Zwischen Liebe und Ekel
B., Obast Charkiw, 23.12.2025
Manchmal ist es schwer zu begreifen wie wir leben. Zwischen Liebe und Ekel.
Zum Beispiel heute: Mein Freund Anatoli hat Geburtstag. Wir feiern mittags zusammen mit unserer Frauenbrigade, den fleißigen Netzeknüpferinnen. Viele Lobreden werden auf Anatoli gehalten, denn er ist wirklich ein beeindruckender Mensch, ein großartiger Organisator, verantwortungsvoller Tierarzt. Bis in die Nacht hinein hat er gekocht, u.a einen riesigen Topf mit Plov, um alle Gäste bewirten zu können.
Anatolis schönstes Geburtstagsgeschenk ist ein Foto von einer Rakete, auf die befreundete Soldaten schrieben: Schöne Grüße von Anatoli.
Auf dem Weg nach Hause hören wir einen heftigen Knall. Wir erschrecken uns, halten das Auto an, suchen den Himmel ab nach der Ursache des Geräuschs, können nichts sehen, fahren weiter. Wenige Minuten später erhalten wir die Information: eines unserer Flugzeuge hat eine Rakete abgeschossen! Hurra!
Zuhause warten schon die Vertreter der Brigade auf uns, die das von Rainer Grieben gespendete Schweißgerät bekommen. Der verantwortliche Techniker kämpft schon seit 12 Jahren!, erzählt er.
Zwischendurch lese ich auf X, dass einer meiner FB-Freunde, ein Journalist, bösartige Gerüchte über das ukrainische Militär verbreitet / kommentarlos weiterleitet.
Im Gegensatz zu den Medienberichten seien Militärkommandeure angeblich eher als Selenskyj bereit, Gebiete abzutreten. Sein politisches Überlebensinteresse decke sich angeblich nicht mit dem nationalen Interesse. Selenskyjs Missmanagement des Krieges und die Korruption machten ihn bei den Verteidigern äußerst unbeliebt; diese sollen angeblich „offen von einem Staatsstreich sprechen, haben aber keinen Anführer“.
Starker Tobak also, natürlich ohne Belege. Ich treffe regelmäßig Leute vom Militär, auch Kommandeure, aber von Putschgerüchten habe ich noch nie gehört, kann mir auch nicht vorstellen, dass solche Absichten bestehen. Ohnehin – bestünden solche Absichten, würden sie wohl kaum an die Öffentlichkeit dringen.
Warum verbreitet ein Journalist / Reporter solche Behauptungen? Eine müßige Frage. Vor einiger Zeit hatte ich diesem Nutznießer des Bösen noch öffentlich widersprochen, als er vor Eitelkeit und Selbstverliebtheit strotzende Fehleinschätzungen abgegeben hatte, die seine Kompetenz deutlich überschreiten. Inzwischen spare ich mir diese Energie und konzentriere mich lieber auf die konkreten Hilfen, die ich hier leisten kann. Soll doch jeder selbst sein Tun vor seinem Gewissen verantworten, falls er so etwas hat.
Morgen fahren wir in eine heißere Zone zu einer Brigade, um dringend benötigte Sachen zu überbringen. Unser Weihnachtsfest. Aber der Feind macht ja an Weihnachten keine Pause. Außerdem habe ich morgen noch ein Interview für Radio Bremen.
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Geheimes Kriegstagebuch
Privileg: Etwas zu wissen, was (noch) nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Beispielsweise erzählte mir A. von einem sensationellen Erfolg unserer Freunde an der Donbas-Front. So sensationell, dass das Ereignis meines Erachtens in den Nachrichten hätte gemeldet werden müssen. Ich kann keinen Grund erkennen, warum es verschwiegen werden sollte. Mein Freund A. wurde persönlich von einem der beteiligten Artilleristen darüber informiert, deren Kommandeur hat schon allen gratuliert. Intern wurde der Erfolg offiziell bestätigt. Aber eine öffentliche Bestätigung finde ich nicht, obwohl es doch eine Spitzenmeldung sein sollte. Seltsam.
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