Ein Gummirücken. Erinnerung.
Kriegstagebuch, Poltawa, 27.01.2026
90er Jahre, Buchmesse in Frankfurt. Der Cheflektor eines großen Verlages bringt den jungen Autor zu einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Eine Premiere für den Neuling, ein Live-Interview. Er fürchtet zu stottern, keine verständlichen Antworten geben zu können, sich zu verheddern. Der Cheflektor grüßt auf dem Weg dorthin alle paar Meter jemanden, bekannte Journalisten und Autoren; manche Gesichter kennt der junge Mann aus dem Fernsehen oder von „publikumswirksamen“ Veranstaltungen.
Der Cheflektor tröstet unterwegs eine Literaturagentin, die soeben in einer der wichtigsten Zeitungen des Landes als korrupt und intrigant dargestellt worden war. Es ist in diesem Moment der lauteste Skandal der Messe, im Literaturbetrieb kennt fast jeder diese Frau und ihren großen Einfluss. Sie arbeitet mit dem auflagenstärkstem Buchkonzern zusammen, ihr Gatte ist Leiter eines weltweit arbeitenden Kultur-Instituts. Der Cheflektor bezeichnet den Artikel als Schweinerei und Frechheit, er sei voller haltloser Anschuldigungen. Die Frau dankt für den Zuspruch, der junge Autor blickt diskret zu Boden. Freundlicher Abschied, man sieht sich.
Nach wenigen Minuten treffen die beiden ungleichen Gestalten den Autor dieses Artikels. Der Cheflektor gratuliert ihm zu seinem Mut und zu seiner gedanklichen Klarheit. Es sei wichtig, auf die „Kollision von Interessen“ hinzuweisen. Denn im Literaturbetrieb werde zu viel gemauschelt.
Der junge Autor blickt zuerst wieder diskret zu Boden, dann dem Skandalautor ins Gesicht. Der Mann ist kaum älter als er, und er hat jetzt „fast alle seine Karrierechancen verschenkt“, wie der Cheflektor im Gespräch mit der beschuldigten Agentin gemeint hatte. Jetzt sagt der Lektor dem Autor, dass dessen Karriere „wie eine Rakete abgehen“ werde. Er habe jetzt für immer einen Namen im Literaturbetrieb.
Der junge Autor weiß nun, was das Wort seines Cheflektors wert ist, nämlich weniger als nichts. Jetzt bereut er, dass er mit diesem Verlag einen Buchvertrag unterzeichnet hat. Der Chef kommentiert seinen Verrat nicht, nachdem sie sich vom Skandalautor verabschiedet haben.
Der junge Autor erzählt in dem Interview tatsächlich ziemlich wirres Zeug, er verstolpert einige Sätze, seine Stimme zittert.
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