Reise in die Schweiz und nach Deutschland
Poltawa, 21.08.2026
Langer erster Abend in Poltawa mit Tankist, Bandurist, Spielberg, Pessoa (unser anarchistischer Banker) und Natascha, sowie einem Krieger Roman – den ich bis dato nicht kannte und der seit 2014 gekämpft hat! Zwölf Jahre, fünf Schädel-Hirn-Traumata, ansonsten keine schweren Verletzungen, alle Glieder sind noch dran. Er klagte über Gedächtnislücken und über seine geringe Rente, bezeichnete sich aber als Optimist, obwohl er „alles“ verlor, seine Wohnung, seine Familie. (Nach den Gründen für diese Verluste fragte ich nicht. Wir waren in der Kneipe, ich führte kein Interview.) Seine Motivation: Er wolle, dass seine Tochter Ukrainisch sprechen und Gedichte von Taras Schewtschenko lesen könne.
Pessoa blieb seinem Rhythmus treu und kam wie jede Woche Montags, Mittwochs und Freitags in die Kneipe. Ausnahmsweise wollte er mal nicht mit mir über Hegel reden. Er ist stolz darauf, etwas von Hegel gelesen zu haben; was und wie viele Schriften, darauf bekomme ich keine klare Antwort. Er arbeitet bei einer Bank und sagt, seine wichtigste Aufgabe dort sei es, die anderen beim Arbeiten nicht zu stören. Ich dachte anfangs, er sei dort so eine Art Aufseher, Kontrolleur. Aber nein, er ist Jurist. In der Jugend soll er eine ziemlich rote Socke gewesen zu sein. Er ist ein begnadeter Tänzer, das erstaunt mich immer wieder.
Getanzt haben wir auch, zu zwei Liedern von Adriano Celentano. Zu mehr reichte „die gute Stimmung“ nicht. (Wie mich dieses Wort ekelt! In Deutschland fragten mich sogar zwei kompetente Kollegen gleich zu Beginn unseres Gesprächs nach der „Stimmung in der Ukraine“, ob jetzt mehr Menschen pessimistisch oder optimistisch seien. Ich konnte ihnen nicht klarmachen, dass solche Maßstäbe nur überflüssiger Ballast sind. Das sind die Momente, in denen ich Zivilisten verachte. Statt sich meine Erfahrungen beschreiben zu lassen, bestreiten sie meine Diagnose. Also noch ein Mal zum Mitschrieben: Putzt euch mit eurer Gefühlsduselei eure verzärtelten europäischen Näschen! Im Krieg muss man handeln, entscheiden, laufen, fliegen. Aber auf etwas zu hoffen bedeutet nur, später die Lasten der Enttäuschung tragen zu müssen. Pessimistisch, optimistisch, das sind typische Publikumsfragen.
In unserer Kneipenrunde waren uns natürlich einig darüber, dass die Ukrainer unbesiegbar sind und immer sein werden. Auch haben wir darüber diskutiert, wo in Zukunft die ukrainisch-chinesische Grenze verlaufen wird. An der Wolga oder am Ural, das waren die Favoriten.
Meine Heimfahrt verlief ein bisschen chaotisch. In Dresden merkte ich, dass ich meinen Pass in Berlin vergessen hatte. An der ukrainischen Grenze „meinte“ ein Drogenhund, bei mir Gras gefunden zu haben, aber ich hatte nur 10 Tage zuvor etwas im Rucksack gehabt, in Berlin. Ob ich vielleicht ein bisschen Gras vergessen hätte herauszunehmen, fragte der Fahnder, das sein hier an der Grenze schon passiert. Ich bin doch kein Idiot, sagte ich. In Winnyzja mussten wir Passiere aus dem Zug wegen eines Angriffs mit Drohnen evakuiert werden. Ich las auf dem Bahnsteig letzte Prosa von Gerd Schönfeld und vergaß, dass unser Zug nach der Evakuierung ein Stück nach vorn gefahren war und stieg dann in den falschen Zug dahinter ein. Es hätte Gerd gefallen, keine Frage. Also musste ich mit der Elektritschka nach Kyiv fahren und kam vier Stunden später als geplant an.
Fahrzeit Berlin – Poltawa von Montagmorgen bis Mittwochmittag.
Heute fahre ich gen Osten in heißere Zonen. Es gibt viel zu tun. Die Registrierung für das Feuerwehrauto vom Zürcher Flughafen müssen wir bis Montagabend fertig machen, und die Unterlagen für den Bau eines neuen Tierheims für Straßenhunde müssen noch vervollständigt werden, einige Missverständnisse müssen ausgeräumt werden. Wir brauchen Geld u.a. für Tarnnetze, und ich soll eine große Powerbank besorgen, die 800 Euro kostet.
Wer helfen möchte, hat hier dazu Gelegenheit:
Interbridge Nbg e.V.
IBAN: DE44 7605 0101 0013 7063 12
BIC/SWIFT: SSKNDE77XXX
Zweck: Hilfe Evakuierung
Kurzes Resümee über meine Zeit in der Schweiz und in Deutschland: Es war schön. Viele kluge, sympathische, interessierte Menschen konnte ich treffen. Vielen bin ich zu Dank verpflichtet. Urban Frye für die Einladung in die Schweiz und die Gespräche über weitere Projekte. Heinz Lienhard und dem Hotel Heinz für die produktive Zeit und die Möglichkeit, mal durchzuatmen. Christina Daletzka für ihre zauberhafte Kraft, mich zu motivieren. Nora Gomringer und der Villa Concordia in Bamberg für die herzliche Gastfreundschaft. Meinem Freund RB für die vielen Einladungen und die fröhlichen Gespräche. Meinem Cousin in Gotha. Benjamin Quenzel für den beeindruckenden Abend in Lutherstadt Eisleben. Blechi Ukraina und seiner Frau Oksana für den Fahrservice, die Möglichkeit zu übernachten und spannende Gespräche. Originalton Blechi: „Wir Volontäre helfen einander doch!“ So soll es sein.
Bestimmt habe ich jemanden vergessen – ich bitte vorab um Verzeihung!
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