Russland – Ukraine

Grässlich

Wir sind in einer zerschossenen Siedlung im Donbas. Ein Flieger der Sumpfgeschöpfe aus dem Norden versprüht Phosphor über dem Waldstreifen vor uns. Wir suchen in der Ruine eines Hauses Schutz, unter den starken Betontreppen am Eingang. Die Luft ist brennend heiß, ich kann kaum atmen. Mein Freund reißt sich die Kleider vom Leib und setzt sich hin. Sein Rücken ist mit blutenden Striemen überzogen. Sein Gesicht ebenfalls. Meins auch, sagt er. Ich will mit dem Smartphone einen Notruf absetzen, tippe auf das Glas. Dabei verformt sich das Gerät, das Glas ist weich wie Brei. Wir laufen ins Dorfzentrum vorbei an Ruinen. Ich erinnere mich, dort eine Apotheke gesehen zu haben. Die Tür zur Apotheke steht offen, doch in dem rußgeschwärzten Raum sind nur drei Soldaten. Sie haben keine Medikamente oder nicht genug, um uns zu helfen. Wir laufen weiter und treffen zwischen den Mauern eines Hauses Freunde aus Poltawa. Sie übergießen uns mit kaltem Wasser. Ich wache auf.

Aufruf

Liebe Freundinnen und Freunde!
Seit vier Jahren kämpfen wir ums Überleben. Russland versucht uns in die Steinzeit zu bomben. Aber wir geben nicht auf. Wir verteidigen unsere Freiheit und die Freiheit Europas.
In unserer Hilfsorganisation „Einheit Blisnjuki“ im Oblast Charkiw sind alle Freiwilligen hoch motiviert. Denn die nächste Front ist nur knapp vierzig Kilometer entfernt. Niemand will unter russischer Besatzung leben. Wir fahren regelmäßig in „heiße Zonen“ und unterstützen Dutzende Brigaden, aber auch geflohene Menschen, Invaliden und kinderreiche Familien.
In diesem Jahr konnten wir schon fünf Evakuierungsfahrzeuge kaufen und übergeben. Und einen in der Schweiz gespendeten Mercedes-Sprinter speziell für Invaliden- und Rollstuhltransporte kann ich demnächst in Lviv abholen.
Wir brauchen derzeit aber auch viel Material für Tarnnetze, Kosten 1000 Euro pro Monat, außerdem 25 Schlafsäcke, Powerbanks und Starlinks. Viele Hilfsgüter können zwar durch die Spenden der Einheimischen finanziert werden. Aber das reicht bei weitem nicht aus.
Deshalb: Es wäre großartig, wenn ihr unsere Arbeit unterstützen könnt! Jede Spende zählt. Unabhängig von der Höhe hilft jeder Beitrag, konkrete Not zu lindern und Hoffnung zu schenken.

Wir freuen uns sehr, dass Alexander Schumski und Interbridge Nürnberg e.V. mit uns zusammenarbeiten wollen. Alexander und die anderen Freiwilligen bringen regelmäßig Hilfsgüter in die Ukraine.
Spenden bitte an:
Interbridge Nbg e.V.
IBAN: DE44 7605 0101 0013 7063 12
BIC/SWIFT: SSKNDE77XXX
Zweck: Hilfe Donbas

Herzlichen Dank!

Im Chatroulette

Von neunzig ruzzländischen Soldaten sind nach drei Wochen noch sechzehn zurückgekehrt. Die anderen düngen ukrainische Erde. Der Mann, der das erzählt, will nach Hause zu seiner Frau und zu seinem Sohn in Kaliningrad. Er wünscht sich eine Verletzung, die ihm die Heimkehr ermöglichen soll.
Kalinin war der Schreibtischmörder, der den Befehl zur Deportation der Wolga-Deutschen unterschrieb. Den Befehl hatte ich vor etlichen Jahren im Museum der Deutschen in der Stadt Engels an der Wolga selbst gesehen. Wenige Schritte neben dem Museum stand ein Kalinin-Denkmal, vor dem frische Blumen lagen. Und natürlich steht es dort auch heute noch.

Frauenraub, Verzwergung der ruzzen, Stasi-KGB-FSB-Mafia

Kriegstagebuch, Poltawa, 31.01. – 03.02.2026
Die Sirenen heulen wieder. Fast habe ich diesen Ton schon vermisst. Die Sumpfgeschöpfe aus dem Norden greifen an. Angeblich sollen sie dem Manjak in Washington versprochen haben, uns eine Woche lange nicht in die Steinzeit zu bomben. Vielleicht werden sie „nur“ unsere Häuser beschießen, „nur“ Krankenhäuser, „nur“ friedliche, schlafende Menschen töten. Oder „nur“ Cyber-Attacken auf unsere Energieanlagen starten, damit wir geräuschlos erfrieren.

Dabei wollte ich jetzt über putin-ruzzlands 97 Kriegsgründe schreiben, insbesondere über die meist unterschätzten bzw. übersehenen – über „Frauenraub“ und über die körperliche Verzwergung der ruzzländischen Bevölkerung.
Frauenraub ist bekanntlich einer der ältesten Kriegsgründe der Menschheit. Nun haben die Westler seit dem Zusammenbruch des Vielvölkergefängnisses UdSSR zig-zehntausende ruzzländische Frauen zwar nicht geraubt, sondern nur verführt und „entführt“, u.a. indem sie ihnen – Stichwort Heiratstourismus – einen besseren Lebensstandard anboten als es durchschnittliche ruzzländische Männer hätten tun können, und indem sie ihnen glaubwürdig versicherten, dass es bei ihnen im Westen nicht üblich sei, Frauen zu verprügeln oder tot zu schlagen, aber – großes Aber – auf ruzzländische Männer wirkte es so, als würden westliche Männer „ihre“ Frauen rauben / entführen. (Aus „meiner“ Seminargruppe in Saratow hat meines Wissens die Hälfte der Mädels in den Westen und in die Türkei geheiratet.) Dies dazu.
Und die Verzwergung ist ein kaum bekannter Fakt. Rekruten im ruzzländischen Militär sind Jahr für Jahr kleiner, so eine Statistik des ruzzländischen Generalstabs, die vor einigen Jahren sogar Ria Novosti veröffentlichte. Sigmund Freud lässt grüßen. Wie peinlich für das „Siegervolk“, die Möchtegern-Beherrscher der Welt, den „Gendarm Europas“, dass sie aufgrund von Alkoholismus , schlechter Ernährung und negativer Auslese – inzwischen kleiner sind als durchschnittliche Asiaten, wie damals das Autorenkollektiv der ruzzländischen Nachrichtenagentur zerknirscht / beleidigt (?) schrieb.
Natürlich hassen die ruzzen die erfolgreicheren, besser lebenden Westler und die freiheitsliebenden Ukrainer auch aus diesen Gründen. Das versteht sich doch von selbst.

«Deutschland hat die imperialistische Politik des Kremls mehrheitlich unterstützt»

NZZ, 01.02.2026: Mehr als bloss ignorant: «Deutschland hat die imperialistische Politik des Kremls mehrheitlich unterstützt», sagt der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk
„Deutschland fällt es bis heute schwer, Russland als Aggressor zu begreifen. Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt, wie die Verklärung von Gorbatschow, Schuldgefühle und ein grundlegendes Unverständnis Russlands zu einer fatalen Realitätsverweigerung geführt haben.“

Verquikung von Welt- und persönlicher Geschichte in wenigen Zeilen:
NZZ: „Warum kümmerte dies eine Mehrheit nicht (ruzzlands Überfall 2014 auf die Krim)?»
Ilko-Sascha Kowalczuk: „Weil die deutsche Öffentlichkeit das als einen innersowjetischen Konflikt sah, als einen Bruderkrieg. Man hat gar nicht gewusst, dass die Ukraine das grösste Land Europas ist, wo dieses Land überhaupt liegt oder wem die Krim gehört. Dabei sind die Staatsgrenzen beim Budapester Memorandum 1994 von allen akzeptiert worden. Mir tut das besonders weh. Ich habe einen ukrainischen Grossvater, der für seinen Kampf um eine freie Ukraine zum Tode verurteilt worden ist. (!) Doch in der DDR war ich für alle der Russe. (!) Die (Ostdeutschen) haben die Sowjetunion so gehasst, dass es vollkommen wurst war, ob man aus Tadschikistan, Russland oder der Ukraine stammte.»

Schreckliche Ein- und Aussichten:
Ilko-Sascha Kowalczuk: „… die meisten Menschen im Osten (Deutschlands) haben nie gelernt, dass man sich in einer freiheitlichen Demokratie selber um die Probleme kümmern muss. Die erwarten immer noch, dass der Staat alles für sie regelt. Und so schimpfen alle und kommen aus diesen Erregungsspiralen nicht heraus. Einen Ausweg aus dieser Destruktionswut sehe ich ehrlich gesagt nicht. Wir stehen an der Pforte zum autoritären Zeitalter. …

Wenn Putins Armee morgen vor Warschau stünde, hätte Deutschland ein Riesenproblem. Die Mehrheit würde kapitulieren und weisse Flaggen hissen. Und diejenigen, die Widerstand leisteten, würden gehasst.»

Heilige Einfalt (Leider ekliges Thema)

Kriegstagebuch, Poltawa, 31.01.2026
Dieser junge deutsche Mann (Podcaster Ole Nymoen) würde lieber unter ruzzischer Besatzung leben, als gegen die ruzzen zu kämpfen – „für den deutschen Staat“, wie er sagt; „für seine Nächsten und Liebsten“ würden nicht verblendete Menschen sagen.
„Sie glauben, dass, wenn dort Frieden irgendwann (ent-)steht, dass dann permanent alle weiter vergewaltigt und massakriert werden?“, fragt er. (ab min. 15:25)

1. Die Besatzer fürchten aber, dass jeder Nicht-ruzze ein Feind sein kann, also kann ihrer Meinung nach auch jeder massakriert werden.
2. Der junge Mann ist nicht hässlich, ihn werden die Besatzer womöglich lieber vergewaltigen als einen Opa wie mich.
3. Einen Mann oder eine Frau zu massakrieren, kann viele andere einschüchtern. Deshalb: Schon um zu zeigen, dass sie jedes Verbrechen straflos begehen können, werden die Besatz dies tun. Und weil es ihrer „Kultur“ entspricht. Und das ist keine Frage des Glaubens.

Ein Mensch mit Selbstachtung könnte einfach sagen: Allein, um diese Risiken zu vermeiden, kämpfe ich für meine Freiheit und Selbstbestimmung, und für die meiner Nächsten und Liebsten, meiner Nachbarn und Mitmenschen. Egal, ob das Staatswesen nun seinen Idealen entspricht oder nicht.

Mein Schatz an Erfahrungen

Neun Jahre bin ich durch die Ukraine geradelt, fast 30.000 Kilometer. Manchmal fragten mich Menschen komische Dinge. Zum Beispiel: Ob das nicht langweilig sei, so allein durchs Land zu radeln. Die kurze, freche Antwort hätte natürlich lauten können: „Aber ich bin doch nicht allein, ich rede doch jetzt mit Ihnen!“
Außerdem bin ich gern mit mir allein. Mein Rekord: Drei Wochen, ohne eine Menschenseele zu sehen – im Sommer 1989 in einem Weiler in Mecklenburg-Vorpommern, damals Bezirk Mecklenburg. Manchmal fühlte ich mich wie besoffen von meinen Lektüren,
die Barpianisten und Tanzlehrer hießen Nietzsche, Marx, Kleist.
Seitdem weiß ich: das Alleinsein ermöglicht ein rauschhaftes Leben, eine Reise zu sich selbst, zu ganz neuen Erkenntnissen. Ich schrieb mein erstes Buchmanuskript „Die Anatomie des Scheins / Weshalb der Sozialismus nicht reformierbar ist“. Letztlich nur eine Schreib- und Denkübung, aber ich erschrieb mir Selbstbewusstsein für künftige Bücher. Als ich das Manuskript dann nach der Erstürmung der Mauer einem Hamburger Verlag anbot, bekam ich von dort am 3. Januar 1990 die Antwort: „Wir möchten ein Manuskript, das alle stattfindenden Versuche, den Sozialismus zu reformieren, von vorneherein zum Scheitern verurteilt, DERZEIT nicht veröffentlichen.“ Typisch Westen, Westdeutschland, geistige Provinz, dachte ich. Wenn das Scheitern nicht mehr zu leugnen sein wird, wird man bereit sein Trauer-ARBEIT zu leisten / die Ursachen des Scheiterns zu erkunden.
Beim Radfahren durch die Ukraine hielt ich gerne Reden vor nicht vorhandenem Publikum, vor den Kühen und Ziegen am Straßenrand. Manchmal biss ich mir spaßeshalber ins Knie, um nicht laut zu lachen über den Unsinn, den ich unterwegs in deutschen Zeitungen über die Ukraine las. „Gespaltenes Land“ usw.
Tatsächlich fühlte ich mich nirgendwo so frei wie hier. Im Gegensatz zu ruzzlan d kontrollierten mich hier keine „Sicherheitsdienste“. Manchmal provozierte ich Menschen gern, die über die politischen und ökonomischen Gegebenheiten schimpften: „Ihr müsste eine Revolution machen!“ – was sie dann ja auch taten.
Poltawa wurde schnell meine Lieblingsstadt, weil ich hier produktive, Fantasie-begabte, unangepasste Künstler traf, den „Poltawaskij Underground“. (Ganz tragisch der eine Abend mit Mario, der kurz darauf ermordet wurde. Dabei wollten wir doch zusammen einen Film machen.)
Warum erzähle ich das? Tja, leider habe ich den Schreibanlass / die Pointe vergessen. Ging es ums Verhältnis Alleinsein – „soziale Kontakte“? Jeder Mensch ist ein Kosmos …

Hilfsmotor u.a.

Kriegstagebuch, Poltawa, 26.11.2026 (Geburtstag meines Erzeugers, der heute 90 Jahre alt geworden wäre. Verflucht sei seine Asche.)
Heute war ich im Krankenhaus in Poltawa. Mein amerikanischer Hilfsmotor fürs Herz wird überprüft. Alles in Ordnung. Ich frage den Arzt, ob ukrainische Patienten für solch ein Teil bezahlen müssten. Er verneint. Das Problem sei nur, dass man längere Zeit warten müsste. In Deutschland gibt es nicht genug Ärzte, bei uns nicht genug Herzschrittmacher, sagt er.
Woher weiß er das, falls es stimmt? Meines Wissens fehlen in Deutschland Hausärzte. Aber Kardiologen? Keine Ahnung. Ich hatte im letzten Jahr sowieso Glück. „Mein“ Berliner Kardiologe ist zufällig ein früherer Schachfreund, er besorgte mir bequeme Termine. „Mein“ Berliner Hausarzt, der mich an den Kardiologen überwies, meinte, das sei kein Glück, sondern Schicksal.
Der Hausarzt ist gar nicht „zufällig“ ein Facebook-Freund. Er bot sich mir bei meiner Veranstaltung in der Immanuelkirche als Hausarzt an, was ja auch ziemlich erstaunlich ist. „Du willst doch putin noch ein paar Jahre ärgern“, argumentierte mir. Ohne ihn hätte ich mich in Deutschland nicht untersuchen lassen. Ein witziger Typ, als Arzt sehr gewissenhaft, hilfsbereit, geradezu fürsorglich. Und – er ist ein Ukrainer! Eine seiner Töchter arbeitet noch in Sumy. Er hilft mir wohl (in besonderem Maße), weil ich hier helfe.
Was im Krankenhaus mal wieder „ein bisschen komisch“ war: die Kommunikation. Der Arzt, der mich zur Untersuchung brachte, redete nicht mit mir, sondern zeigte mit Handzeichen, wohin wir gehen sollen. Aber als ich dann mit dem älteren Arzt während der Untersuchung plauderte (ihn interviewte), da wurde auch der jüngere Arzt gesprächig. Meine Frage, ob sie nur den gegenwärtigen Zustand des „Stimulators“ sehen oder auch „das Archiv“, beantwortet er sogar mit einem längeren Satz.
Der Taxi-Fahrer am Morgen ebenso: Zuerst war er maulfaul (schönes Wort; benutzt das noch jemand in Deutschland?), dann wünschte er mir sehr höflich, dass alle meine „Ideen und Pläne“ für den heutigen Tag gelingen mögen.

Thema „Wärme, Strom, Wasser“: Ich habe schon ein schlechtes Gewissen, aber ich habe die ganze Zeit alles in Poltawa; nur an einem Tag wurde nicht geheizt.

Thema „Arbeit als Freiwilliger“: Dank der GÖTTLICHEN SÄNGERIN Christina Daletska konnten wir in diesem Monat VIER Autos kaufen / ins Frontgebiet bringen !!! Und ein Auto konnte ich für die Territorialverteidigung Poltawa kaufen. Dafür musste ich 12 Tage lang am Geldautomaten das Limit ausschöpfen und letztlich ein Kilogramm Geld übergeben. Und hoffentlich in dieser Woche bekommen wir noch ein spezielles Auto für Invaliden, das ich in Lviv abholen soll. „Hinter den Kulissen“ sind wir also bienenfleißig.
Demnächst ist noch der Ankauf / Transport von Powerbanks im Wert von 10.000 Euro zu organisieren. Der Chef der Spender ist, so sagte man mir, „ein Fan von mir“ – was auch immer das bedeutet.
Und ein Kollege aus Österreich möchte mich besuchen und ein Porträt über mich schreiben. Das irritiert mich. Ich wüsste nicht, was es über mich zu berichten gibt.

Geigen für Charkiw

Kriegstagebuch, Poltawa, 19.01.2026
Urban kam heute Nacht aus der Schweiz „hereingeschneit“, einer dieser stillen Helden. Wieder bringt er eine Fuhre nützlicher Dinge nach Charkiw. Beispielsweise Musikinstrumente !!! Für die dortige Akademie der Künste, für junge Künstler. Geigen, Klaviere, Schlagzeuge, super teure elektronische Technik. In Charkiw besucht er dieser Tage ein Konzert mit „seinen“ Instrumenten; Ehrengast ist der Bürgermeister. Gutherzige Menschen aus der Schweiz spendeten Instrumente und natürlich auch Fränkli.

Urban wollte gestern am frühen Abend ankommen, aber der Diesel in seinem Automotor war „eingefroren“. In Kamjanez-Podilskyj, wo er zuletzt übernachtet hatte, waren es nachts minus 25 Grad gewesen. Es gibt speziellen Diesel für starke Fröste zu kaufen, aber das wusste er nicht, ich auch nicht. So kündigte er seine Ankunft für ein Uhr morgens an. Zur Sperrstunde! Aber gut, ein Freiwilliger aus der Schweiz, mit Schweizer Kennzeichen am Auto und am Anhänger, dazu dem Slogan „Ukraine help“, da bekommt er natürlich von jedem Hilfe, auch während des nächtlichen Fahrverbots.

Gestern Nacht funktionierte das GPS nicht, wahrscheinlich wegen Luftalarm, der Gefahr der Raketenangriffe. Und die Stadt war dunkel, es wird ja jetzt endlich konsequent Strom gespart – die Geschäfte sollen keine Reklame beleuchten, was meines Erachtens schon längst hätte befohlen werden sollen. Urban rief mich von einer Tankstelle am Stadtrand an. Er dachte, ich könnte ihn von dort mit dem Auto ins Zentrum lotsen. Aber ich besitze ja kein Auto, nur ein Fahrrad.

Also bat ich den Tankwart am Telefon, Urban die Fahrstrecke aufzuzeichnen, die ja „eigentlich“ ganz einfach ist – immer geradeaus, dann 500 Meter nach links. Aber im Dunkeln und ohne GPS für einen Fremden eben doch nicht. Nach einer Stunde kam er endlich an! Eine Militärstreife hatte ihm geholfen, zwei junge Männer, die im Charkiwer Gebiet arbeiten. Die freuten sich, helfen zu können, und fanden es ein bisschen verrückt, dass ein Schweizer und ein Deutscher nachts humanitäre Güter durch die Stadt transportierten – diesmal vor allem Ausrüstung für die Feuerwehren in Charkiw, auch Schutzkleidung. Wir verstanden uns mit den Soldaten „auf Anhieb“ ausgezeichnet – man tauscht die Codes aus und überlegt, wie man einander helfen kann, auch nachts auf der Straße, während die Atemluft gefriert.

Urban wollte gleich schlafen, das war mir recht, halb drei Uhr nachts. Am Morgen beratschlagten wir, wie wir in Zukunft besser zusammenarbeiten können. Einen gespendeten Invaliden-Transporter sollen wir Ende des Monats bekommen, ich werde ihn wohl in Lviv abholen. Urban braucht für die großen Fuhren, die großen LKW, ein zwei sichere Stellplätze zwischen der Grenze und Poltawa. Ein „ergiebiges“ Thema war natürlich auch die Bürokratie im internationalen Transportwesen, wobei es ja Unterschiede zwischen der Schweiz und Deutschland gibt, wegen der Schweizer Neutralität. Schweizer dürfen auf keinen Fall das Militär unterstützen, wohl auch nicht mit Autos für Verwundetentransporte, das widerspricht dem humanistischen Geist, weil diese Fahrzeuge ja auch militärisch genutzt werden können (Dual-Use-Güter).

Alle Freiwilligen, mit denen ich regelmäßig zusammenarbeite, haben etwas gemeinsam. Sie „brennen für die Sache“. Sie fahren tage- und nächtelange durch Winterstürme, um Geigen nach Charkiw zu bringen, in eine zweifellos gefährliche Stadt. Oder sie spenden ihre gesamten Ersparnisse, 200.000 Euro, oder sie nehmen für 18.000 Euro Kredite auf, um Autos für die Brigaden zu kaufen. Keine Aufgabe ist zu schwer, als dass sie nicht bewältigt werden könnte. Man prüft ständig neue Möglichkeiten. Da alle freiwillig und kostenlos arbeiten, gibt es auch keinen „Hickhack“, keine blöden Rangkämpfe oder Eitelkeiten. Wie gesagt, unter denen, mit denen ich regelmäßig zusammenarbeite.

Alle träumen auch mal über die Zeit nach dem Krieg. Dann wollen die Schweizer Spender, unter ihnen viele Musiker, nach Charkiw fahren und dort Meisterkurse geben. Oder Ukrainer wollen als Gruppe durch Europa reisen und historische Sehenswürdigkeiten endlich einmal selbst sehen. Also in einer fernen Zukunft.

„ruzzische Welt“ – wenn Psychologen weinen

07.01.2026
Für einigermaßen kultivierte Menschen ist es unbegreiflich, wie (und wo!) ruzzische Folterknechte ukrainische Gefangene quälen, ob Soldaten oder Zivilisten. Immerhin lehren solche Beispiele auch, dass sowohl die Ukraine als auch der Reste-Westen nicht bloß „westliche Werte“ verteidigen müssen, nicht bloß Moral und Freiheit, sondern vor allem anderen schlichtweg sich selbst, ihr Überleben. Krieg ist nun einmal arbeitsteiliger Kampf um Leben und Tod, ob einem das gefällt oder nicht.

«Alexey überlebte Elektroschocks, ständige Schläge und Schlafentzug. Ihm wurden Zähne gezogen, Nase und Wirbel gebrochen und Muskeln aus den Schultern gerissen, und das war nur ein Teil der Folter. Am schlimmsten war für ihn der unstillbare Hunger, der ihn dazu trieb, Ratten, Seife und sogar Schimmel zu essen. In Gefangenschaft verlor Oleksiy 40 Kilogramm an Gewicht und 7 Zentimeter an Körpergröße.»
Trotzdem fand der Mann die Kraft, seine Erlebnisse zu teilen, damit die Welt von den Verbrechen der Russen erfuhr. Alexey schrieb das Buch „Jingle Bellz“, in dem er seine Gefangenschaftserfahrungen beschrieb und reflektierte.

Als ich bereits im Zentralen Kursk-Gefängnis war, wurde ein Zivilist namens Andrij, der in Lukaschiwka gefangen genommen worden war, drei Tage lang in eine Zelle gesperrt. Er berichtete, die Russen hätten ihn in eine Folterkammer gebracht, die sie in der örtlichen Kirche (!) des Moskauer Patriarchats eingerichtet hatten.“ …
Oleksijs Vater und sechs weitere verwundete Soldaten wurden in einer Kirche lebendig verbrannt. Seine sterblichen Überreste wurden später durch DNA-Analysen identifiziert und erneut beigesetzt. …
Den Gefangenen wurde eine Minute zum Essen gegeben. Da Oleksiy eine Kieferverletzung hatte, fiel ihm das Kauen schwer, und er schaffte es irgendwie nicht, das Brot zu essen. Dies fiel dem Wärter auf, der daraufhin anordnete, dem Mann zur Strafe die Zähne zu ziehen. …

„An dem Tag hatte ich Dienst in der Zelle. Ein Wärter fragte, ob orthodoxe Christen unter uns seien. Ich antwortete, dass alle orthodox seien. Daraufhin sagte er: ‚Vielleicht möchten Sie heute ein Ei?‘ Ich war sehr überrascht. Ich sagte: ‚Wenn es klappt, wären wir Ihnen sehr dankbar.‘“

Zum Mittag- und Abendessen gaben sie uns ein in Wasser getränktes Kohlblatt. Davon hatte er nur zehn Minuten Energie. Ich fragte, ob es wie versprochen ein Ei gäbe. Der Wachmann bejahte. Bei der abendlichen Kontrolle führten sie uns hinaus und fingen an, uns in den Schritt zu schlagen. Sie fragten, ob jemand Kinder habe und wie viele. Diejenigen, die angeblich keine Kinder mehr bräuchten, wurden am härtesten geschlagen. Und solche Schläge gab es an jedem Feiertag“, sagt Oleksiy. …

Er suchte (nach dem Gefangenenaustausch) auch Psychologen auf. Doch die meisten Spezialisten hätten seine Erzählungen aus der Gefangenschaft nicht ertragen können und angefangen zu weinen. Deshalb begann Oleksiy, sich mithilfe von Büchern selbst weiterzubilden. Seine Rehabilitation dauert noch an.

https://life.pravda.com.ua/society/istoriya-oleksiya-anuli-yakiy-perezhiv-10-misyaciv-polonu-312444/

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