Kriegstagebuch, Poltawa, 01.05.2026

Eine Phrase, aber eine hilfreiche: Der Krieg zeigt, was du für ein Mensch bist.
1. Beispiel.
März 2022. Ich treffe Dima auf der Straße, ein Nationalist. Er hat mich mal zu einem – halb konspirativen – Meeting eingeladen, zum Prawyj Sektor. Natürlich bin ich hingegangen, schon aus Neugierde. Wie früher in Bergwerken schlagen die Nationalisten ja oft wie „Kanarienvögel“ Alarm, sie haben feine Sinne und können Gefahren oft früher als gleichgültige oder müde Leute wittern. Sowieso respektiere ich Menschen, die bereit sind, ihr Leben für ihre Freiheit hinzugeben, also „bis zum letzten Blutstropfen“ aufrecht stehend zu kämpfen. (Nebenbei: Und weshalb mir so so viele Westler, so viele Sofa-Tiger, immer fremd geblieben sind, sprich: ich sie insgeheim verachtet habe.) Nun, unser Dima gab sich kampfbereit. Er habe geholfen Molotow-Cocktails, Pardon, Bandera-Smoothies, vorzubereiten, um die Sumpfgeschöpfe aus dem Norden angemessen zu empfangen, erzählte er mir. Ich sagte ihm, dass sie die Flaschen falsch lagern, nämlich vor dem „I love Poltawa“-Schild alle auf einem Haufen. Wenn da eine Rakete hinfliege, stünde der halbe Berg in Flammen. Er bat um Unterstützung, ich gab ihm umgerechnet 200 Euro. Und wenige Tage später war er verschwunden. Er war ins Ausland gereist. Irgendeine körperliche Einschränkung hatte ihm die Ausreise ermöglicht. Ich bin kein Richter, ich registriere es nur. Wenn ich von seinem Plan gewusst hätte, hätte ich ihm kein Geld gegeben.
2. Beispiel. Andrij, ebenfalls Nationalist. Ein unglaublich dicker Mensch. Er hatte sich als Freiwilliger gemeldet und schon gekämpft, als wir uns im Sommer 2022 auf der Straße trafen. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass er schnell laufen konnte angesichts seiner körperlichen Fülle, zumal mit all dem militärischen Gepäck. Wenig später kam die Todesnachricht.

Wo keine Wahl ist, da ist kein Urteil, schrieb der Philosoph Jacob Taubes (wohl im Briefwechsel mit Carl Schmitt). Als Jude hätte er im III.Reich nicht in Versuchung geraten können, bei den Hitleristen zu dienen. Deshalb habe er auch nicht das Recht, Nationalsozialisten moralisch zu verurteilen.
Zweifellos harter Tobak. Die Aussage unterläuft alle Gesten der Empörung. Ich nutze sie seit langem als eine mögliche Perspektive. Jetzt in diesem Krieg gilt aber für mich: Ich habe die Wahl, ich könnte ausreisen, aber ich diene mit meinen bescheidenen Möglichkeiten freiwillig, aus vielerlei Gründen. Auch aus ganz banalen Gründen, wie etwa dem, dass es mir in Deutschland zu langweilig wäre, angesichts der dortigen schaumgebremsten Konflikte. Oder aufgrund meines Alters, weil ich schon ein fantastisch schönes Leben gehabt habe. Aber weil ich die Wahl habe darf ich jene nicht verurteilen, die sie nicht haben, die im Ernstfall sich tödlichen Gefahren aussetzen MÜSSEN, und die sich deshalb verstecken oder weglaufen. Natürlich schätze und liebe ich jene, die freiwillig bleiben und kämpfen und helfen, mehr. Oder wie ein Freund aus Kyiv neulich sagte: Man entfremdet sich. Was hat deren Leben in Prag oder Paris noch mit unserem zu tun?


Themen: Russland - Ukraine

Kommentare geschlossen.

  • Honigdachs-Galerie

  • Themen