Triumph der Freiheit – Selbst Russlands schärfsten ideologischen Einpeitschern dämmert es, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen ist

NZZ, Christoph Brumme, 28.04.2026
Ratlosigkeit bei den Kriegs-Bloggern
Die grosse Depression begann am 12. Januar. Von diesem Tag an dauerte der Krieg gegen die Ukraine länger als der «Grosse Vaterländische Krieg» gegen Hitler-Deutschland. Doch Russ lands angeblich unbesiegbare Armee ist in diesen knapp vier Jahren nur ein paar Dutzend Kilometer vorangekommen, während die sowjetischenVorbilder blutiger Kampfkunst bereits die Flagge auf dem Reichstag in Berlin gehisst hatten. Kein einziges Kriegsziel hat Putin erreicht. Die Ukraine sollte entwaffnet werden, demilitarisiert, doch nun ist ihr Militär so stark wie nie zuvor. Die ukrainische Kultur soll ausgelöscht werden, doch sie ist über die Grenzen hinaus so populär wie nie zuvor. Die Souveränität der Ukraine sollte mindestens stark eingeschränkt werden, doch nun wird das Land weltweit mehr respektiert als jemals zuvor.

Teuer erkämpfte Erfahrungen
Ukrainer haben die Militär- und die Kampftechnik revolutioniert und wer den es weiterhin tun– «Hausfrauen mit 3-D-Druckern in der Küche», wie der Rheinmetall-Chef Armin Papperger ukrainische Drohnenhersteller kürzlich nannte. Plötzlich sind sie militärische Avantgarde, ihr Wissen und ihre teuer erkämpften Erfahrungen sind weltweit begehrt.In Russlands Flugabwehr haben sie grosse Löcher geschossen, prosaisch ausgedrückt. Ukrainische Drohnen und Raketentreffen das russische Hinterland inzwischen über Entfernungen von bis zu 1700Kilometern metergenau. Es gebe keine sicheren Regionen in Russland mehr, klagt der Sekretär des russischen Sicherheitsrats und frühere Verteidigungsminister Sergei Schoigu. Eine epochale Entwicklung, schockierend nicht nur für Patrioten und Kriegsbefürworter. Russland könne aus objektiven Gründen nicht gewinnen, erklärt Sachar Prilepin,ein frühererAnführer der sogenannten Separatisten im Donbass. Seit vier Monaten in Folge «neutralisierten» die Ukrainer mehr feindliches Personal, als die Russen rekrutierten, so der Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, Olexander Sirski. Im Durchschnitt setzen die Ukrainer 30 Prozent mehr Kampfdrohnen ein als die russischen Truppen. Der bekannte russische Kriegs-Blogger Jura Podolski meint, die Ukrainer verschössen inzwischen doppelt so viele weit reichende Drohnen wie die Russen. Die Probleme an der Front müssten gelöst werden, meint er, aber er wisse auch nicht, wie. «Wir haben legendäre Waffen, sie haben moderne», klagt der Kreml Propagandist Wladimir Rudolfowitsch Solowjow. Der Widerspruch zwischen den militärischen Zielen und der militärischen Wirklichkeit klafft immer weiter auseinander. Russland steuere unaufhaltsam auf eine «ideale Katastrophe» zu, prophezeit der Nationalistenführer Maxim Kalaschnikow. Er spricht von einem «albtraumhaften Krieg, der uns von innen heraus zerstört». Viele der russischen Kommentatoren des Krieges fürchten inzwischen, dass die Ukrainer ihr Ziel erreichen könnten, in Zukunft jeden Monat 50 000 Russen zu töten oder kampfunfähig zu machen, statt «nur» etwa 30 000 wie bisher. Die sogenannten Fleischangriffe am Boden wirken immer sinnloser angesichts der rasanten technischen Entwicklungen und angesichts der List und Intelligenz der Ukrainer.
Auf See fällt die sich anbahnende Niederlage Russlands noch klarer aus. Die meisten Schiffe der russischen Schwarzmeerflotte liegen auf dem Mee resgrund oder verstecken sich, so gut es geht, in Häfen im russischen Hinterland. Besiegt von einem Land ohne Flotte, was für eine schreckliche Demütigung. Zuletzt haben die Ukrainer die «Admiral Makarow» getroffen, die letzte verbliebene Fregatte im Schwarzen Meer, die Kaliber-Raketen verschiessen konnte. Und die Ukrainer kündigen für die nahe Zukunft weitere Fortschritte an. Denis Schtilierman, Chefkonstrukteur und Mitbegründer der Firma Fire Point, des Herstellers der Flamingo-Raketen, verspricht neue Mittelstreckenraketen, die im Sommer schon in Moskau und St. Petersburg wichtige Ziele treffen können.1
Der Journalist Dmitri Gordon schlägt im Gespräch mit Shtilerman das Lenin-Mausoleum in Moskau oder die Geheimdienstzentrale Lubjanka vor.
Daraufhin fragte der Chef-Propagandist Solowjow im staatlichen Fernsehen, warum dieser Shtilerman noch lebt. Manchmal schreit Solowjow auch wütend ins Mikrofon, wo die vielgerühmte Luftabwehr denn sei und warum die Ukrainer Nacht für Nacht in Russland verheerende Zerstörungen anrichten können.

Perfekte Falle

Die Kosten des Krieges fressen die Reserven des Staates auf. Der Bundesnachrichtendienst (BND) schätzt Russlands offizielle Militärausgaben auf mindestens zehn Prozent des BIP (250 Mrd. Euro). Hinzu kommen „versteckte“, falsch deklarierte Kosten, womit die tatsächlichen Ausgaben bis zu 66 % höher liegen.2 Der Kreml-Oligarch Oleg Deripaska fordert nun längere Arbeitszeiten, 12 Stunden pro Tage und sechs Tage pro Woche, um die Wirtschaft vor dem Absturz zu retten.3
Der Gewaltherrscher im Kreml kann den Krieg aber nicht beenden oder an den gegenwärtigen Fronten „einfrieren“. Denn dann müsste er ja russisches Staatsgebiet aufgeben. Schließlich hat Russland am 30. September 2022 die vier ukrainischen Oblaste Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson zu russischem Staatsgebiet deklariert. Doch es ist nicht abzusehen, dass es diese Gebiete besetzen kann.
Aber wie der Krieg weiter geführt werden kann, darüber herrscht allgemeine Ratlosigkeit.
Der Politikwissenschaftler Jura Barantschik beklagt im Gespräch mit der Komsomolskaja Prawda das informelle Vakuum an der Spitze des Staates. Als kommunikatives Musterbeispiel nennt er ausgerechnet den ukrainischen Präsidenten Selenskij, der mit täglichen Video-Botschaften seine Bevölkerung über wichtige Ereignisse informiert und zum Widerstand motiviert.4
Aber Selenski ist auch 25 Jahre jünger als Putin, so wie viele ukrainische Militärs und Minister einige Jahrzehnte jünger sind als ihre russischen Gegenüber. Das von Barantschik nicht namentlich genannte Staatsoberhaupt Wladimir Putin verachtet dagegen bekanntlich das Internet als CIA-Projekt und nutzt keine Mobiltelefone. Die Einschränkung und Blockade des Internets mag ihn nicht weiter stören, aber vor allem die jungen Generationen sind darüber verzweifelt. Das von Putin ignorierte Netz ist voll von Videos weinender und schimpfen der junger Russinnen und Russen.
Die Soldaten an den Fronten beklagen wie derum die Drosselung des Messengers Telegram durch die russischen Behör den und die Abschaltung der Starlink Geräte durch Elon Musk. Internationaler Austausch von Infor mationen ist Gift für denTerrorstaat. Die Wahrheit über die Zahl der Opfer darf nicht bekanntwerden. Der ehemalige «Volksgouverneur der Donezker Volks republik», Pawel Gubarew, behauptete kürzlich in einem aufsehenerregenden Interview, es sei durchaus möglich, dass bereits mehr als eine Million russische Soldaten getötet worden seien. Im Oktober 2022 hatte Gubarew den Ukrainern noch gedroht: «Wir kommen nicht, um euch zu töten, sondern um euch zu überzeugen. Aber wenn ihr nicht überzeugt werden wollt, wer den wir euch töten.Wir werden so viele töten, wie wir müssen: eine Million,fünf Millionen oder euch alle ausrotten.»
In dem Interview bestätigte er nebenbei auch, dass es ab 2014 im Donbass russisches Militär war, das gegen die ukrainischenTruppen kämpfte. Im jetzigen Interview bestätigte er nebenbei auch, dass ab 2014 im Donbas russisches Militär gegen das ukrainische kämpfte. Solowjow beschimpfte Gubarew daraufhin als Verräter und forderte dessen Verhaftung.5 Hysterisch schreiend warnt er vor Hysterie angesichts der ausbleibenden militärischen Erfolge, gibt aber selber zu, dass die Ukraine am Gewinnen ist.

Von Dämonen besessen
Der Propagandist Dmitri Steschin erklärt unterdessen, dass weitere Mobilisierungen von Soldaten nicht helfen würden, «selbst wenn man zehn Millionen mobilisieren würde», weil wegen der Drohneneinsätze der Ukrainer die meisten russischen Soldaten die Front gar nicht lebend erreichen. Der russische Z-Blogger Jegor Cholmogorow wiederum glaubt, die russischen Machthaber seien von Dämonen besessen, die sie zu absurden Handlungen und Fehlern trieben. Dies sei die einzige Erklärung für ihr «irrationales Verhalten». Er liess offen, ob er da mit auch die immer wieder aufflackern den Forderungen seiner Kollegen nach einem Einsatz von Atombomben gegen die Ukraine und gegen westliche Staaten meint, insbesondere gegen Grossbritannien oder gegen Polen.
Der wichtigste Verantwortliche in Russland für das Desaster kann den Krieg weder beenden noch in der bis herigen Intensität noch lange fortführen. An und für sich wäre das eine aus gezeichnete Verhandlungsposition für die Ukraine und den Westen, würde in Washington nicht ein selbstverliebter underratisch handelnder Putin-Freund regieren. Glücklicherweise sind die Ukrainer aber militärisch stark genug, ihre Interessen auch gegen die USA zu verteidigen. So weigern sie sich verständlicherweise, den Wünschen westlicher Protagonisten nachzukommen, die Angriffe auf Ölanlagen in Russland einzustellen. Ukrainer sind nicht bereit zu sterben, nur damit europäische Autofahrer sich beim Tanken ein paar Euro sparen.

Themen: Russland - Ukraine

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