Leben auf dem Land
Kriegstagebuch, 13.06.2026, B., Oblast Charkiw
Geräuschkulisse: Regentropfen fallen auf das Wellblechdach der Sommerhütte, der Hahn feiert Sex-Orgien mit seinen 30 Gespielinnen, der Schäferhund schlägt mit der Tatze gegen sein Halsband (unter dem die Haut womöglich juckt), eine Taube gurrt, unser Waschbär faucht in seinem Käfig.
Die schwarze Katze liegt vor der offenen Tür zur Banja, sie gibt keine Geräusche von sich. Sie hat sich mit ihrem Schicksal hoffentlich abgefunden, jetzt im Sommer draußen schlafen zu müssen und ihre Kinder im Garten zu erziehen – unter anderem ein Katerchen mit dem Namen Stepan Bandera, nach meinem Vorschlag so genannt, denn er ist ein witziges Alpha-Tier. (Übrigens eine lustige Tradition, Tiere nach Politikern zu benennen. Habe ich vor fast 20 Jahren bei Jens Piske gelernt. Beleidigend wäre natürlich, ein Tier Hitler oder Stalin oder Putin zu nennen.)
Gestern Abend haben wir hier im Gartenhäuschen gut gegessen und gut getrunken. Ich wollte meinen Bauchumfang messen und dann nochmal in zwei Wochen; mit der Prognose natürlich: es werden einige Zentimeter mehr sein.
Blöde Neuigkeit: Die Feinde greifen hier im Hinterland der Front inzwischen gezielt auch Tankstellen an. Mehr sage ich nicht.
Über die Entwicklungen an den Fronten sind wir gut genug informiert. Alles wie immer, plus und minus, traurige und motivierende Ereignisse. Die historischen Dimensionen dieses Krieges sind allen bewusst, hier wird mindestens in Jahrzehnten gedacht.
Kriegstagebuch, 13.06.2026, B., Oblast Charkiw
Die Pyramide des Wissens (Spott über „Meinungen“) / Russländische „Spezialdienste“
Im Zug habe ich notiert, wie m.E. „Die Pyramide des Wissens“ aufgebaut sein sollte, um die Fähigkeit zu erlangen, existentiell wichtige gesellschaftlich Konflikte analytisch zu durchdringen und plastisch darzustellen, d.h. auch witzig, pointiert, aphoristisch.
1. Basis: sinnliche Erfahrungen, Landes- und Sprachkenntnisse, langjährige Feldforschungen mit überprüfbaren Arbeitsthesen, Demut und Neugierde, reiche soziale „Vernetzung“ (meine Wenigkeit verkehrt regelmäßig mit Menschen aus allen Schichten, auch mit „Extremisten“ – frühere Hooligans sind einige meiner besten Freunde).
2. theoretische Ausbildung, Lektüren, Kenntnis der Forschungsliteratur, Kenntnis der internationalen Debatten
3. Denk- und Reflexionsvermögen, Qualität der analytischen und darstellerischen Fähigkeiten (im Schach beispielsweise ab dem Level Elo 2000). Die Fähigkeit, die Perspektiven häufig zu wechseln sollte selbstverständlich zum analytischen Instrumentarium gehören, zur Grundausrüstung mündiger Menschen im Sinne Immanuel Kants.
Im Falle des Krieges gegen putin-ruzzland ist für die Fähigkeit zu urteilen unerlässlich: die Gewalttraditionen und Maskeraden der russischen Geheimdienste zu kennen, die Aufgaben und Praktiken der ruzzländischen „Spezialdienste“, die Traditionen der Folter und der Lager, den materialisierten Menschenhass.
Ebenso wichtig: die traumatische Geschichten der Menschen in der Ukraine und ihrer Vorfahren gut zu kennen, die Ermordung der ukrainischen Künstler, die erzwungenen Hungersnöte mit Millionen Opfern, die massenhaften Deportationen in den Fernen Osten, die politischen Morde im staatlichen Auftrag, von Moskau aus dirigiert, geplant, kontrolliert, in den gleichen Gebäuden wie heute auch, im Kreml und in der Lubjanka, aber natürlich nicht nur dort.
Literatur: Heiner Müller „Gesammelte Irrtümer“, Denis Diderot „Jacques der Fatalist und sein Herr“
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