Auftrag erfüllt

B., Obast Charkiw, 25.12.2025
Drei Bataillone einer Brigade haben wir besucht, alle nördlich von Pokrowsk stationiert, in guten Verstecken, an unauffälligen Orten. Irgendwo in der Ferne ballerte dort immer wieder Artiellerie, unsere und feindliche. Die schwarzen Rauchfahnen am Himmel waren allerdings gar nicht so weit entfernt, nach meinem laienhaften Gefühl geurteilt. Die Kämpfer bezeichneten sie als „Feuer-Show“. – Gefahren werden oft verspottet, ein endloses Thema.
Man muss ziemlich viel Eintritt bezahlen, wenn man diese Feuer-Show sehen will. Die Miete für eines der Häuschen, in dem einige Kämpfer schlafen, ist völlig überteuert. Sie nehmen dem Eigentümer das Haus nicht etwa weg, sagen wir zeitweise. Was meines Erachtens legitim wäre oder sein sollte. Sie achten Recht und Gesetz und verhandelten mit dem Vermieter um einen vernünftigen Preis mit dem Argument, dass er doch, wenn sie nicht hier wären, von den ruzzen bereits enteignet worden wäre, oder sein Haus längst zerstört worden wäre. Dann würde er ja gar keine Miete bekommen. Nein, der Alte blieb hart, und sie akzeptierten das „notgedrungen“ – der Markt entscheidet.

Das waren die Geschenke, über die die Kämpfer sich besonders freuten: Kinderzeichnungen; dicke handgestrickte Strümpfe; von den Babuschkas mit Liebe zubereitete Warinikis.

Zusammen mit Anatoli und mir war auch eine Marina mitgekommen, ebenfalls Volontärin, aber nicht in unserer NGO, sondern in einer rein ukrainischen aus der Kreisstadt L. Das ist ein wichtiger Unterschied. Unsere internationalen Kontakte steigern natürlich unsere Möglichkeiten. Andererseits arbeiten Menschen wie Marina (oder Anatoli) ständig „am Limit“, und das freiwillig und kostenlos. Sie haben kaum die Kraft, solche Kontakte zu suchen, denn dafür braucht man ja auch Übersetzer, Berater, Helfer.
Ein undendliches Feld …, wie man sich besser „vernetzen“ kann.
Manchmal merkt man, dass wir fast alle keine ausgebildeten Wirtschaftsleute und Organisatoren sind. Manchmal zerstört „Aktionismus“ oder „alleiniges Vorpreschen / mangelndes Teamworking“ einen klugen Plan, in dessen Umsetzung man schon viel Zeit investiert hatte. Manchmal hat man ein Brett vor dem Kopf oder ist einfach müde …

Mein Interview mit Radio Bremenhabe ich von unterwegs geführt, es ist gut gelaufen, der Redakteur war sehr zufrieden. (Überhaupt sprechen sie immer sehr freundlich mit mir, und sie stellen immer interessante Fragen, auch mich zum Denken anregende.)
Ich saß dabei im Auto auf einer Wiese kurz vor Pawlograd. Ein bisschen stolz bin ich auf meine spontane Antwort nach der Frage, warum Ukrainer diesen Widerstand leisten, diese Kraft haben.

„Aus Liebe zu ihrer Heimat, zu diesem schönen Land“, sagte ich, – „und aus dem Wissen über die Geschichte, was ihnen drohen würde, wenn ruzzland gewinnen würde“ und nannte Beispiele. Ich erinnerte auch an die Massenmorde unter Stalin, die Genozide in der Ukraine, an deren drohende Wiederholung, damals wie heute in Moskau geplant, in den gleichen Gebäuden Kreml und Lubjanka, von den Urenkeln von damals. Für Deutsche ist das kaum vorstellbar, dieser ukrainische INSTINKT, nicht schon wieder von Moskowitern gequält zu werden. Deutsche war nie Opfer eines Genozids, nie drohte ihnen einer, das merkt man ihnen an.

Heute glaubte ich bei X zu lesen, jemand habe ruzzlands 97 Kriegsmotive und -ziele aufgelistet. Endlich hat es jemand begriffen, dachte ich. Endlich hat jemand interdisziplinär gedacht. Endlich nicht mehr schachliche Kreisklasse, endlich Europa-Liga, ach, Welt-Liga. 97 Kriegsmotive und -ziele, nicht eins oder maximum fünf.
Doch es war ein Irrtum, ich hatte mich verlesen. Die Zahl 97 war nur die Nummerierung des Begriffs Kriegsgründe in einer völlig anderen Liste.

Themen: Russland - Ukraine

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