Selbstgespräch am Morgen

B., Oblast Charkiw, 15.12.2005
– Du sollst nicht auf den Worten herumreiten, du Nörgelfritze!
– Fritzes Fischer, Fischers Fritze frisst.
– Witzbold.
– Man hört sofort, dass du alt bist. Nörgelfritze, niemand redet mehr so wie du. Heutezutage wird nicht genörgelt. Wir kritisieren etwas oder sagen unsere Meinung; immer mit dem Hinweis, dass jeder eine andere Meinung haben kann. Jeder kann denken, was er will, und sagen, was er will, aber bitte ohne Beleidigungen, ohne Aufrufe zu Mord und Totschlag.
– Du scheinst ein rotes Wort zu färben.
– Nur eins? Warum? Mit welcher Farbe färben? Zuerst entfärben, das Rot übertünchen?
– Der Abgrund hat keine Decke.
– Willst du vom Thema ablenken?
– Welches Thema?
– Ich soll nicht auf den Worten herumreiten.
– Das ist eine Metapher.
– Das weiß ich auch, ich bin ja nicht blöd.
– Blödmann.
– Danke, selber Blödmann.
– Sehr produktives Gespräch. Aber nicht unterhaltsam.
– Woher willst du das wissen?
– Hör dir doch mal zu.
– Das mache ich die ganze Zeit.
– Weißt du noch, wie du verrückt werden wolltest?
– Der Selbstmord hat mich gerettet.
– Der Versuch eines Selbstmords.
– Das war ein ernsthafter Versuch.
– Aber nicht ernsthaft genug. Zwei Dutzend Schlaftabletten, wie witzig. Du hättest zusätzlich noch den Gashahn öffnen sollen und dich aufhängen müssen, dann hätte ich dir geglaubt. Du wolltest nur spielen.
– Im Tiefschlaf?
– Du hast nicht eine Sekunde vorausgedacht, du wolltest nur einen leeren Kopf haben.
– Als ob du mich kennen würdest.
– Ich bin deine zweite Hälfte. Wer sonst, wenn nicht ich?
– Ich.
– Jetzt fängst du wieder mit diesem Quatsch an. Ich bin Du, Du bist ich, schöne Grüße an Baudelaire. „Was haben Sie dem Judentum gemeinsam?“ – „Ich habe nicht einmal mit mir etwas gemeinsam.“
– Brav gelernt.
– Also?
– Was, also?
– Nichts.
– Gut, reden wir über das Nichts.
– An diesem Abend lerntest du die Schweizerin kennen, bei einer Ausstellung über das Nichts.
– 1991.
– Das war Steinzeit ohne Netz.
– Und heute ist alles besser?
– Hat das jemand gesagt? Jedenfalls ist meine damalige Prophezeiung wahr geworden. Wir sitzen wie unsere Großeltern wieder in Luftschutzbunkern und fürchten herabfallende Bomben.
– Drohnen.
– Drohnen, Bomben und Raketen.
– Möchtest du auch ein Drohnenpilot werden?
– Dafür bin ich zu alt.
– Aber nicht zu friedfertig.
– Ich bin doch nicht mehr suizidgefährdet. Wenn jemand auf mich schießt, dann werfe ich keine Wattebällchen nach ihm.
– Schon klar, darüber lohnt sich nicht zu streiten.
– Viele Leute würden dir widersprechen.
– Das ist mir egal.
– Ich erinnere nur an die Tatsache.
– Die Zeitgenossen surfen gern auf der Oberfläche.
– Falsch. Es gibt mehr Surfer als Taucher.
– Tiefseetaucher.
– Meinetwegen Tiefseetaucher. Jetzt bist du aber der Angeber.

Das Gesicht zu kontrollieren war nie eine leichte Aufgabe, jedenfalls nicht für mich. „Manche Leute tragen jahrelang das gleiche Gesicht, natürlich nutzt es sich ab, es wird schmutzig, es bricht in den Falten, es weitet sich aus wie Handschuhe, die man auf der Reise getragen hat.“ So beschrieb es der Dichter Rainer Maria Rilke, beziehungsweise erzählte es die von ihm erfundene Figur Malte Laurids Brigge. Nun gut, das war vor mehr als einhundert Jahren in Paris gewesen, die Leute ahnten noch nicht, wohin sie schlafwandelten.
Immer das gleiche Gesicht zu tragen, keine Gefühle, Wünsche und Absichten zu zeigen, das hatte ich mir schon Schüler als vorgenommen.

PS: In zwei Stunden wird der Strom bis zum Abend abgestellt. Steinzeit!

Themen: Literatur

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