Dieser Schei … Krieg
Poltawa, 25.08.2026
Erschreckend, aber das Geballere, Gepfeife, Gezische und Gebrumme in den Todeszonen Zweiten Grades im Oblast Charkiw hat mich in diesen Tagen kaum noch erschreckt. Jedes Mal bin ich kurz aufgeschreckt, ja, aber nicht tief getroffen worden, nicht zusammengezuckt. Denn nie bin ich dann allein, stets von FACHKUNDIGEN Freunden umgeben. Schnell ordnen sie die Geräusche kompetent ein. Sie verstehen, in welche Richtung etwas fliegt, von uns weg oder auf uns zu, in welcher Entfernung und Höhe, womit geschossen wurde und was da fliegt, Jagdflieger, Rakete, Artillerie, Panzer, Übung oder echt. Die Ohren lesen die Geräusche des Krieges. Wenn man etwas fliegen hört UND auch sieht, dann ist, auf Deutsche gesagt, die Kacke meistens am Dampfen. Gar nicht gut. Menschengemachte Vögel oder Kondensstreifen, bevor du den Knall hörst kannst du schon tot sein.
Meine geschulten und erfahrenen Freunde erkennen, wann unsere Abwehr etwas abgeschossen hat, in der Luft natürlich, und das ist jedes Mal eine unglaubliche ingenieurtechnische Leistung, die wir stets mit Gesten und Lauten der Zufriedenheit feiern. Mein Freund Anatoli zeigt mir auf unseren Fahrten oft Meter breite Brandstellen auf Feldern und Wiesen. „Da ist eine Drohne heruntergefallen.“ – „Und wieder eine Drohne.“ Und neben dem Feldweg sieht man Dutzende glitzernde Kupferfaserdrähte, die das Sonnenlicht spiegeln und blinken. Fasern, die dünner sind als ein menschliches Haar, die man aber nicht mit bloßen Händen zerreißen kann, jedenfalls wir können es nicht. Aber wenn man in eine Faser eine fingerdicke Schlaufe wickelt, lässt sie sich seltsamerweise brechen. Das kann eventuell lebensrettend sein, kein Witz, nämlich für den glücklichen Fall, dass die Faser sich verheddert und man die Ruhe bewahrt, um tatsächlich eine Schleife hinein zu binden.
Diese harten Übergänge! Vom Donbas in die Schweiz nach Luzern, dann Bamberg in Bayern (Verzeihung, Franken), dann Ostdeutschland, Lutherstadt Eisleben, Erfurt, Magdeburg, und von Berlin innerhalb von fünf Tagen wieder in den Oblast Charkiw, wieder ins tödliche Gezische und Gepfeife. Ziemlich brutal eigentlich.
Immerhin konnten wir einige wichtige Projekte weiter bearbeiten, auch dank der produktiven Zusammenarbeit mit unseren Partnern aus der Schweiz. Wir wollen tatsächlich ein Tierheim bauen für Straßenhunde und Katzen! So human sind wir auch im Krieg, so tierlieb. Ich staune selbst, dass wir dafür „Kapazitäten“ haben sollen und wahrscheinlich bekommen sollen. Viele Menschen in den Siedlungen beschreiben die Straßenhunde als Problem, wohl wissend, dass die Hunde ja nicht schuldig sind. Sie kommen aus Slowjansk und Kramatorsk zu uns herüber, aus zerschossenen Häusern, vielleicht von getöteten Besitzern „verlassen“.
Tierliebe und Menschenliebe bedingen einander. Wir haben Freunden im Wald Wasser und Speck und Eier und nützliche Dinge gebracht, da waren zwei Kätzchen, deren Anwesenheit änderte die Szenerie grundlegend. Wir sprechen über die Arbeit, über das Eingraben, über das Zurechthacken der Balken, über die Tarnung und die Verteidigung der Stellung, die Verteilung der Technik – und ständig streift eines der beiden Kätzchen durch unsere Beine oder legt sich auf unsere Arme und Beine. Auch von uns Gästen lässt sich die eine gerne kraulen, während die andere voran läuft, aufmerksam nach vorne sehend, wie eine Minenspürkatze.
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