Japanische Mönche, Rekrutierung in der Ukraine und der Gefühlsbrei im Westen
Poltawa, 09.07.2026
In Japan soll es Mönche geben, die 40 Tage und Nächte lang schweigend im Kreis (sich) in Ekstase wandern. Allerdings dürfen sie sich zwischendurch auf einen niedrigen Schemel setzen, also nicht mit dem Rücken anlehnen und dabei nicht einschlafen. Meiner Erinnerung nach bekommen sie solche Pausen ein Mal pro Stunde für einige Minuten. (Die Frage, ob das gesund ist, beantwortet sich von selbst: Nicht für jeden.)
Warum musste ich an diese Geschichte denken, als ich von dem „Vorfall“ in Lviv las, wo „eine Menschenmenge ein offizielles Fahrzeug des TZK umgeworfen hatte“. TZK – das sind die Rekrutierer für das Militär.
„Nach Angaben der Polizei Lviv begann der Konflikt nach einer Überprüfung der Wehrpflichtdokumente eines 1996 geborenen Mannes, der seit dem 12. Juni wegen Verstoßes gegen die Wehrpflichtbestimmungen gesucht wurde.“
Die „Menge“ bestand wohl aus 20 – 30 Menschen.
Und jetzt geht die Diskussion wieder los, „in der Ukraine werden Männer gewaltsam zum Militär gezwungen“. Der „Diskurs“, wie man fein im Westen sagt.
In Hunderten internationale Talk-Shows werden Tausende Zeugen des Sofas das Für und Wider „erörtern“. Dabei ist die Praxis der Mobilisierung in der Ukraine, historisch gesehen, immer noch liberal. Aber unzählige Demagogen und Nutznießer des Bösen werden nach diesen Bildern ihr Level der Empörung steigern. Dutzende Millionen Menschen werden deren Meinungen hören, die nichts weiter sind als sprachlich geronnene Gefühle, also Vermutungen.
Man kann darauf wetten, dass in keinem einzigen ausländischen Medium ein Argumentations-Niveau erreicht wird, wie es in ukrainischen Medien üblich ist. Niemand wird den Bürgermeister von Lviv zitieren, der nach diesem Vorfall daran erinnerte, dass 58.000 Einwohner von Lemberg jetzt an der Front dienen.
Die westlichen Kulturen sind stark von Gefühlsbrei geprägt, wie das Preußentum vom Militarismus, wie Stalinismus und Putinismus von Mordlust. Kein Wunder, dass Westler und ruzzen ständig aneinander vorbeireden.
Was hat das mit den japanischen Mönchen zu tun? Ohne einen von ihnen zu kennen, obwohl ich sie nur vor vielen Jahren in einem Dokumentarfilm sah, bin ich doch überzeugt davon, dass diese Mönche nicht so gutgläubig und selbstverliebt sind wie typische moderne Westler. Sie bilden sich bestimmt nicht so schnell ein, „die Wahrheit“ über ein fernes Land zu kennen, in dem sie nie gewesen sind, dessen Sprachen und Geschichte sie nicht kennen. Nein, diese Mönche kann man nicht so leicht übertölpeln wie westliche Medienkonsumenten. Sie sind sicherlich keine Opfer ihrer Einbildungen, denn sie beherrschen ja ihre Körper und ihre Gefühle, sie formen sie und setzen sie bewusst ein.
Das Tragische ist: Es ist völlig unmöglich, auch nur einem Mikro-Prozent dieser verblendeten Westler klarzumachen, dass sie sich, wie man in meiner Kindheit gesagt hätte, auf dem Holzweg befinden. (Also auf einem Waldweg, der nicht der Verbindung zweier Orte dient, sondern ausschließlich zum Abtransport von Holz. Oder zur Entmüllung sprachlich geronnener Gefühle.)
Warum ist das völlig unmöglich? Ach, das ist ein zu weites Feld. Kurz gesagt: Wenn sie bereit wären, 40 Tage und Nächte lang schweigend im Kreis zu gehen, wären sie womöglich lernfähig.
Foto: Kloster Swjatohirsk, Oblast Donezk, 19.10.2023
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