Jugendfreund
Berlin, 04.12.2025
Stoßseufzer eines Jugendfreundes: Ich will in die DDR zurück, in einen übersichtlichen Raum, wo nicht jeden Tag etwas Neues passierte, nicht alle durcheinander quatschten.
Ob ironisch oder ernst gemeint, ich kann den Mann verstehen, auch wenn ich seinen Wunsch nicht teile. In der DDR konnte man die Zahl der Parteien an fünf Fingern abzählen, die der Fernsehprogramme an zwei. Politische Ereignisse waren vorhersehbar, das Angebot an Waren überforderte niemanden. Reisefreiheit galt nur für Rentner und wenige Privilegierte, Meinungsfreiheit war zwar in der Verfassung garantiert, sie zu beanspruchen konnte aber böse enden. Einer, den sie in Berlin-Prenzlauer Berg Mozart nannten, hatte fünf Jahre im Bau gesessen, weil er die Meinung äußerte, die DDR sei wie ein Konzentrationslager mit Stacheldrahtzäunen und Minenfeldern gesichert.
Wenn man die Klappe hielt und brav die angeblich wissenschaftlichen Floskeln der Herrschenden nachplapperte und die Friedhofsruhe als höchsten Ausdruck der Lebendigkeit empfand, konnte man es in dieser „kommoden Diktatur“ aushalten.
Unter kritischen Geistern, unter Bürgerrechtlern und in Künstler- und Theatermilieus, zitierte man lieber den Satz von Ingeborg Bachmann,
„Die Wahrheit nämlich ist dem Menschen zumutbar“. Ein Anspruch, der Hoffnung machte und zu Reisen an unbekannte Ufer aufforderte.
Heute ertrinkt mein Jugendfreund in Informationen, sein Kopf will ihm platzen, weil er nicht entscheiden kann, welche der unendlich vielen Wahrheiten nun wirklich wahr sind. Er kann nicht in jedes Land fahren, das in den Nachrichten genannt wird, um die Nachrichten zu überprüfen. Er soll Leuten vertrauen, die er nicht kennt, nie treffen wird. Der Raum, in dem er sich orientieren soll, ist größer als seine Sinne erfassen können. Er kaut auf Begriffen herum, deren Geschmack und Inhalt er nicht einordnen kann. Er fühlt sich vom Virus des Westens infiziert. So wollte er nie werden wie diese postmodernen Westler, die alles bezweifeln und die Wahrheiten und Erkenntnisse als ausschließlich subjektive Angelegenheiten betrachten, als würde der Regen von von unten nach oben fallen und als sei ein Kriegsverbrechen kein Kriegsverbrechen oder nur eines aus der Perspektive des Opfers.
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