Einladung an Professor Baberowski zu einer Radreise durch die Ukraine

Sehr geehrter Herr Professor Baberowski!
In Ihrem ZEIT-Artikel vom 13.03.2014 sprechen Sie der Ukraine im schwierigsten Moment ihrer Geschichte die Existenzberechtigung ab. Sie stellen die Frage, ob „man sich die Ukraine überhaupt als Nation ohne das (ehemals sowjetische) Imperium vorstellen“ könne. Die Ukraine sei „ein Kind der sowjetischen Nationalitätenpolitik“.
Sie sprechen von der Spaltung des Landes in einen Ost- und einen Westteil wie es im Tagesjournalismus üblich ist, aber keinesfalls der Wirklichkeit entspricht. Sogar in dem an Russland grenzenden Oblast Charkiw wird auf dem Land mehrheitlich Ukrainisch gesprochen, lediglich in der Gebietshauptstadt mehrheitlich Russisch. Und selbst in den russischsprachigen Gebieten im Südosten wünschte bisher nur eine Minderheit der Menschen einen Anschluss oder eine „Wiedervereinigung“ mit Russland, zumeist die ältere Generation. Russophon ist eben nicht identisch mit pro-russisch.
Auch im Donbass leben nicht nur ethnische Russen (von denen die meisten noch nie in Russland waren), sondern außer Ukrainern auch viele Angehörige anderer Nationalitäten, so in manchen Siedlungen bis zu einem Drittel Griechen.
Wo sollte oder könnte Ihrer Meinung nach denn die Ukraine geteilt werden? Entlang der Sprachgrenzen? Dann könnten auch die Russen in den Karpaten oder in Ushgorod an der slowenischen Grenze den Wunsch äußern zum russischen Imperium zu gehören. Soll Kiew ein neues Jerusalem werden? Sie schreiben, „in Kiew wurde das Imperium gegründet, und in Kiew wird es nun zu Grabe getragen“. Welches Imperium? Das sowjetische wurde doch wohl nicht in Kiew gegründet, sondern in Moskau?

An Ihrem Artikel fällt auf, dass Sie die letzten 25 Jahre ukrainischer Geschichte vollständig ausblenden. Sie beschreiben ausführlich die Zeit bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion, aber über die neuere ukrainische Geschichte verlieren sie kein einziges Wort. Für einen Historiker mag ein Vierteljahrhundert ja nur ein Wimpernschlag sein, für viele Ukrainer aber ist es die Hälfte ihres bewussten Lebens.
Wenn selbst gestandene Historiker das letzte Vierteljahrhundert aus ihren Analysen vollständig ausblenden und die aktuellen Ereignisse mit der Hungersnot von 1937 erklären, was will man dann von Tagesjournalisten erwarten?
Man stelle sich vor, ukrainische Journalisten wären in Bezug auf Deutschland beim Mauerfall stehen geblieben! Man würde sie mindestens als Stalinisten bezeichnen.

Inwiefern kennen Sie denn die Ukraine aus eigener Anschauung? Wie viele Dörfer und Städte haben Sie bereist? Offenbar ist Ihnen nicht bekannt, dass der sogenannte Sprachenstreit von den Ukrainern bis vor kurzen nicht zu den 30 wichtigsten Problemen des Landes gezählt wurde?
Als jemand, der die Ukraine in den letzten sieben Jahren 14 Mal mit dem Fahrrad durchquerte und dabei 25.000 Kilometer zurücklegte, kann ich Ihnen versichern, dass Ihre Behauptung vom gespaltenen Land nur ein Körnchen Wahrheit enthält.
Die meisten Ukrainer wissen sehr wohl zu schätzen, dass sie nicht in einem Imperium leben. Junge Männer sind sehr froh, dass sie ihren Militärdienst nicht im Kaukasus oder in Sibirien verrichten müssen.
Eine Bohrmaschine von Bosch bringt die Augen der Handwerker zum Leuchten, von einem Mercedes oder einem VW träumen viele Ukrainer, unbestechliche Verkehrspolizisten erscheinen ihnen wie Figuren aus dem Märchenland. Ich habe aber noch nie gehört, dass jemand ein aus Russland stammendes technisches Produkt lobte.
Die meisten Ukrainer würden zweifellos lieber von Angela Merkel regiert werden, als vom kleinen Diktator aus Moskau. Dass ein Staatspräsident wegen geringfügiger Vorteilsnahme aus dem Amt scheiden muss oder der Präsident des beliebtesten Fußball-Clubs wegen Steuerhinterziehung sich einem Gericht stellen muss, klingt auch in ostukrainischen Ohren einfach großartig.
Als kulturelles Vorbild dient den meisten Ukrainern tatsächlich Westeuropa, insbesondere Deutschland, und nicht der Polizeistaat Russland. Sie selbst sagen ja, „Putins Russland ist kein Modell für Frieden und Freiheit“.

Ich lade Sie ein, in diesem Sommer mit mir durch die Ukraine zu radeln. Als Radfahrende wird man uns in vielen Orten freundlich begrüßen. Dann können Sie meine Erfahrung teilen, dass sich in den letzten 25 Jahren in der Ukraine ein gesundes und gelassenes Nationalbewusstsein entwickelte. Ein gesundes, kein fanatisches, wie es von einer rechten Minderheit auf dem Majdan vertreten wurde. Denn sogar unter Janukowytsch war die Ukraine ein liberaleres Land als Russland – die Marihuana-Raucher aus Poltawa, etwa 100 Kilometer vor der russischen Grenze, werden Ihnen das gern bestätigen. Und eine politische Talk-Show wie „Schuster live“, in der Politiker aller Lager streng und tabulos befragt wurden, werden Sie im russischen Fernsehen vergeblich suchen.

Sie schreiben, Russlands Eliten falle der Abschied vom Imperium schwer. Ja, und? Den britischen Eliten fällt der Abschied vom Britischen Empire auch schwer. Hat Großbritannien deshalb das Recht, Indien zu okkupieren? Abgesehen davon, dass der Begriff „Eliten“ (überdurchschnittlich qualifizierte Personen) in diesem Zusammenhang mindestens geschmacklos wirkt – schließlich handelt es sich um eine brutale kapitalistische Geheimdienst-Kaste.
Sie behaupten, der Westen habe beim Konflikt mit Russland versagt, weil er „nicht im Ansatz die Geschichte der Ukraine begreift“. Desto besser aber scheint man im Westen die ukrainische Gegenwart begriffen zu haben – den Wunsch der Mehrheit der Bevölkerung, in einem demokratischen Rechtsstaat zu leben.

Es entspricht einfach nicht den Tatsachen, dass „die westlichen Regierungen nun darauf (bestehen), dass die Ukraine ein Nationalstaat des 19. Jahrhunderts sein müsse und dass Russland an der Beilegung von Krisen nicht beteiligt werden könne“. Denn nicht nur die westlichen Regierungen setzen sich für die Einheit der Ukraine ein, sondern es ist vor allem die Mehrheit der Ukrainer selbst. Und sogar nach der völkerrechtswidrigen Okkupation der Krim versuchen viele westliche Politiker, Russland in die friedliche Beilegung der Konflikte einzubeziehen.

Als Historiker haben Sie in Ihrem Buch „Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt“ die bemerkenswerte These aufgestellt, „wir müssen uns Stalin als einen glücklichen Menschen vorstellen“. Wenn Sie sich Wladimir Putin nach der Okkupation der Krim nun auch als glücklichen Menschen vorstellen, werden Sie verstehen, weshalb die Mehrheit der Ukrainer nicht von ihm regiert werden möchte.

Betreff: Jörg Baberowski, „Zwischen den Imperien“, DIE ZEIT 13.03.2014

Themen: Russland - Ukraine

8 Kommentare to “Einladung an Professor Baberowski zu einer Radreise durch die Ukraine”

  1. Natascha Roemer schreibt:
    18th.März 2014 um 17:24

    Lieber Herr Brumme, wieder mal ein echtes Highlight!

  2. Honigdachs schreibt:
    18th.März 2014 um 17:36

    Freut mich.

  3. pragerschwalbe schreibt:
    24th.März 2014 um 21:36

    Ukraine sollte,falls geteilt,am einfachsten entlang Dnepr geteilt werden.Eine Teil zur Polen und eine Teil zur Russland und wird Ruhe sein.Schöner Tag aus Prag von Pragerschwalbe.

  4. Honigdachs schreibt:
    27th.März 2014 um 08:47

    Noch ein Offener Brief an Prof. Baberowski: http://euromaidanberlin.wordpress.com/2014/03/25/ein-offener-brief-von-der-historikerin-anna-veronika-wendland/

  5. Volker Rau schreibt:
    4th.August 2014 um 21:15

    Heute wird die schwache Ukraine gegen das mächtige Rußland gehetzt – 1939 das schwache Polen gegen das mächtige Deutsche Reich.

    Damals wie heute geschah eine Mobilmachung (nach Völkerrecht eine Kriegshandlung!) durch den schwächeren der Kontrahenten hinter dem vermeintlichen Schutz des großen Bruders.

    Damals wie heute bediente sich der Westen auch extremer Nationalisten, um sein Ziel, den Druck auf den Feind, damals DR, heute P’s R, zu erreichen.

    Was wäre denn, wenn Putin ernst machte, und die Ukraine via Blitzkrieg einsackt? Weltkrieg? Atomkrieg? Hiroshima überall? Auch den Polen hat niemand gegen die Wehrmacht geholfen. England nicht, Frankreich nicht.

    Statt dessen nur ein Riesengeschrei: „Weltweite Empörung!“ Der Westen hat nämlich die rassistische Angewohnheit, sich selbst als pars pro toto, als ganze Welt hinzustellen.

    Ob die Eliten in Peking, in Neu-Delhi oder in Caracas wirklich einhellig empört sein werden, wenn der Stärkere durch einen kräftigen Knuff die Rangordnung klarstellt, das glauben wohl nicht mal die Propagandakader des Westens.

  6. Honigdachs schreibt:
    5th.August 2014 um 08:00

    Sehr geehrter Herr Rau!
    Ihre Interpretation erscheint mir etwas eigenartig. „Heute wird die schwache Ukraine gegen das mächtige Rußland gehetzt“? Aber die Ukraine greift doch nicht Russland an; es ist Russland, das Krieg gegen die Ukraine führt. Putin hat den Südosten der Ukraine zu russ. Territorium erklärt, haben Sie das nicht mitbekommen? Sehen Sie mal russ. und ukrain. TV-Sendungen zum Thema Kriegshetze – vielleicht revidieren Sie dann Ihre Meinung.

  7. Volker Rau schreibt:
    5th.August 2014 um 19:15

    Sehr geehrter Herr Brumme,

    vielleicht interessiert Sie, was aus us-amerikanischer Sicht Paul Craig Roberts zu sagen hat: http://www.antikrieg.com/aktuell/2014_02_21_geht.htm und andere Beiträge auf antikrieg.com.

    Prof. Baberowski bin ich schonmal für die Information dankbar, daß die westliche Hetze die Popularität Putins hat steigen lassen. Sogar seine Gegner wären in diesem Fall auf seiner Seite. (Im Gespräch mit Peter Voß ab 11:00 http://www.youtube.com/watch?v=-GA1HCftHX8 )

    Die enorme Popularität Hitlers ist ja heute nicht ganz leicht zu begreifen. Vielleicht hat ja die heuchlerische Hetze des Westens kräftig dazu beigetragen.

  8. Honigdachs schreibt:
    6th.August 2014 um 19:59

    Sehr geehrter Herr Rau, nein, das interessiert mich nicht. Bitte bleiben Sie beim Thema – bei Ihrer Behauptung, dass die „schwache“ Ukraine vom Westen auf das gruslig starke Russland gehetzt werde. Danke.

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