wollten die ukrainische Sprache verbieten und ihren Gebrauch wie in den besetzten Gebieten hart bestrafen, nun ist sie weltweit so populär wie nie zuvor. Wie kann sich der neue Stalin vor dem alten rechtfertigen? Dieser Witz hat keine Pointe.
usw., u.s.f.
Dieser Schei … Krieg
Poltawa, 25.08.2026
Erschreckend, aber das Geballere, Gepfeife, Gezische und Gebrumme in den Todeszonen Zweiten Grades im Oblast Charkiw hat mich in diesen Tagen kaum noch erschreckt. Jedes Mal bin ich kurz aufgeschreckt, ja, aber nicht tief getroffen worden, nicht zusammengezuckt. Denn nie bin ich dann allein, stets von FACHKUNDIGEN Freunden umgeben. Schnell ordnen sie die Geräusche kompetent ein. Sie verstehen, in welche Richtung etwas fliegt, von uns weg oder auf uns zu, in welcher Entfernung und Höhe, womit geschossen wurde und was da fliegt, Jagdflieger, Rakete, Artillerie, Panzer, Übung oder echt. Die Ohren lesen die Geräusche des Krieges. Wenn man etwas fliegen hört UND auch sieht, dann ist, auf Deutsche gesagt, die Kacke meistens am Dampfen. Gar nicht gut. Menschengemachte Vögel oder Kondensstreifen, bevor du den Knall hörst kannst du schon tot sein.
Meine geschulten und erfahrenen Freunde erkennen, wann unsere Abwehr etwas abgeschossen hat, in der Luft natürlich, und das ist jedes Mal eine unglaubliche ingenieurtechnische Leistung, die wir stets mit Gesten und Lauten der Zufriedenheit feiern. Mein Freund Anatoli zeigt mir auf unseren Fahrten oft Meter breite Brandstellen auf Feldern und Wiesen. „Da ist eine Drohne heruntergefallen.“ – „Und wieder eine Drohne.“ Und neben dem Feldweg sieht man Dutzende glitzernde Kupferfaserdrähte, die das Sonnenlicht spiegeln und blinken. Fasern, die dünner sind als ein menschliches Haar, die man aber nicht mit bloßen Händen zerreißen kann, jedenfalls wir können es nicht. Aber wenn man in eine Faser eine fingerdicke Schlaufe wickelt, lässt sie sich seltsamerweise brechen. Das kann eventuell lebensrettend sein, kein Witz, nämlich für den glücklichen Fall, dass die Faser sich verheddert und man die Ruhe bewahrt, um tatsächlich eine Schleife hinein zu binden.
Diese harten Übergänge! Vom Donbas in die Schweiz nach Luzern, dann Bamberg in Bayern (Verzeihung, Franken), dann Ostdeutschland, Lutherstadt Eisleben, Erfurt, Magdeburg, und von Berlin innerhalb von fünf Tagen wieder in den Oblast Charkiw, wieder ins tödliche Gezische und Gepfeife. Ziemlich brutal eigentlich.
Immerhin konnten wir einige wichtige Projekte weiter bearbeiten, auch dank der produktiven Zusammenarbeit mit unseren Partnern aus der Schweiz. Wir wollen tatsächlich ein Tierheim bauen für Straßenhunde und Katzen! So human sind wir auch im Krieg, so tierlieb. Ich staune selbst, dass wir dafür „Kapazitäten“ haben sollen und wahrscheinlich bekommen sollen. Viele Menschen in den Siedlungen beschreiben die Straßenhunde als Problem, wohl wissend, dass die Hunde ja nicht schuldig sind. Sie kommen aus Slowjansk und Kramatorsk zu uns herüber, aus zerschossenen Häusern, vielleicht von getöteten Besitzern „verlassen“.
Tierliebe und Menschenliebe bedingen einander. Wir haben Freunden im Wald Wasser und Speck und Eier und nützliche Dinge gebracht, da waren zwei Kätzchen, deren Anwesenheit änderte die Szenerie grundlegend. Wir sprechen über die Arbeit, über das Eingraben, über das Zurechthacken der Balken, über die Tarnung und die Verteidigung der Stellung, die Verteilung der Technik – und ständig streift eines der beiden Kätzchen durch unsere Beine oder legt sich auf unsere Arme und Beine. Auch von uns Gästen lässt sich die eine gerne kraulen, während die andere voran läuft, aufmerksam nach vorne sehend, wie eine Minenspürkatze.
Reise in die Schweiz und nach Deutschland
Poltawa, 21.08.2026
Langer erster Abend in Poltawa mit Tankist, Bandurist, Spielberg, Pessoa (unser anarchistischer Banker) und Natascha, sowie einem Krieger Roman – den ich bis dato nicht kannte und der seit 2014 gekämpft hat! Zwölf Jahre, fünf Schädel-Hirn-Traumata, ansonsten keine schweren Verletzungen, alle Glieder sind noch dran. Er klagte über Gedächtnislücken und über seine geringe Rente, bezeichnete sich aber als Optimist, obwohl er „alles“ verlor, seine Wohnung, seine Familie. (Nach den Gründen für diese Verluste fragte ich nicht. Wir waren in der Kneipe, ich führte kein Interview.) Seine Motivation: Er wolle, dass seine Tochter Ukrainisch sprechen und Gedichte von Taras Schewtschenko lesen könne.
Pessoa blieb seinem Rhythmus treu und kam wie jede Woche Montags, Mittwochs und Freitags in die Kneipe. Ausnahmsweise wollte er mal nicht mit mir über Hegel reden. Er ist stolz darauf, etwas von Hegel gelesen zu haben; was und wie viele Schriften, darauf bekomme ich keine klare Antwort. Er arbeitet bei einer Bank und sagt, seine wichtigste Aufgabe dort sei es, die anderen beim Arbeiten nicht zu stören. Ich dachte anfangs, er sei dort so eine Art Aufseher, Kontrolleur. Aber nein, er ist Jurist. In der Jugend soll er eine ziemlich rote Socke gewesen zu sein. Er ist ein begnadeter Tänzer, das erstaunt mich immer wieder.
Getanzt haben wir auch, zu zwei Liedern von Adriano Celentano. Zu mehr reichte „die gute Stimmung“ nicht. (Wie mich dieses Wort ekelt! In Deutschland fragten mich sogar zwei kompetente Kollegen gleich zu Beginn unseres Gesprächs nach der „Stimmung in der Ukraine“, ob jetzt mehr Menschen pessimistisch oder optimistisch seien. Ich konnte ihnen nicht klarmachen, dass solche Maßstäbe nur überflüssiger Ballast sind. Das sind die Momente, in denen ich Zivilisten verachte. Statt sich meine Erfahrungen beschreiben zu lassen, bestreiten sie meine Diagnose. Also noch ein Mal zum Mitschrieben: Putzt euch mit eurer Gefühlsduselei eure verzärtelten europäischen Näschen! Im Krieg muss man handeln, entscheiden, laufen, fliegen. Aber auf etwas zu hoffen bedeutet nur, später die Lasten der Enttäuschung tragen zu müssen. Pessimistisch, optimistisch, das sind typische Publikumsfragen.
In unserer Kneipenrunde waren uns natürlich einig darüber, dass die Ukrainer unbesiegbar sind und immer sein werden. Auch haben wir darüber diskutiert, wo in Zukunft die ukrainisch-chinesische Grenze verlaufen wird. An der Wolga oder am Ural, das waren die Favoriten.
Meine Heimfahrt verlief ein bisschen chaotisch. In Dresden merkte ich, dass ich meinen Pass in Berlin vergessen hatte. An der ukrainischen Grenze „meinte“ ein Drogenhund, bei mir Gras gefunden zu haben, aber ich hatte nur 10 Tage zuvor etwas im Rucksack gehabt, in Berlin. Ob ich vielleicht ein bisschen Gras vergessen hätte herauszunehmen, fragte der Fahnder, das sein hier an der Grenze schon passiert. Ich bin doch kein Idiot, sagte ich. In Winnyzja mussten wir Passiere aus dem Zug wegen eines Angriffs mit Drohnen evakuiert werden. Ich las auf dem Bahnsteig letzte Prosa von Gerd Schönfeld und vergaß, dass unser Zug nach der Evakuierung ein Stück nach vorn gefahren war und stieg dann in den falschen Zug dahinter ein. Es hätte Gerd gefallen, keine Frage. Also musste ich mit der Elektritschka nach Kyiv fahren und kam vier Stunden später als geplant an.
Fahrzeit Berlin – Poltawa von Montagmorgen bis Mittwochmittag.
Heute fahre ich gen Osten in heißere Zonen. Es gibt viel zu tun. Die Registrierung für das Feuerwehrauto vom Zürcher Flughafen müssen wir bis Montagabend fertig machen, und die Unterlagen für den Bau eines neuen Tierheims für Straßenhunde müssen noch vervollständigt werden, einige Missverständnisse müssen ausgeräumt werden. Wir brauchen Geld u.a. für Tarnnetze, und ich soll eine große Powerbank besorgen, die 800 Euro kostet.
Wer helfen möchte, hat hier dazu Gelegenheit:
Interbridge Nbg e.V.
IBAN: DE44 7605 0101 0013 7063 12
BIC/SWIFT: SSKNDE77XXX
Zweck: Hilfe Evakuierung
Kurzes Resümee über meine Zeit in der Schweiz und in Deutschland: Es war schön. Viele kluge, sympathische, interessierte Menschen konnte ich treffen. Vielen bin ich zu Dank verpflichtet. Urban Frye für die Einladung in die Schweiz und die Gespräche über weitere Projekte. Heinz Lienhard und dem Hotel Heinz für die produktive Zeit und die Möglichkeit, mal durchzuatmen. Christina Daletzka für ihre zauberhafte Kraft, mich zu motivieren. Nora Gomringer und der Villa Concordia in Bamberg für die herzliche Gastfreundschaft. Meinem Freund RB für die vielen Einladungen und die fröhlichen Gespräche. Meinem Cousin in Gotha. Benjamin Quenzel für den beeindruckenden Abend in Lutherstadt Eisleben. Blechi Ukraina und seiner Frau Oksana für den Fahrservice, die Möglichkeit zu übernachten und spannende Gespräche. Originalton Blechi: „Wir Volontäre helfen einander doch!“ So soll es sein.
Bestimmt habe ich jemanden vergessen – ich bitte vorab um Verzeihung!
Veranstaltungen
Erfurt: Im Schatten des Krieges – Von Mitteldeutschland in die Ukraine / Am 12. August lädt das Ukrainische Kulturzentrum zu einer Begegnung mit dem deutschen Schriftsteller und Philosophen Christoph Brumme ein. Seit vielen Jahren lebt er in Poltawa. Nach Beginn des russischen Angriffskrieges blieb er in der Ukraine, engagiert sich ehrenamtlich im Frontgebiet, unterstützt Evakuierungen und dokumentiert den Krieg in Fotografien und Texten.An diesem Abend zeigt Christoph Brumme seine Fotografien aus der Ukraine, berichtet von den Menschen, denen er begegnet ist, von Ereignissen, die er selbst erlebt hat, und steht anschließend für Fragen und Gespräche zur Verfügung.Wir laden alle ein, die die Ukraine aus der Perspektive eines Menschen kennenlernen möchten, der seit vielen Jahren dort lebt und den Krieg unmittelbar erlebt.📅 12. August 2026🕕 18:00 Uhr📍 Ukrainisches KulturzentrumJohannesstraße 173, Erfurt🇩🇪 Die Veranstaltung findet in deutscher Sprache statt.🎟️ Der Eintritt ist frei.
Lutherstadt Eisleben: 13. August 19 Uhr Veranstalter ist der Verein der Freunde des Theaters e.V. Eisleben, Veranstaltungsort ist eine Kleinkunstbühne Rammtorstraße 5 – 06295 Lutherstadt Eisleben
Halle 14.8. Zeit und Ort bitte der Tagespresse entnehmen. Die Veranstaltung am Freitag in Halle wird um 18 Uhr stattfinden, voraussichtlich im Gemeindesaal der Domgemeinde.
Magdeburg 15.8., 11 Uhr Auslandsgesellschaft Sachsen-Anhalt e.V.Sitz im einewelt haus MagdeburgÖffentlichkeitsarbeit / Programme / ProjekteSchellingstraße 3-439104 Magdeburg
План Путіна. Що не день – то нові успіхи
Крістоф Брумме 17 липня, 2026, glavcom.ua
Все відбувається за планом. Це вперте путінське твердження давно вже стало в Україні крилатим жартом. Москва горить – план виконується. Тисячі російських танків та артилерійських систем планомірно знищуються – «Вітаю вас, товариші!». Чорноморський флот Росії цілком за планом скоротився на третину та був витіснений країною, в якої взагалі нема флоту. Виноградні равлики повзають швидше, ніж наступають російські солдати – саме такий темп було сплановано найкращими військовими фахівцями. Село на Донбасі «звільняли» кілька разів – планувальники вигадали собі інше. Раз по разу в Москві, цілком за планом, якийсь невидимий ворог знищує генералів. Йдуть нафтові дощі? Це геніальний план! Дрони та ракети атакують НПЗ по всій країні? Пропагандистські ЗМІ вітають ці події – це ж як чудово можна навчати ППО захищати об’єкти! За планом артилерії не вистачає снарядів на три дні, але за планом друг-диктатор з Північної Кореї надсилає дружню допомогу.“
https://glavcom.ua/publications/plan-putina-shcho-ne-den-to-novi-uspikhi-1131434.html
20 Jahre Tür an Tür !!!
„In einer Prozessakte fand ich einen Brief. Die Frau eines Mannes, der im September 1937 verhaftet und ermordet worden war, schrieb im Jahr 1957 an den KGB. Sie erzählte, dass zwei Tage nach der Verhaftung ihres Mannes einer der NKVD-Agenten, die ihn festgenommen hatten, in das Zimmer ihres Mannes eingezogen war.
Und, so schreibt sie 1957, zwanzig Jahre später: „Wenn er die Tür öffnet, sehe ich manchmal einige Sachen meines Mannes, die mir als Erinnerung sehr am Herzen liegen.“
Ihr Mann ist aufgrund „fehlender Tatbestandsmerkmale“ rehabilitiert worden.
Das bedeutet, dass der, der ihn verhaftet hat, schuldig ist. Aber sie wagt nicht, Gerechtigkeit zu fordern. Sie wohnt weiter mit dem Täter Tür an Tür.
Sie bittet (fast ein mutiger Akt), ihr diese Erinnerungsstücke zurückzugeben, die ihr so wertvoll sind.
Sie weiß, dass Gerechtigkeit absolut unmöglich ist. Das ist eine natürliche Gegebenheit.
Und damit lebt sie.
…
Straflosigkeit führt zu weiterer Straflosigkeit. So wird diese zur Normalität.
In den mehr als dreißig Jahren seit dem Ende der Sowjetunion hat Russland neue Staatsverbrechen begangen und neue Kolonialkriege begonnen.
Erstaunlicherweise haben die Gegner des Kreml-Regimes jedoch nie die Forderung nach Gerechtigkeit zu einem festen Bestandteil ihrer Agenda gemacht.
Die Opposition sprach in erster Linie von Korruption, von bürgerlichen Freiheiten, von gestohlenen Wählerstimmen. Aber nicht von Blut, ethnischen Säuberungen, massenhafter Folter und den zerstörten Leben der Tschetschenen.“
Straflosigkeit produziert Straflosigkeit
Über die Kontinuität von Terror und Krieg in Russland
Sergej Lebedew
https://zeitschrift-osteuropa.de/hefte/2026/1-2/straflosigkeit-produziert-straflosigkeit/
Japanische Mönche, Rekrutierung in der Ukraine und der Gefühlsbrei im Westen
Poltawa, 09.07.2026
In Japan soll es Mönche geben, die 40 Tage und Nächte lang schweigend im Kreis (sich) in Ekstase wandern. Allerdings dürfen sie sich zwischendurch auf einen niedrigen Schemel setzen, also nicht mit dem Rücken anlehnen und dabei nicht einschlafen. Meiner Erinnerung nach bekommen sie solche Pausen ein Mal pro Stunde für einige Minuten. (Die Frage, ob das gesund ist, beantwortet sich von selbst: Nicht für jeden.)
Warum musste ich an diese Geschichte denken, als ich von dem „Vorfall“ in Lviv las, wo „eine Menschenmenge ein offizielles Fahrzeug des TZK umgeworfen hatte“. TZK – das sind die Rekrutierer für das Militär.
„Nach Angaben der Polizei Lviv begann der Konflikt nach einer Überprüfung der Wehrpflichtdokumente eines 1996 geborenen Mannes, der seit dem 12. Juni wegen Verstoßes gegen die Wehrpflichtbestimmungen gesucht wurde.“
Die „Menge“ bestand wohl aus 20 – 30 Menschen.
Und jetzt geht die Diskussion wieder los, „in der Ukraine werden Männer gewaltsam zum Militär gezwungen“. Der „Diskurs“, wie man fein im Westen sagt.
In Hunderten internationale Talk-Shows werden Tausende Zeugen des Sofas das Für und Wider „erörtern“. Dabei ist die Praxis der Mobilisierung in der Ukraine, historisch gesehen, immer noch liberal. Aber unzählige Demagogen und Nutznießer des Bösen werden nach diesen Bildern ihr Level der Empörung steigern. Dutzende Millionen Menschen werden deren Meinungen hören, die nichts weiter sind als sprachlich geronnene Gefühle, also Vermutungen.
Man kann darauf wetten, dass in keinem einzigen ausländischen Medium ein Argumentations-Niveau erreicht wird, wie es in ukrainischen Medien üblich ist. Niemand wird den Bürgermeister von Lviv zitieren, der nach diesem Vorfall daran erinnerte, dass 58.000 Einwohner von Lemberg jetzt an der Front dienen.
Die westlichen Kulturen sind stark von Gefühlsbrei geprägt, wie das Preußentum vom Militarismus, wie Stalinismus und Putinismus von Mordlust. Kein Wunder, dass Westler und ruzzen ständig aneinander vorbeireden.
Was hat das mit den japanischen Mönchen zu tun? Ohne einen von ihnen zu kennen, obwohl ich sie nur vor vielen Jahren in einem Dokumentarfilm sah, bin ich doch überzeugt davon, dass diese Mönche nicht so gutgläubig und selbstverliebt sind wie typische moderne Westler. Sie bilden sich bestimmt nicht so schnell ein, „die Wahrheit“ über ein fernes Land zu kennen, in dem sie nie gewesen sind, dessen Sprachen und Geschichte sie nicht kennen. Nein, diese Mönche kann man nicht so leicht übertölpeln wie westliche Medienkonsumenten. Sie sind sicherlich keine Opfer ihrer Einbildungen, denn sie beherrschen ja ihre Körper und ihre Gefühle, sie formen sie und setzen sie bewusst ein.
Das Tragische ist: Es ist völlig unmöglich, auch nur einem Mikro-Prozent dieser verblendeten Westler klarzumachen, dass sie sich, wie man in meiner Kindheit gesagt hätte, auf dem Holzweg befinden. (Also auf einem Waldweg, der nicht der Verbindung zweier Orte dient, sondern ausschließlich zum Abtransport von Holz. Oder zur Entmüllung sprachlich geronnener Gefühle.)
Warum ist das völlig unmöglich? Ach, das ist ein zu weites Feld. Kurz gesagt: Wenn sie bereit wären, 40 Tage und Nächte lang schweigend im Kreis zu gehen, wären sie womöglich lernfähig.
Foto: Kloster Swjatohirsk, Oblast Donezk, 19.10.2023
Für unsere ausländischen Tagesgäste und Sofahelden / Die Dekadenz der Schönheit
B., Oblast Charkiw, 21.06.2026
Manchmal essen wir wie Könige. Wir haben einen eigenen königlichen Garten, indem wir allerdings selber pflanzen, jäten und ernten müssen, nein, dürfen. Wir haben unsere eigenen Schweine und Hühner, unsere Gänse und Ziegen. Und für den Lebensmut und den reinen Genuss haben wir Hunde und Katzen, alle natürlich mit eigener Persönlichkeit.
Wir essen wie Könige, wenn ein Freund einer Elite-Einheit Urlaub hat und mit uns fröhlich zusammen sein möchte. Dabei wurde gestern Abend auch so leidenschaftlich (und laut) diskutiert, dass niemand auf das Abwehrfeuer unserer mobilen Anti-Drohnen-Teams achtete. Was ich witzig fand, komisch. Nicht weit entfernt schießt in der Dunkelheit jemand für uns in den Himmel, damit wir Krebse essen können und nicht getötet werden. Krieg ist arbeitsteiliger Kampf um Leben und Tod, das darf man nicht vergessen.
Manche ausländischen Tagesgäste ordnen fröhliche Gesellschaften in Restaurants ja als Form der Dekadenz ein, aber ihr Gedankensprung ist zu kurz. (Das zum Matrosen geborene Kind lernt zwar schwimmen, aber nur in einer Pfütze.)
Man muss wissen, wer sich da erholt und in welcher Lautstärke und mit welchen Slogans und zu welchen Zwecken. Unser Kriegerfreund meint beispielsweise, es wäre schrecklich, wenn alle immerzu für die Verteidigung arbeiten würden, wenn alle Männer an den Fronten dienen würden, wenn es keine „Dekadenz“ mehr geben würde. Denn wie könnte er sich dann erholen? Wochenlang ist er in Lebensgefahr, dann hat er ein paar Tage Urlaub, um der schwangeren Gattin zu helfen und Freunde zu treffen. Er hat genug Geld, um sich etwas Gutes zu gönnen. Er will Konzerte hören, Theater und Museen besuchen, frohe Menschen am Strand sehen, vielleicht seiner Frau einen Diamantring kaufen.
„Müssen Männer in den Parks Blumen gießen? Wenn das Militär Männer braucht?“ Die so fragenden ausländischen Tagesgäste übersehen, dass die gleichen Männer, die Parks pflegen, auch brennende Häuser löschen nach feindlichem Beschuss. Dass sie mit ihren Maschinen Trümmer beseitigen und ihre Leben bei Rettungsarbeiten riskieren. Die Dekadenz der Schönheit ist nur das öffentlich Sichtbare.