Russland - Ukraine

Denken als Beruf (3)

Poltawa, 31.08.2025 (kein Luftalarm)
Gestern redete ich längere Zeit mit meiner Kwas-Verkäuferin. Sie hat 40 Jahre lang als Kinderärztin gearbeitet und erhält eine Rente von 2700 Griwna (56 Euro). Zum Weinen. Ihre Tochter lebt und arbeitet als Sprachlehrerin seit einigen Jahren in Schweden. Sie will ihre Mutter nach Schweden holen, doch diese zögert, weil sie kein Schwedisch kann und hier in Poltawa ihre Freundinnen leben.
Die Arbeit als Kwas-Verkäuferin ist hart – je heißer es ist, desto mehr muss sie arbeiten. Sie sitzt da ungeschützt vor ihren Fässern, in der prallen Sonne und bei scharfem Wind, führt immer wieder die gleichen Bewegungen aus. Eine Prämie bekommt sie nicht, wenn sie viel verkauft, auch keine Gewinnbeteiligung. Natürlich ist sie auch nicht krankenversichert.

Harter Schnitt:
Unerlässlich für die Analyse solch unendlich komplexer Materie wie einer menschlichen Gesellschaft ist das sogenannte interdisziplinäre Denken. Es wird oft gefordert, aber selten praktiziert. Wie fatal sich das auswirkt, das zeigt auch dieser Krieg.
Beispiel: Unter Hunderten Osteuropawissenschaftlern, Slawisten. Militäranalytikern findet man höchstens ein Dutzend mit volkswirtschaftlichen und makro-ökonomischen Kompetenzen UND praktischen Erfahrungen in Industrie und Landwirtschaft, ob als Berater oder Forscher. (Rühmliche Ausnahmen: Anna Veronika Wendland und Andreas Umland)

Jahrelang haben sich ausländische Reporter in der Ukraine-Berichterstattung am sogenannten „Sprachenkonflikt“ abgearbeitet, fast hätte ich geschrieben: aufgegeilt. Für Ukrainer stand dieser „Konflikt“ unter den 30 wichtigsten Lebensprobleme an 29. Stelle (an 30. der Feminismus).
Die Damen und Herren Ausländer surften und planschten gerne, aber mit solider Ausrüstung in die Tiefe zu tauchen, dafür waren sie zu faul oder zu ängstlich.
Die wichtigsten Lebensprobleme waren ökonomische und soziale, und zwar in allen Regionen. Die niedrigen Einkommen und Renten, die Gefahr krank zu werden und Medikamente nicht kaufen zu können, die Schwierigkeit normal bezahlte Arbeit zu finden, die kaputten Straßen (dadurch hohe Reparaturkosten für Autos und Verzögerung von Krankentransporten).

Aber Ökonomie ist nicht sexy, und Armut schambesetzt. Also macht man aus dem kulturellen Schatz der Zweisprachigkeit einen angeblich existenzgefährdenden Konflikt. Um diesen Claim auszubeuten genügt angelesenes Halbwissen.

Ökonomische Kompetenz, das bedeutet im Falle der Ukraine und des bösen Nachbarn aus dem Norden auch: die Schattenwirtschaften zu studieren, die Transformationen des kriminellen Kapitals, die Geldwäsche-Rituale, die doppelten Buchführungen und insbesondere auch die Voraussetzungen für „Korruption“ – ein Phänomen, das meines Wissens NOCH NIE substantiell dargestellt wurde, sondern entweder im (berechtigten) Gestus der Empörung, also moralisch, oder juristisch, unter Aspekten der Gewaltenteilung und der Kontrolle, aber eben nicht ökonomisch. Man sieht auf die Spitzen der Pyramiden, aber nicht auf die Fundamente.

Literatur

Denken als Beruf (2)


Poltawa, 30.08.2025
Wahrscheinlich der populärste Denkfehler: Am Entweder-Oder sich festzuklammern, wo nur ein Sowohl-als-Auch helfen könnte. Helfen im Sinne von: neue Perspektiven öffnen, sich „der Wahrheit“ und dem Wesen einer Sache nähern, sie vielleicht sogar in ihrer Gänze zu erfassen.
Dieser Fehler ist deshalb so populär, weil man im Alltag / in den allermeisten Entscheidungen (!) das Entweder-Oder benutzen muss, um zu überleben, zu essen, zu schlafen etc. Gut oder schlecht, heiß oder kalt, Liebe oder Hass, Feind oder Freund. Soll ich essen oder nicht, werde ich jetzt die vielbefahrene Straße überqueren oder erst, wenn die Ampel Grün zeigt? Der bekanntlich ziemlich dumpfe Verstand arbeitet wie ein Blindenhund.

Der Verstand / das Entweder-Oder-Denken genügt aber nicht, um unendlich komplexe Materie wie etwa eine Gesellschaft / einen Krieg analytisch durchdringen zu können. Den meisten Menschen ist das vermutlich nicht ständig bewusst, vielleicht gar nicht bekannt. Sie nutzen ihre Denkerfahrungen aus dem Alltag / ihrem sinnlich wahrnehmbaren Leben, als ob sie, nur bewaffnet mit einem Tomatenmesser, gegen ein wütendes Nashorn kämpfen wollten.

Dabei riet doch schon Franz Kafka: Im Kampf zwischen dir und der Welt sekundiere der Letzteren. Übersetzt: Urteile unabhängig von deinen Interessen und Wünschen, benutze deinen Verstand, als ob es nicht dein eigener wäre. Beobachte dich beim Denken, beobachte, dass du dich beim Denken beobachtest, versuche zu beobachten, dass du, dich beobachtend, zu denken versuchst. (Wie Aleksander Wat in der Moskauer Lubjanka.)

Eine innovative Methode (KI: „systematisches Vorgehen, um neue Ideen zu entwickeln, Probleme zu lösen und neue, wertstiftende Lösungen zu finden, indem bestehende Ansätze überwunden oder neu kombiniert werden“) ist es beispielsweise, eben nicht nach Lösungen, sondern nach weiteren unauflösbaren Konflikten zu suchen / die Wunden – „offen wie ein Bergwerk obertags“ – aufzureißen, statt sie schließen zu wollen. Oder: Zuerst die schlechtesten Möglichkeiten prüfen, dann erst jene, die das „brillante Narrenspiel der Hoffnung“ anbietet.

Schein und Wirklichkeit – aus der Geschichte lernen, Irrtümer überprüfen:

Dass nichts so ist, wie es zu sein scheint, ist eine Banalität, die auch für das Sein gilt, wie für jedes Ding und jedes Subjekt. Säkulare Gesellschaften richten ihr Handeln jedoch nicht nach dem Sein aus, sondern nach der Wirklichkeit. Den Schein, der die Wirklichkeit umgibt und von dem sie durchtränkt ist, erkennen und fürchten säkulare Gesellschaften nicht, denn es gilt die Maxime der Machbarkeit, gar der Berechenbarkeit von Zukunft. Sie müssten die Perspektive des Teufels annehmen, um sich selbst in Beziehung zum Schein erkennen zu können; die Perspektive des transzendenten Bösen. Sie müssten sich selbst gleichgültig sein und ihren Niedergang ebenso stark lieben wie ihre Fortentwicklung. Die teuflische Perspektive widerstrebt jedoch dem Lebenstrieb, das Hohngelächter ist kein Schlaflied.
Eine gegensätzliche, theoretisch mögliche, transzendente Perspektive, die des Gottes oder der Götter, ist ebenso schwer zu handhaben, dank der Selbstverblendung säkularer Gesellschaften, die sich am Baum der Erkenntnis überfressen.

Literatur

Denken als Beruf (1)

Poltawa, 29.08.2025
Meine beste Quote war: pro Gedanke (Diagnose, Prognose, Konfliktbeschreibung) bekam ich 150 Schweizer Franken. In einem zehnminütigen Vortrag mit zehn Gedanken, die vor mir noch niemand gedacht hatte, soweit mir bekannt.
ziemlich billig, wenn man bedenkt, dass ich für jeden dieser Gedanken etwa drei Tage arbeiten muss – tatsächlich ARBEITEN. Denn der Gedanke muss so genau wie möglich formuliert und geprüft werden, wozu oft stundenlange Recherchen notwendig sind.
Einem meiner bestbezahlten Gedanken widersprach seine Exzellenz, der Botschafter der Ukraine. Doch wenige Monate später zeigte leider die Praxis, dass mein Gedanke sich bewahrheitete – die ruzzen begannen tatsächlich ihren heimtückischen Überfall auf die gesamte Ukraine.
Der Botschafter widersprach im Oktober 2021 dieser Möglichkeit, nachdem ein Geschäftsmann von mir wissen wollte, ob ich Investitionen in der Ukraine empfehlen könne.
„Westlich des Dnipro können Sie investieren, östlich des Dnipro besser nicht, weil das Risiko zu groß ist, dass in diesen Gebieten gekämpft werden wird.“
Nun, der Botschafter hätte vielleicht seinen Job verloren, wenn er meiner Einschätzung öffentlich zugestimmt hätte, schließlich gehörte es zu seinen Aufgaben, Investoren in die Ukraine „zu locken“. (Wie gut wurde dieser Mann und wurden ukrainische Diplomaten eigentlich mit nachrichtendienstlichen Informationen versorgt? Waren die Ukrainer auch so deppert wie die Deutschen und die meisten westlichen Dienste? Das wird in einigen Jahrzehnten ein ergiebiges Forschungsfeld sein.)

Russland - Ukraine

Jungs suchen Gefahren

B., Oblast Charkiw, 18.08.2025
Jungs, sage ich nur. Gestern sind wir in die 20er-Zone gefahren, weniger als 20 Kilometer von der Null-Linie entfernt. Dorthin, wo das Risiko sehr real ist, von todbringenden Vögelchen besucht zu werden. Warum sind wir dorthin gefahren? Um uns eine Sehenswürdigkeit anzusehen, einen Staudamm. Für eine Stunde spielten wir Touristen. Es war überhaupt nicht nötig, uns in Gefahr zu bringen. Die Kämpfer, die wir dorthin begleiteten, probierten dort unsere Tarnnetze aus. Wobei wir sowieso nicht helfen können und müssen.
Und was machen meine Jungs auf der Rückfahrt? Sie suchen die nächste Gefahrenzone auf und sammeln Trophäen ein. Siehe Foto. Die Hülsen und Raketenreste werden von Künstlerinnen bemalt und dann verkauft, um wieder Geld für das Material für die Netze zu bekommen.

Auf die „große“ Politik achte ich nur nebenbei. Dass eine Tragödie nicht als Farce enden kann, erklärt sich ja eigentlich von selbst.

Für den Generator habe ich bisher 580 Euro bekommen. Wir brauchen 912 Euro.
Und wir brauchen dringend einen weiteren Kleinbus, um die Arbeitsmöglichkeiten einer Einheit zu verbessern, die zum Teil aus Männern unserer Siedlung besteht. Sie waren daran beteiligt die kürzlich erfolgten Geländegewinne der ruzzen auf unserer Höhe zu „korrigieren“.

Bitte, liebe Leute da draußen, schaut nochmals in eure Portemonnaies oder auf eure Konten !!! Leider ist der Kampf für unsere Freiheit sehr teuer. Wir sind für jede Hilfe dankbar.

CHF: CH360026926980003440V, Inhaber: Oleksandr Volkov (oder einfach per Twint an +41794829258)

PayPal: https://www.paypal.com/paypalme/raxarov

Oder: EUR: DE95100500004114595657, Inhaber: Christoph Brumme

Betreff „Ukraine-Hilfe Poltawa“

Herzlichen Dank! #supportukraine

Russland - Ukraine

Gespräch mit einem betrunkenen Veteran

B., Oblast Charkiw, 22.08.2025
Der Freund ist besoffen und klagt: „Ich bin ein Nichts, mein Leben hat keine Bedeutung.“
Keine Floskel hilft gegen die offensichtliche Depression. Mindestens ist er doch für mich ein besonderer Mensch, hat er für mich eine besondere Bedeutung. Und jahrelang hat an der Ostfront „gearbeitet“, Feinde eliminiert, Kameraden gerettet, seine Nächsten und Menschen im Hinterland beschützt. Ein besonderes, einzigartiges Schicksal. Aber er empfindet es nicht so.
„Ich bin ein Nichts, weil ich nichts verstehe“, klagt er. Er verstehe die Zeiten nicht, nicht die Politik, nicht die Verhandlungen.
„Teurer Freund“, sage ich, „du glaubst vielleicht, dass andere Leute, etwa die Politiker die Zeiten verstehen. Aber da irrst du dich. Die verstehen ihre eigenen Entscheidungen auch nicht. Oft können sie nicht wissen, welche Auswirkungen ihre Entscheidungen haben. Und wenn sie sich einbilden es zu wissen, belehrt sie der nächste Tag eines Besseren oder Schlechteren. Die Wahrheit ist: Niemand versteht alles. Und wenn man nicht alles versteht, versteht man oft das Wichtigste nicht. Das ist natürlich ein deprimierendes Gefühl, als würdest du ertrinken oder ersticken.“
„Ich will nicht ertrinken, ich will mit dir fliegen“, sagt der Freund.
Na bitte, schon besser.
„Ich fliege mit dir überall hin“, sage ich, „wohin du willst“.
Er streckt die Arme aus und zeigt, wie wir fliegen werden, mindestens einhundert Meter weit, meint er. (Wobei er mir fast die Brille aus dem Gesicht schlägt, so nah vor mir streckt er seinen rechten Arm aus.)
Einhundert Meter, das klingt, als wolle er nach Hause fliegen.
Die anderen Freunde am Tisch lachen zuerst über seinen Wunsch, selbst zu fliegen. Sie haben nicht aufmerksam zugehört. Er will über dem See fliegen, an dessen Strand er Zuckerwatte verkauft und Katamarane vermietet. Er will, dass die Katamarane fliegen. Der See ist vielleicht dreihundert Meter lang. Wahrscheinlich ist die Idee des Freundes machbar. Er bastelt gern an Motoren und Maschinen herum. Neulich hat er sein Motorrad auseinandergenommen und wieder zusammengebaut. Dann hat er sich mal wieder besoffen und ist mit dem Motorrad nachts gegen einen Zaun gefahren.

Russland - Ukraine

Traumtänzerei und Erbsenzählerei

Berlin, 25.07.2025
Neuer Absatz in meinen Vortrag über das Überleben im Krieg und das Verstehen des Krieges:
Zeige die wichtigsten Eigenschaften und Schwächen des „Westens“ im Verhältnis zu ruzzland, insbesondere das verkümmerte Bewusstsein für Gefahren: Diese Mischung aus Gutmütigkeit und Gier, Selbstzufriedenheit und Traumtänzerei, Erbsenzählerei und Rausch der Sinne, Unwissenheit und Bauchgefühlen, Journalismus und Stiller Post.
Geschenkte Siege sind gefährlich, so auch der „Sieg“ des Westens gegen die östlichen kommunistischen Tyranneien. „Sieg“ in Anführungsstrichen, weil der Westen die Moskowiter und ihre Vasallen ja nicht aktiv bekämpfte, sondern nur die verfügbaren Instrumente zeigte (siehe Ronald Reagans Rüstungsinitiativen und dessen Spruch von der Sowjetunion als Reich des Bösen).
Wie Friedrich Nietzsche schon wusste, schneidet im Sozialismus das Leben sich selbst die Wurzeln ab. Zentral gelenkte und repressive Volkswirtschaften sind nun mal weniger produktiv und attraktiv als marktwirtschaftliche. Bill Gates als sowjetischer Ingenieur, der in einer Garage systemgefährdende Technologien entwickelt – das kann nur in einem fantastischen Roman der Strugatzkis vorkommen.

Die Mauern „fielen“, wurden erstürmt und eingerissen; die Leute im Westen freuten sich über das Ende der Geschichte (mich begrüßten sie mit Chamapagner in West-Berlin hinter der Bornholmer Brücke).
Wie bitte, das Ende der Geschichte? Das war doch in den 1980er Jahren unter französischen Philosophen schon eine modische These gewesen, die auch Heiner Müller gerne zitierte.
Geschichte im Sinne von „Fortschritt“? Von Revolutionen sei nichts Fortschrittliches mehr zu erwarten, sie wären keine „Lokomotiven“ mehr. (Dampflokomotiven)
So lange es Menschen gibt, so lange wird es Geschichte geben, dachte ich, selbst wenn sie nicht von Menschen verstanden und erzählt werden kann. Eigentlich banal.
Die Sieger wussten FAST NICHTS ÜBER DEN OSTEN, über die Wirklichkeiten in den Warschauer-Pakt-Staaten. „An dieser Kröte wird der Westen sich verschlucken“, meinte Heiner Müller.

Aber die Kröte wollte ja verspeist / einverleibt werden, insofern war es eine schiefe Metapher.
Heute kaum zu glauben, aber der Präsident der USA versuchte den Ukrainern ihr Streben nach Unabhängigkeit AUSZUREDEN! Im Parlament in Kyiv! Um Gorbatschow nicht zu ärgern, nicht zu schwächen. Und die Amerikosen waren so gutmütig, ruzzland DAS MONOPOL an Nuklearwaffen zu geben. Statt weise nach dem Prinzip „Teile und herrsche“ zu handeln. Völlig irre, aus heutiger Sicht. Der schlimmste Fehler des Westens, den die Leute, die über Fehler des Westens schwafeln, NIEMALS NENNEN.

usw., usf.

Russland - Ukraine

Immanuelkirche

Berlin, 22.07.2025
Gestern war die Veranstaltung in der Immanuelkirche. 70 mir offenbar freundlich gesonnene Menschen waren dort. Statt der geplanten 40 – 50 Minuten redete ich 90! Ich fragte nach 50 Minuten, ob ich weiter erzählen soll oder ob wir diskutieren wollen. Die Entscheidung war eindeutig, also gut. Anfangs war ich unsicher gewesen, denn es ist so ungewohnt, Deutsch zu sprechen.

Zuerst zeigte ich Fotos, einige von meinen Radtouren, Kohlearbeiter, Ukrainer in Wartehäuschen vor Mosaiken, zerstörte Brücken im Krieg, ein brennendes Haus in Poltawa, meine Arbeit als Freiwilliger, die fleißigen Großmütter, Dima Bandurist …

Fast auf den Tag genau vor 40 Jahren war ich in das Haus gegenüber der Kirche gezogen, d.h. ich hatte eine leere Wohnung besetzt, die mir ein befreundeter Schauspieler empfohlen hatte, der nach Brasilien ausreisen wollte, – und tatsächlich bekam er 1988 die Genehmigung zur Ausreise, tatsächlich lebte er dann einige Jahren in Brasilien, aber dort erkrankte er bald schwer und verstarb sehr früh.
Wahrlich, das waren finstere Zeiten! In meiner Wohnung gab es keinen Strom. Aber in der leer stehenden Nachbarwohnung. Also bediente ich mich dort. Komponisten dürfen Notenblätter klauen, Skribenten Licht stehlen.

Jetzt durfte ich in dieser Kirche gegenüber reden, allerdings aus makabren Gründen. Ich habe mich auf zwei Aspekte des Krieges konzentriert, auf das Überleben im Krieg und auf das Verstehen des Krieges, jenseits aller Gefühle und aller Moral. Also nicht über das bewaffnete Kämpfen, damit habe ich keine Erfahrungen. Oder über die Versorgung von Verwundeten. Oder über Sport im Krieg.
Nein, überleben und verstehen, das sind zwei der Aspekte, über die ich einigermaßen kompetent sprechen kann.

Politik und Gesellschaft

Hungerstreik

Berlin, 23.07.2025
Mein neuer Arzt motiviert mich, ich sollte dies und jenes Organ überprüfen lassen. „Du sollst doch Putin noch eine Weile ärgern!“.
Na gut, wenn es sein soll.
Doch kurz darauf hätte ich fast einen Herzinfarkt bekommen. Ich will einen neuen Pass beantragen, da lese ich:
„Das Bürgeramt Berlin-Pankow kann
– kein Bargeld
– keine Kreditkarten
– keine Debitkarten (was ist das?)
als Zahlungsmittel annehmen.
Zahlungsvorgänge können ausschließlich mit einer girocard (EC-Karte) erfolgen.“

Wo bin ich? Wie bitte? EC-Karten? Ich erinnere mich, die wurden hier früher aus Holz geschnitzt und auf Eselskarren durch Berlin gefahren. Aber so etwas habe ich nicht, ich komme aus einem modernen Land. Ich kann in allen möglichen Formen bezahlen, sogar mit Papiergeld, auch mit einer goldenen Karte, auch virtuell. Aber was soll ich mit EC-Karten? Und warum NUR mit ihnen?
Die Sachbearbeiterin meint, in der Terminbestätigung sei ja geschrieben worden, dass man nur mit EC-Karten zahlen können. Sie zeigt in dem Schreiben auf die Formulierung:
„Zahlungshinweis: – Girocard (mit PIN)».
Aber man schreibt ja nicht, dass man AUSSCHLIESSLICH mit diesen rätselhaften Karten zahlen kann.
Ich sage der Sachbearbeiterin, dass ich erst aufstehen werde, wenn sie eine Möglichkeit findet, mich bezahlen zu lassen. „Sonst trete ich in den Hungerstreik“, sage ich. Einen Pass brauche ich und ich habe ein Recht auf ihn, bezahlen kann ich, also bitte, liebe Steinzeitmenschen, denkt ein bisschen nach.
Die Frau ruft die Direktorin und erzählt ihr, welcher Skandal sich anbahnt. Oh Wunder, die Frau hat ein gutes Herz, AUSNAHMSWEISE werde es gestattet, bar zu bezahlen.

Ein Freund, der in der Brüssler Börokratie beinahe wahnsinnig geworden wäre und sich deshalb beurlauben ließ, kommentiert gleich darauf:
„Ich sehe den humoristischen Aspekt, werde Freunden einiges zu erzählen haben. Ein echter Held, bleibt in poltava, obwohl auf der russischen Abschussliste stehend, todesmutig Logistik für die Front organisieren, immer wieder unter Lebensgefahr in den russischen Drohnen-und Artilleriehagel. Unfassbarer Mut und Courage, fürchtet die russischen Folterknechte nicht. Aber es gibt grausamere Mächte als den Russen: Vorm Berliner Bürgeramt k.o. geschlagen und besiegt!»

Literatur

Meine Veranstaltung in Berlin am 21.7., 19 Uhr

Immanuelkirche Berlin
Prenzlauer Allee 28 in 10405 Berlin-Prenzlauer Berg
Krieg ohne Ende? Wie weiter in der Ukraine?
Ein (Ost-)Deutscher berichtet aus Poltawa, Zentral-Ukraine.
Mit Christoph Brumme — www.honigdachs.com Schriftsteller, Essayist, Journalist.

Christoph Brumme wurde 1962 in Wernigerode geboren und lebt seit Frühjahr 2016 in der zentralukrainischen Stadt Poltawa.
Ab 2007 war er per Fahrrad zwischen Berlin und der Wolga unterwegs. Er erlebte die Maidan-Revolution der Würde 2014, die anschließende erste Aggression Russlands gegen die Ukraine sowie die russischen Voll-Invasion im Februar 2022 aus nächster Nähe. Und entschied sich zu bleiben.
In seinem Buch „111 Gründe die Ukraine zu lieben“ (Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2019) erklärt er, warum seine Wahlheimat das schönste Land der Welt ist. Der Band „Im Schatten des Krieges“ (Hirzel, 2022) enthält Tagebuch-Aufzeichnungen zwischen Januar und Mai 2022.
Christoph Brumme absolvierte zu DDR-Zeiten eine Lehre als Eisenbahner, arbeitete am Theater Eisleben, studierte Philosophie und lebte ab 1985 als freiberuflicher Schriftsteller und Essayist vorwiegend in Berlin. Damals wohnte er in Prenzlauer Berg, gegenüber der Immanuelkirche, in der er nun von seinen Erfahrungen berichtet.
In einem Impulsvortrag wird er seine Eindrücke und Analysen über die Ukraine und die russische Aggression gegen das Land darlegen. Es geht um die Fragen: Wie und warum gelingt es den Menschen in der Ukraine, dem Großangriff eines über mächtig erscheinenden Gegners seit fast dreieinhalb Jahren standzuhalten? Was sind die Gründe für den Krieg? Welche Perspektiven gibt es für sein Ende?

Anschließend stellt sich Christoph Brumme den Fragen des Publikums.

Eine Veranstaltung der Evangelischen Immanuelkirchgemeinde und dem „Partnerschaftsverein Berlin Pankow – Riwne e.V.“

Eintritt frei, Spenden sind herzlich erbeten.

Russland - Ukraine

Armut

Poltawa, 5.7.25 – Armut
Was man auf der Straße so im Vorübergehen hört.
Frau 1: War es teuer?
Frau 2: 35 Griwna. (80 Cent.) –

Was würde man in Deutschland als teuer bezeichnen, bei einem Preis von 80 Cent? Eine Kugel Eis? Eine Schrippe?
Wenn hier jemand die Mindestrente bezieht, dann sind 80 Cent womöglich das Tagesgeld frei verfügbaren Geldes. Und wenn die Großmutter mit ihrem Enkel spaziert und der ein Mohnbrötchen haben möchte, dann sprengt das vielleicht schon das Tagesbudget.
Das sind die Dramen des Alltags. Wie zu Zeiten von Victor Hugo, Die Elenden, frühes 19. Jahrhundert. Aber unzählige ausländische Tagesgäste (Reporter) schrieben über unser Land: Das wichtigste Problem ist die Zweisprachigkeit. Herrgott noch mal, was für ein Unsinn. Hunger tut in jeder Sprache weh, aber Armut ist nicht sexy.

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